Moral und Marktwirtschaft: Die M&M-Frage

Moral und Marktwirtschaft: Die M&M-Frage
Südkurier-Artikel vom 17. April 2004

Weil auch fast 15 Jahre nach dem Ende der DDR die Landschaften nur stellenweise blühen, haben nicht wenige Menschen in den neuen Bundesländern den Glauben an die Marktwirtschaft verloren. Weil es immer schwieriger wird, in traditionellen Sport- und Kulturvereinen Ehrenämter zu besetzen, sprechen viele vom Zeitalter des Egoismus. Weil rund um den Globus Top-Manager vor Gericht stehen und sich der Ex-Bundesbankpräsident Ernst Welteke von einer privaten Bank hat aushalten lassen, wird der Verfall der Moral angeprangert. – Die Marktwirtschaft ist legitimationsbedürftig geworden. Auch wenn die meisten Menschen in relativem Wohlstand leben.

Der Schweizer Ökonom Bruno Frey hat herausgefunden, dass – obwohl in den westlichen Industriestaaten das Pro-Kopf-Einkommen seit den fünfziger Jahren stetig stieg – die persönliche Zufriedenheit der Menschen konstant geblieben oder sogar gesunken ist. Macht der Kapitalismus die Menschen unmoralisch, egoistisch und unglücklich?

Keine Frage, dass sich nur eine Minderheit den Sozialismus (in welcher Ausprägung auch immer) zurück wünscht. Aber die meisten sehen im Kapitalismus nicht die beste aller Welten, sondern lediglich das kleinere Übel. Dabei ist der Kern des Kapitalismus fast schon ein Heilsversprechen. Er besteht nämlich darin, dass dem Menschen die Freiheit gegeben wird, das anzubieten, was er möchte, und das zu kaufen, was er will. Das bedeutet kein Leben im Schlaraffenland. Denn die Freiheit unterliegt Beschränkungen: Wer Produkte verkaufen will, muss bestimmte Fertigkeiten besitzen (etwa bei der Herstellung oder dem Handel), und wer Dinge haben möchte, braucht dazu das nötige Kleingeld. Und doch ist der Grundgedanke des Kapitalismus die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben.

In der Praxis führt diese Freiheit zu jenem Wettbewerb, der von den einen gelobt wird, weil er den Wohlstand gebracht hat, während die anderen ihn verteufeln, da er unmoralisches Verhalten und Egoismus fördere. Aber stimmt das?

Ein Beispiel: In einem kleinen Dorf gab es bisher nur einen Bäcker. Nach der Einführung der Marktwirtschaft entschließt sich ein Dorfbewohner, ebenfalls eine Bäckerei zu eröffnen. Was ändert sich? Zweifellos wird sich der bisherige Monopolbäcker schlechter stellen. Er muss nämlich aufpassen, seine Kundschaft nicht an den Neueinsteiger zu verlieren. Beide werden um die potenziellen Kunden kämpfen müssen. Und beide haben dazu zwei Möglichkeiten: Sie müssen billiger und/ oder besser sein als ihr Konkurrent. Ohne Frage wird sich das Angebot an Brot, Brötchen und Gebäck vergrößern und gleichzeitig werden die Preise fallen.

Fazit Nummer eins: Wettbewerb führt zu mehr Wohlstand.

Aber was ist mit der Moral? Lässt ein harter Wettbewerb zwischen den beiden Bäckern nicht die Sitten verfallen? Keineswegs. Im Gegenteil. Als der alteingesessene Bäcker noch die Monopolstellung inne hatte, war für ihn der Anreiz groß, sich unmoralisch zu verhalten. Um Geld zu sparen, konnte er kleinere Brötchen backen. Und um mehr Freizeit zu haben, hat er möglicherweise die Öffnungszeiten verkürzt und das Warensortiment klein gehalten. Er musste lediglich aufpassen, dass sein Angebot nicht so schlecht und teuer wurde, dass die Dorfbewohner es vorzogen, ihr Brot selbst zu backen. In der Summe aber bestand der Anreiz, zum Nachteil der Dorfbewohner (höhere Preise, schlechteres Angebot) den eigenen Wohlstand (mehr Geld und Freizeit) zu vergrößern.

In einer Wettbewerbssituation wird aus dem Bäcker kein besserer Mensch. Er kann sich aber sein unmoralisches Verhalten schlicht nicht mehr erlauben, weil die Kundschaft sonst zur Konkurrenz wechselt.

Fazit Nummer zwei: Im Kapitalismus sind die Menschen nicht moralischer, aber ein funktionierendes System belohnt jene, die anderen Gutes tun – ein entscheidendes Argument für den Kapitalismus. Denn die Erfahrung lehrt, dass nur jene Gesellschaftsformen auf Dauer Bestand haben, die nicht ständig moralisches Verhalten einfordern.

Wettbewerb, so sagt der Wirtschaftsethiker Karl Homann, ist solidarischer als Teilen. Und überall dort, wo es an Wettbewerb mangelt und Märkte abgeschottet werden, sind Stagnation und Verschwörung an der Tagesordnung.

Das gilt im kleinen Dorf mit nur einer Bäckerei genauso wie im ganzen Land. Etwa, wenn auf dem deutschen Arbeitsmarkt das Tarifkartell von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden das Millionenheer von Arbeitslosen mitverursacht. Während eine Auflösung des Kartells die Arbeitsplatzbesitzer zur Solidarität mit den Arbeitslosen zwingen würde.

Walter Eucken, der Mitbegründer der Sozialen Marktwirtschaft, hat einmal geschrieben, dass die Gesamtordnung so sein soll, dass sie den Menschen das Leben nach ethischen Prinzipien ermöglicht. Eine funktionierende Marktwirtschaft offeriert diese Möglichkeit. Umsetzen muss sie jeder selbst.


Dieser Artikel ist am 17. April 2004 im Südkurier erschienen und erhielt 2005 den Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik. Auf diesem Blog werden in unregelmäßigen Abständen eine Auswahl an Artikeln aus meiner Zeit beim Südkurier (1999 bis 2007), die bisher nur in Print vorliegen, veröffentlicht.   

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3 Gedanken zu “Moral und Marktwirtschaft: Die M&M-Frage

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