Die Angst vor der Freiheit: Warum lässt sich mit mehr Selbstbestimmung (Beispiel Flexirente) politisch kaum punkten?

Gespräch beim Abendessen, diese Woche. Wir erzählen, was der Tag, der Arbeitstag, für Gedanken brachte. Sie wundert sich, wie häufig Menschen Strukturen einfordern würden. Sich Vorgaben wünschten. Statt Zwanglosigkeit als Freiheit zu empfinden. Und zu nutzen. Um eigene Ideen und Vorstellungen umzusetzen. Freiheit als Gestaltungsraum. Das sähen wenige so.

Ich erzähle von meinen Arbeitstag, dass die Regierung sich ja beim Rentenpaket geeinigt habe. Dass die Machthaber Mütterrente und Rente mit 63 als Schritt zu mehr Gerechtigkeit verkauften. Dass es nichts anderes sei als Interessenpolitik. Gegenüber ihrer Wählerschaft. Die weitgehend aus Älteren (also den Profiteuren der Gesetzesänderungen) bestehe. Dass es aber einigen Parlamentariern immerhin gelungen sei (vor allem Jüngere, zum Beispiel er), die so genannte Flexirente ins Gesetz zu bekommen. Zumindest einen Teil davon.

Hintergrund // Die Arbeitgeber haben mit Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters eine Art „Sonderkündigungsrecht“. Sie können an dieser Stelle ein ansonsten unbefristetes Arbeitsverhältnis beenden. Da dies fast ihre einzige Chance ist, ein Arbeitsverhältnis zu lösen, tun sie dies. Die Folge: Arbeitnehmer gehen fast alle zur gleichen Zeit in Rente. Was bei der Flexirente jetzt beschlossen wurde: Neben diesem faktisch einmaligen Kündigungsrecht durch den Arbeitgeber soll es in Zukunft die Möglichkeit gegeben, ab Erreichen dieser Grenze befristete Arbeitsverträge zu schließen. Faktisch  bekommt der Arbeitgeber also ein wiederkehrendes Kündigungsrecht, was dazu führt, dass er nicht mehr „gezwungen“ wird, sich von seinen Beschäftigten mit Erreichen des Renteneintrittsalters zu trennen. Die Befristung der Arbeitsverhältnisse ist allerdings nur eine Hälfte der notwendigen Verbesserung. Was in einer Arbeitsgruppe bis Herbst beschlossen werden soll: Die Anreize der Beschäftigung ab Renteneintrittsalter zu erhöhen. Denn neben der Frage der Befristung hindern auch die Sozialversicherungsbeiträge die Weiterbeschäftigung. Heute muss ein Betrieb, der einen über 65-Jährigen einstellt, Renten- und Arbeitslosenbeiträge abführen muss, obwohl der Beschäftige keinerlei Ansprüche erwirbt (ein Rentner, der arbeitslos wird, bekommt Rente und kein Arbeitslosengeld).

Ich rede weiter. Dass die Flexirente für mich eine kleine Revolution sei. Die aber kaum wahrgenommen werde. Eine Revolution, weil sie den Menschen Selbstbestimmung gebe. Dass heute die Menschen fast alle zur gleichen Zeit in Rente gingen. Nicht weil das ihr Wunsch sei, sondern weil das Ihnen so vorgegeben werde. Die Menschen hätten das bisher so hingenommen. Obwohl der Einschnitt in die freie Lebensführung (an der Stelle von Arbeit zu Nichtarbeit) gravierend sei. Warum haben die Menschen bisher dagegen nicht protestiert, frage ich (mich).

Erst später merke ich: Das Gespräch beim Abendessen drehte sich aus zwei Perspektiven um ein Thema: um Selbstbestimmung, um Freiheit. Vermutlich vor allem: um die Angst vor der Freiheit. Denn warum wird der Fortschritt hin zur Flexirente nicht gebührend gefeiert? Wo doch alle gewinnen. Die Arbeitgeber, die Arbeitnehmer, die Sozialversicherungen (mehr Einnahmen), der Staat (mehr Steuern). Vor allem aber jeder einzelne. Es ist eine Rückkehr der Selbstbestimmung für Millionen. Die haben in Zukunft die Möglichkeit (so sie und ihre Arbeitgeber das wollen) nicht mehr zu einem vorgegebenen Stichtag ihr Arbeitsleben zu beenden. Sie werden ihre Lebensführung ein Stück weit ihrem Willen nach gestalten können. Warum kräht danach kein Hahn?

Wird (diese) Freiheit (von mir) überbewertet? Weil der Ökonom dazu neigt, Freiheit ausschließlich positiv zu sehen? Weil Freiheit in aller Regel die Zahl der Entscheidungsmöglichkeiten erhöht. Und wer mehr Auswahl hat, der kann eben tendenziell auch das für ihn Passendere wählen.

Unterschätzt der Ökonom die Kehrseite der Freiheit? Weil uns die Freiheit eben auch zu Entscheidungen nötigt. Und wir so verantwortlich für unser Tun werden. Und wir uns also auch falsch entscheiden können. Und uns andere (oder wir selbst) vorwerfen können, dass wir nicht richtig gehandelt hätten. Wir so anfällig für Kritik werden.

Geben uns dagegen andere vor, wie wir handeln sollen (am Tag des gesetzlichen Renteneintrittsalters in Rente gehen), dann machen wir nichts falsch. Dann haben höchstens die anderen Schuld, jene, die uns gezwungen haben, das zu tun, was für uns alternativlos war.

Bewerten Ökonomen diese Kehrseite unter? Oder führt, wem diese Kehrseite zu wichtig ist, ein falsches Leben im Falschen?

Ich vermute, wer ein entscheidungsfreies Leben schätzt, macht es sich nicht nur einfach, er wird auch nicht glücklich. Er kann es nicht werden. Weil er losgelöst von seinen Wünschen lebt, leben muss. Er hört (besser) nicht in sich hinein. Sonst müsste er möglicherweise erkennen, dass die Vorgaben (Rente zu einem Stichtag) gar nicht zu den eigenen Wünschen (eventuell länger arbeiten) passen.

Das ist das Drama der verlorenen (oder nie erlangten) Freiheit: Wer sie nicht hat, muss sich von sich selbst verabschieden. Wer dagegen auf sich hört, wird für die Freiheit kämpfen.

Vertiefung: Die Furcht vor der Freiheit, Erich Fromms erstes von zahlreichen populären Büchern, das er 1940 und 1941 im Alter von 41 Jahren unter dem Eindruck des 2. Weltkriegs schrieb. Es ist ein Dokument der Zeitgeschichte, das sich aber liest, als sei es für die heutige Zeit geschrieben.

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