Ein kluger Kopf auf fremden Feldern: Warum Frank Schirrmacher (oft) irrt

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, ist ohne Zweifel ein kluger Kopf. Und er ist ohne Zweifel ein gutes Beispiel dafür, dass kluge Köpfe über Dinge, von denen sie wenig Ahnung haben, ziemlich viele unkluge Dinge sagen und schreiben können. Bei Frank Schirmmacher verhält es sich so beim Thema Ökonomie.

Leider wird das häufig nicht bemerkt. Zumindest nicht von den Menschen, die auf dem Gebiet, auf dem der kluge Kopf wenig Ahnung hat, ebenfalls wenig Ahnung haben.

Frank Schirrmacher hat sich nun (wie könnte es anders sein) zu der in seiner Zeitung initiierten Google-Debatte ebenfalls zu Wort gemeldet, in Form eines Interviews. Ich bin darauf gestoßen, weil Sascha Lobo ein Zitat daraus twitterte (genauer gesagt zitiert Schirrmacher in dem Interview Norbert Wiener, ebenfalls ein kluger Kopf).

Ich weiß nicht, was Sascha Lobo von diesem Zitat hält. Ob er es getwittert hat, weil er es für besonders geistreich hält oder das Gegenteil davon. Für mich jedenfalls ist es ein klassisches Schirrmacher-Zitat (auch, wie gesagt, wenn sich Schirrmacher in diesem Fall auf einen anderen beruft). Ein Zitat, über das sich herrlich diskutieren lässt. Das sich liest, als habe sich jemand ausführlichst Gedanken über ein gesellschaftlich relevantes Thema gemacht und es fertig gebracht (ganz Medienprofi), die Essenz dieser Gedanken auf Twitterlänge zu bringen. Für mich allerdings offenbart Schirrmacher, einmal mehr, lediglich seine fragwürdige ökonomische Kompetenz.

Er suggeriert mit dem Zitat, dass es zwei unterschiedliche Formen des Zusammenlebens gäbe, eine gute, in der Maschinen nicht mit Menschen konkurrieren würden und eine schlechte, bei der dies eben der Fall sei, und in der die Menschen ihre Freiheit verlören („Sklavenarbeit“).

Was sich aus ökonomischer Sicht dazu sagen lässt: Mensch (Arbeit) und Maschine (Kapital) stehen in einer freien Gesellschaft sowohl in einem konkurrierend als auch in einer für beide Seiten (Kapital und Arbeit) gewinnbringenden Beziehung. Weder ist das eine gute, noch das andere schlecht. Es ist schlicht so. Folge einer freien Gesellschaft. Und das ist heute nicht anders als in früheren Zeiten.

Ein Landwirt beispielsweise steht vor der Entscheidung, ob er sein Feld mit dem Traktor (Maschine) bestellt, oder ob er etwa die Aussaat ausschließlich mit menschlicher Arbeitskraft bewältigen möchte.

Welche Entscheidung der Landwirt fällt, hängt nicht zuletzt von seinen Entscheidungsmöglichkeiten ab. Zum Beispiel, ob er überhaupt einen Traktor zur Verfügung hat. Ob es Menschen gibt, die (zu welchen Lohn?) bereit sind, stundenland über das Feld zu laufen und die Saat zu streuen.

Mensch und Maschine stehen also sowohl in Konkurrenz (hat der Landwirt einen Traktor, geht der Landarbeiter möglicherweise leer aus) als auch in einer Beziehung, die für den Mensch gewinnbringend ist (Landwirt steuert den Traktor und kann dank des Fortschritts einen höheren Ertrag bei niedrigeren Kosten erwirtschaften, wovon am Ende auch die Verbraucher profitieren). Es ist nie das eine oder das andere, immer das eine und das andere.

Das Landwirtschaftsbeispiel steht stellvertretend für fast alle Produktionsprozesse. Der Produzierende muss abwägen, ob sich eine Tätigkeit besser und/oder billiger von Mensch oder Maschine verrichten lässt. Manchmal sind die Antworten eindeutig (z.B bei der Arbeit eines Psychotherapeuten), oft, vor allem in der Industrie, der Abwägungsprozess komplexer.

Und Ja, digitale Produkte haben ihre Besonderheiten (siehe auch: Kann man eine Melodie besitzen?), aber diese Besonderheiten sind lediglich (wenn überhaupt) in der Quantität neu, nicht in der Qualität.

Fest steht: Maschinen haben im Laufe von Jahrhunderten in unzähligen Fällen (vor allem schwere körperliche) Arbeit ersetzt. Die Arbeit ausgegangen ist den Menschen dadurch nicht (Hallo Ulrich Beck, schon lange nichts mehr dazu von Ihnen gehört!). Und schon gar nicht sind die Menschen zu Sklaven geworden. Im Gegenteil: Dort wo viele Menschen zur Verrichtung  physischer Arbeit notwendig waren (Pyramidenbau), dort gab es Sklavenarbeit. Heute werden solche Arbeiten (in wohlhabenden Ländern) von Maschinen erledigt. Nicht die Konkurrenz der Menschen mit Maschinen bringt Sklavenarbeit hervor, vielmehr haben die Maschinen (technischer Fortschritt) dazu beigetragen, dass Sklavenarbeit nicht mehr nachgefragt wird.

Das hat (zugegebenermaßen) auch Frank Schirrmacher verstanden. Er aber sieht, ganz Kulturpessimist (Feuilleton!), neue Sklaven an der Arbeit, Geistessklaven, in seinem eigenen Haus, nämlich Onlineredakteure. Mindestens das vergisst Schirrmacher dabei: Das sich nämlich Sklavenarbeit vor allem über den Zwang zur Arbeit definiert (was hoffentlich nicht den Arbeitsbedingungen bei der Zeitung aus Frankfurt entspricht). Schirrmacher sieht in deren stereoptyper (das nimmt er vermutlich als Indiz für Skalvenarbeit) Arbeit (eine News nach der anderen schreiben) ein Entwicklung, die jener der gesamten Gesellschaft nur voran geht. (Auch eine schöne Umdeutung der Krise seiner Medienbranche, bleibt sie doch zumindest in diesem Sinne Vorreiter.)

So sind sie, die Strukturkonservativen! Sie wollen das Gute bewahren und verhindern, so sie erfolgreich sind, das Bessere. Sie vergessen dabei genau das, dass eben in einer freien Gesellschaft das Bessere der Feind des Guten ist. Das Schlimme daran: Sie scheuen nicht davor zurück, für die Verhinderung des Wandels, die Freiheit zu beschneiden.

Ein Gedanke zu “Ein kluger Kopf auf fremden Feldern: Warum Frank Schirrmacher (oft) irrt

  1. Sehe das ganz genauso: Wenn Maschinen mit „Sklaven“ (über die eigentlichen Wortsinn muss nicht viel gesagt werden – Schirrmacher ist sich diesem sicher bewusst) konkurrieren, werden Sklaven eher genaue diese obsolet.

    Sicher lässt sich das Bild skizzieren, dass sich die Verhältnisse von Berufsgruppen, die in Konkurrenz mit Maschinen stehen, gen „sklavische“ Bedingungen tendieren.

    Erreicht wird dieser Punkt allerdings nie. Denn: 1. Würde jeder vorher den Job wechseln. 2. Würde der Gruppennachwuchs versiegen. Und 3. steigt der Innovationsdruck innerhalb der Gruppe.

    1. und 2. führen dazu, dass die Berufsgruppe komplett verschwindet bevor deren Mitglieder unter „versklavt“ werden. Kritisch ist in der Tat der Übergang und die Tendenz während der Konkurrenz mit den Maschinen.

    3. ist … nun ja, hier entfaltet die Magie dieser Kräfte ihre Wirkung und für die betroffene Generation entsteht tatsächlich spürbarer Wohlstandszuwachs (1. und 2. liefern den auch; nur spürt der Bauer heute nicht direkt wie qualvoll das Bestellen des Ackers früher war).

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