Warum gibt es in der sozialen Marktwirtschaft Umweltprobleme?

Lassen sich Umweltprobleme wie der Klimawandel mit marktwirtschaftlichen Mitteln lösen, oder ist die Marktwirtschaft Verursacher der Probleme? – Vermutlich tendiert die Mehrheit der Deutschen zu letzterer These und vermutlich die große Mehrheit der Umweltbewegten in der Fridays for Future-Bewegung ebenso. Aus Sicht der Freunde sozialer Marktwirtschaft wäre das wenig erfreulich.

Auf der anderen Seite: Dass Klimaschutzengagierte häufig marktkritisch sind, leuchtet augenscheinlich ein. Denn offensichtlich entstehen in Marktwirtschaften große Umweltprobleme. Um aber zu verstehen, dass nicht Märkte, sondern das Fehlen von Märkten Kern des Problems ist, braucht es die ökonomische Durchdringung des Themas (was für die meist gebildeten Fridays for Future-Unterstützer kein Problem sein sollte).

Warum also kommt es in Marktwirtschaften zu Umweltproblem wie dreckigen Flüssen, Waldsterben, Ozonloch und Klimawandel? Regelmäßig kommen Diskutanten bei der Beantwortung dieser Frage nicht zusammen. Marktkritiker sagen, dass die Marktwirtschaft all diese Probleme erschaffen habe, während die Marktfreunde argumentieren, dass, wenn es nur Fortschritt gibt, sich diese Probleme in Luft auflösen.

Beide Seiten haben einigermaßen Unrecht. Denn weder löst Fortschritt per se Umweltprobleme (er kann sie sogar verstärken, etwa wenn neue Techniken für den leichteren Abbau fossiler Brennstoffe entwickelt werden), noch ist die Marktwirtschaft als System Auslöser von Umweltproblemen. Kern der Umweltprobleme ist Marktversagen. Die Ressource „Umwelt“ wird genutzt, ohne dass dafür ein Preis zu entrichten ist. Ob verdreckte Böden, Flüsse oder Luft, das Grundproblem ist immer das selbe: Es ist nicht ein zu viel, sondern ein zu wenig an Markt, was die großen Umweltprobleme entstehen lässt.

Umgekehrt heißt das: In der Herstellung von mehr Markt liegt die Lösung. Die Thematik ist in der Ökonomie spätestens seit den 1960er Jahren durchdrungen. Die Lösungen liegen entweder in Verhandlungslösungen ohne Staat (Coase-Theorem, 1966 -> Nobelpreis für Ronald Coase 1991) oder im Eingriff des Staates, der das Marktversagen heilt. Der Staat gibt dabei dem Gut „intakte Umwelt“ einen Preis (etwa CO2-Steuer) oder verknappt es (Emissionszertifikatehandel) und beendet so die übermäßige Nutzung.

In der Fridays for Future-Bewergung liest man wenig darüber. Die Folge: Die Marktwirtschaft wird für Umweltprobleme verantwortlich gemacht. Erst wenn man versteht, dass Marktversagen das eigentliche Problem ist, ist der Boden bereitet, Marktwirtschaft und Umweltschutz als zwei Seiten einer Medaille sehen zu können. Das heißt aber auch: Will man in der Klimaschutz-Debatte mit sozialer Marktwirtschaft im Sinne von guter Ordnungspolitik punkten, muss man dieses ökonomische Verständnis erzeugen. Sie ist der Kern der Überzeugungsarbeit.

Sie ist auch wichtig, weil die Politik sich an den Überzeugungen der Wähler orientiert. In den nächsten Wochen werden Weichen gestellt. Geht es Richtung Planwirtschaft („Klimagesetz“ von Svenja Schulze mit einer vermutlich unüberschaubaren Zahl an Einzelmaßnahmen) oder gute Umweltpolitik mit marktwirtschaftlichen Mitteln (mit dem einzig notwendigen Instrument der Ausweitung des Emissionshandels). Letzteres würde nicht nur der Wirtschaft – und damit unserem Wohlstand – helfen (Umweltschutz zu niedrigst möglichen Kosten), sondern auch dem Klima (durch Zielerreichung der Reduktionsvorgaben).

Keinen Post verpassen? Folgen Sie dem Pixelökonom auf Facebook, Twitter oder abonnieren Sie den RSS-Feed.

Use markets to save the planet

Die Marktwirtschaft hat in der Klimaschutzdebatte einen schweren Stand. Auf den ersten Blick zu Recht. Die Arbeitsteilung mittels Märkte hat Teilen der Menschheit großen Wohlstand gebracht, gleichzeitig aber auch zu vielfältigen Umweltproblemen geführt. Der Klimawandel infolge des Verbrennens fossiler Energieträger ist da nur eines, wenn auch – global betrachtet – vermutlich das größte Problem.

Wer aber die Marktwirtschaft für den Klimawandel verantwortlich macht, hat das Thema nicht durchdrungen. Denn es ist gerade das Fehlen von Märkten, was zur Erderwärmung führt.

Die Erkenntnis, dass übermäßige Umweltverschmutzung meist Folge von Marktversagen ist, liegt seit Jahrzehnten vor (siehe zum Beispiel „Umweltökonomie“ von Bruno Frey, 1972 ). So ist etwa eine intakte Atmosphäre ein öffentliches Gut.

Öffentliche Güter zeichnen sich im Konsum durch die Eigenschaften Nicht-Ausschließbarkeit und Nicht-Rivalität aus. Märkte versagen unter solchen Bedingungen. Es fehlt an Eigentumsrechten für das Gut „intakte Umwelt“ und somit ein Preis. Jeder kann ohne persönliche Kosten die Umwelt nutzen – und somit schädigen.

Beispiel fossile Energie: Bis vor wenigen Jahren musste kein Mensch auch nur einen Cent für das Ausstoßen von CO2 zahlen. Die Folge: Unkontrolliert viel Kohlendioxid in der Atmosphäre. Mittlerweile sind die negativen Folgen sichtbar.

Man kann früheren Generationen dafür kaum einen Vorwurf machen. Lange Zeit war der Zusammenhang von CO2-Ausstoß und Erderwärmung nicht bekannt. Das ist mittlerweile anders. Wissen schafft Verantwortung. Das gilt bei Umwelt- wie bei Wirtschaftsthemen. Und deshalb stehen auch Ökonomen in der Verantwortung, dass die Erkenntnis um sich greift, dass mit Märkten das Klima gerettet werden kann. Und dass es dazu auch den Staat braucht, der nämlich dafür sorgen muss, dass Märkte entstehen können. Indem er etwa Eigentumsrechte am Gut Umwelt vergibt oder – wie beim europäischen Emissionszertifikatehandel – schlicht definiert, wie viel Umweltbelastung noch zumutbar ist, etwa in dem er bestimmt, wie viel CO2 maximal ausgestoßen werden darf.

Der Staat als Reparateur, als Hersteller eines Marktes, er heilt das Marktversagen und bringt den Marktmechanismus in den Umweltschutz – der entscheidende Schritt für eine relevante Beschränkung des Anstiegs der Erderwärmung.

Mit Märkten kann nicht nur zielgenau Umweltschutz betrieben werden, sondern auch effizient; dass also etwa eine CO2-Vermeidung so umgesetzt wird, dass es der Gesellschaft am wenigsten weh tut. Das geht nur mit Märkten. Denn es braucht das kumulierte Wissen der Vielzahl an Marktteilnehmern, um Umweltschutz bestmöglich betreiben zu können.

Der europäische Emissionszertifikatehandel zeigt es: Oft kritisiert für seine angeblich zu niedrigen Preise, leistet er, was er leisten soll, er reduziert die Emissionen exakt in der gewünschten Höhe. Dass Deutschland seine Emissionsziele für 2020 dennoch verfehlt, liegt an jenen Bereichen, die nicht vom Emissionshandel erfasst sind: Straßenverkehr, Landwirtschaft, Gebäude. Die Energiewirtschaft und relevante Teile der Industrie befinden sich dagegen – weil Teil des Handelssystems – auf dem vorgegebenen Reduktionspfad.

Gut möglich, dass im anstehenden Herbst die politischen Weichen in Deutschland gestellt werden, wohin sich der Klimaschutz hierzulande bewegt. Die Erkenntnis, dass die Festlegung von Obergrenzen durch den Staat plus Handel mit Verschmutzungsrechten der beste Weg sind, um Klimaschutz punktgenau bei geringst möglichen Kosten zu erreichen, ist unter Ökonomen mittlerweile eine Binsenweisheit. Die Diffusion in die breite Öffentlichkeit aber findet nur langsam statt. Der Politik wird es so schwer fallen, die für den Klimaschutz besten Entscheidungen zu treffen.

Keinen Post verpassen? Folgen Sie dem Pixelökonom auf Facebook, Twitter oder abonnieren Sie den RSS-Feed.

Kausalität und Korrelation: Bestimmt das Einkommen die Lebenserwartung?

Die Lebenserwartung steigt mit dem Lohneinkommen”, schreibt der Spiegel  in Auswertung des DIW-Papers „Besserverdienende profitieren in der Rentenversicherung zunehmend von höherer Lebenserwartung“ und suggeriert damit eine Kausalität, wonach die Einkommenshöhe die Lebenserwartung deutlich mitbedinge. Wie diese Kausalität zustande kommen soll, darüber liest man im Spiegel nichts. These: Sie gibt es so nicht. Die Möglichkeiten, Gesundheitsleistungen in Anspruch zu nehmen, machen sich in Deutschland nur zum kleinen Teil an Vermögen und Einkommen fest. Weiterlesen Kausalität und Korrelation: Bestimmt das Einkommen die Lebenserwartung?

Auf der Suche nach Gewinnern: Was wären die Konsequenzen einer Enteignung von Wohnungen?

“Markt macht Armut – Wohnen ist ein Menschenrecht”: Unter diesem Motto haben am Wochenende (nach Veranstalterangaben) 40.000 Menschen in Berlin demonstriert (hier Bewegbilder). Es ging gegen hohe Mieten und den Auftakt des Volksbegehrens “Deutsche Wohnen & Co. enteignen”. Wer aber würde durch eine Enteignung von Wohnungsbau- und Wohnungsvermietungsfirmen eigentlich gewinnen, wer verlieren? Ein Überblick.

Weiterlesen Auf der Suche nach Gewinnern: Was wären die Konsequenzen einer Enteignung von Wohnungen?

Klimaschutz als Geschäftsmodell: Wem die Politik die Klimarettung überlassen sollte

Politikern wird bekanntlich gerne (und in der Regel zurecht) vorgeworfen, dass sie nur in der kurzen Frist denken können. Bis zur nächsten Wahl, höchstens die Spanne des eigenen Politikerlebens im Blick habend. Da klingt es zunächst erfreulich, dass in der politischen Debatte um den Klimaschutz die kommenden Jahrzehnte in den Fokus gerückt sind. Weiterlesen Klimaschutz als Geschäftsmodell: Wem die Politik die Klimarettung überlassen sollte

Wir sollten Arbeit statt Nicht-Arbeit fördern

Soll Nicht-Arbeit stärker als bisher alimentiert werden? Durch eine Reform von Hartz IV? Durch ein bedingungsloses Grundeinkommen? Der Zeitpunkt für eine solche Debatte könnte unpassender nicht sein: Die Zahl der Hartz IV-Bezieher geht zurück (trotz vieler Geflüchteter), die Nachfrage nach Arbeitskräften bleibt hoch und das Verhältnis von Rentnern zu Arbeitenden wird weiter zunehmen. Weiterlesen Wir sollten Arbeit statt Nicht-Arbeit fördern

Die Trittbrettfahrer von Kattowitz

Der Klimaschutz leidet bekanntlich unter dem Trittbrettfahrer-Problem. Die Folge: Jedes Land hat ein Interesse, weniger als notwendig gegen den Klimawandel zu tun. Wie erfolgreich ist deshalb wohl mutmaßlich eine Klimaschutzpolitik, wie sie jetzt auf der Weltklimakonferenz in Kattowitz bestätigt wurde, bei der jedes Land weiter seine eigene Klimapolitik betreiben kann? Weiterlesen Die Trittbrettfahrer von Kattowitz

Wer braucht schon Wohlstand? – Ein Abend bei der Heiner-Müller-Gesellschaft

Ich hatte mich vorbereitet. Über Heiner Müller bei Wikipedia und Der ZEIT gelesen (Müller, 1987: “Arbeitslosigkeit, ökonomische Schwierigkeiten, die Probleme mit der Computerisierung, das alles ist doch nicht lösbar ohne eine globale kommunistische Perspektive.”). Ich hatte mir also schon gedacht, dass die Freunde der Marktwirtschaft es an diesem Abend nicht ins Deutsche Theater Berlin zieht. Ich war vorbereitet und wurde dennoch überrascht. In der zehnten Ausgabe des Müller-Salons wurde “Eldorado” (Deutschland/Schweiz 2018, 92 min.) gezeigt. Ein Film des Schweizers Markus Imhoof (geb. 1941 in Winterthur, seit 2003 in Berlin). Weiterlesen Wer braucht schon Wohlstand? – Ein Abend bei der Heiner-Müller-Gesellschaft

Warum Politiker einen steigenden Mindestlohn toll finden (müssen)

Die unerwartet starke Erhöhung des Mindestlohns wird mehrheitlich von der Politik begrüßt. Wie könnte es auch anders sein. Steigende Löhne sind etwas Gutes. Etwas anderes ist in der mit starken Verkürzungen arbeitenden Medienwelt kaum vermittelbar. Bereits eine Argumentation in drei Schritten dringt selten durch. Es gilt das Wenn-Dann-Paradigma. Und das lautet beim Mindestlohn: Ein höherer Mindestlohn ist zu begrüßen, weil dies höhere Löhne bringt. Oder negativ formuliert: Wer für einen niedrigen Mindestlohn votiert (oder sogar gegen den Mindestlohn ist), der gönnt den Menschen offenbar nichts oder steht wahlweise im Dienste von Kapitalinteressen. Der Politik bleibt deshalb kaum eine Wahl, als selbst einen möglichst hohen Mindestlohn zu fordern (bei SPD und Linke sind es 12 Euro). Weiterlesen Warum Politiker einen steigenden Mindestlohn toll finden (müssen)

Warum wählen so viele Italiener Populisten?

Warum wählen so viele Italiener Populisten? Nicht zuletzt, weil das politische Projekt der Euro-Einführung gegen die ökonomische Vernunft war. Ein großer Währungsraum braucht bekanntlich flexible Faktormärkte, um etwa Arbeitslosigkeit zu verhindern. Denn das Mittel der Abwertung zur Wiederherstellung von Wettbewerbsfähigkeit geht in einem einzigen Währungsraum verloren. Davor haben Ökonomen vor der Euro-Einführung einhellig gewarnt. Doch die notwendige Flexibilisierug hat in weiten Teilen Europas nicht stattgefunden. Die italienische Wirtschaft hat so Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt – mit verheerenden Konsequenzen für eine ganze Generation. Die Arbeitslosigkeit unter Italienern zwischen 15 und 24 Jahren liegt bei 32 Prozent! In keiner anderen Altersgruppe haben so viele Wähler für die europakritischen Populisten gestimmt. Bei der Wählergruppe zwischen 18 und 30 Jahren kamen die Fünf Sterne landesweit auf einen Stimmenanteil von 44 Prozent. Für die Lega gaben weitere 13 Prozent der Jungwähler ihre Stimme ab. Die Verantwortung für das Wahlverhalten der (jungen) Italiener liegt nur in Teilen in Italien.