Die unendliche Langeweile: Warum es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen keine gute Samstagabend-Show (mehr) gibt

Ein einfaches Spielkonzept (Quiz mit drei Länderteams), gut gelaunte Promis (allen voran Axel Prahl und Jan Josef Liefers) und der Mut, eine Show live zu übertragen – im Ersten war am Samstag, 20:15 Uhr, mit der Show „Spiel für dein Land“ alles für einen unterhaltsamen Abend angerichtet. Doch es kam (mal wieder) anders. Fragen aus der Mottenkiste des vergangenen Jahrhunderts (Fahren Frauen besser Auto als Männer?), ein peinliches Spiel (weil dabei der 78-Jährige Peter Kraus in Boxhandschuhen kämpfen musste und sich so verletzte, dass er die Show nicht zu Ende spielen konnte), aber vor allem mit Jörg Pilawa ein Moderator, der vor allem eines nicht kann: Unterhaltung.

Denn dafür muss man das Unerwartete zulassen. So funktioniert gute Unterhaltung: neben dem Geplanten braucht es Platz für das Unvorhersehbare, das Spontane, die überraschende Geste, die leicht schräge Antwort, die unerwartete Reaktion. Ein guter Moderator nimmt das Unerwartete auf, macht es größer, spielt es zurück. In der mehr als dreistündigen Fernsehshow gibt es dafür praktisch keinen Raum. Gibt Pilawa dafür keinen Raum. Die Gäste mühen sich redlich, aber Pilawa geht über alles hinweg. Hilflos lässt er fast jeden Ball liegen, den man ihm zuwirft.

Da überrascht es nicht, dass er auch an der größten Herausforderung des Abends scheitert, nämlich einen angemessenen Umgang mit dem nach dem Boxspiel sichtlich leidenden Peter Kraus zu finden: Pilawa ignoriert, was ob des stetig eingeblendeten schmerzverzerrten Gesichts von Kraus nicht zu ignorieren ist. Mehr als eine Stunde geht das so. Negativer Höhepunkt: Es wird in Zeitlupe die Szene eingeblendet, die zu der Verletzung von Kraus führt. Und wieder kein Umgang. Alle leiden mit, aber nur einer hat die Verantwortung, darauf entsprechend zu reagieren. Pilawa tut es nicht.

Und mit Peter Kraus leidet das Fernsehpublikum, und es stellt sich die Frage, warum dieser gigantische Apparat des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht in der Lage ist, Unterhaltungskünstler hervorzubringen oder wenigstens zu engagieren. Vielleicht weil das Geld auch fließt, wenn man nichts riskiert? Wenn man immer weiter „business as usual“ macht? Tut, was man immer getan hat? Auch auf die Gefahr, dass Shows zum Anachronismus werden? Weil dennoch ein paar Millionen Menschen am Samstagabend die Glotze einschalten? Weil, wer das eigene Programm in Frage stellt, die Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Gebührensystems im Schlepptau mit sich zieht?

Diese Fragen klingen groß für die Analyse einer einfachen Samstagabend-Show. Mir erscheinen sie dennoch treffend. Denn wie soll ein System, deren Finanzierung durch den Status Quo gesichert wird, Unterhaltung hervorbringen, deren Grundvoraussetzung das Risiko ist? Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ein Beamtenapparat. In der Regel sind dort keine Menschen gefragt, die so mutig sind, scheitern zuzulassen.

Ohne diese Fähigkeit ist große Unterhaltung aber nicht denkbar. Eine Liveshow braucht den Nervenkitzel, er ist ihr Lebenselixier. Stattdessen dominierte auch gestern Abend die Sicherheit. Bloß nichts Falsches sagen, bloß keine Fehler machen. Man sieht Jörg Pilawa von der ersten Sekunde an (als er die Showtreppe hinunterläuft), dass er in Wirklichkeit nicht da sein will, wo er gerade ist, dass er am liebsten alles schnell hinter sich hätte, alles fehlerfrei hinter sich hätte – und so ist es kein Wunder, wenn am Ende das Entscheidende fehlt: gute Unterhaltung.

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Think Big: Warum der Flughafen Tegel keine Zukunft haben sollte

Der „Tegelretter“ über Angela Merkel: Wahlplakat von Christoph Meyer in Pankow

Vielleicht ist Christoph Meyer ein Überzeugungstäter. In Pankow, dort wo die Flugzeuge im Minutentakt zur Landung auf Tegel ansetzen und man den Passagieren beim Kaugummi kauen zuschauen kann, da hat der Berliner Spitzenkandidat der FDP für die Bundestagswahl Plakate mit der Aufschrift „Tegelretter“ aufgehängt.

In keinem Stadtteil wird man sich sehnlicher die Schließung des alten Hauptstadtflughafens wünschen. Und dennoch wirbt Meyer nicht nur für die Offenhaltung, er verbindet auf dem Plakat die Bundestagswahl am 24. September 2017 mit dem parallel stattfindenden Volksentscheid für einen Weiterbetrieb Tegels. Zwei Themen, eine Wahlentscheidung: Wer beim Volksentscheid gegen Tegel stimmt, wird in der gleichen Wahlkabine kaum seine Erststimme Meyer geben. Umgekehrt gilt freilich auch: Wer für die Offenhaltung ist, votiert  möglicherweise bei der Bundestagswahl für den FDP-Mann.

Vielleicht also ist Christoph Meyer vor allem ein Stratege. Denn der Volksentscheid wird nicht in Pankow entschieden. 58 Prozent der Berliner sind für die Offenhaltung. Das wundert nicht. Denn schließlich ist nur eine (wenn auch große) Minderheit vom Fluglärm betroffen. Außerdem hat es der Status quo in Umfragen regelmäßig leicht. Das alte ist greifbar, die Vorteile bekannt; das Neue ist noch nicht erlebbar, unsicher, muss erst noch entstehen. Alles was man hat, ist die Vorstellungskraft.

Aber auch die kann für kluge Wahlentscheidungen taugen. Ob man für oder gegen den Weiterbetrieb von Tegel ist, lässt sich etwa an der Frage klären, wie man sich die Stadt der Zukunft vorstellt. Befreit von den Restriktionen der Gegenwart. Die Mobilitätsinfrastruktr sähe vermutlich so aus: Der Autoverkehr wären emissionslos und für alle anderen Verkehrsteilnehmer weitgehend gefahrlos, der Bahnhof wäre zentral, mit unterirdischer Netzanbidung, und der Flughafen wäre vor den Toren der Stadt mit einer schnellen Anbindung.

Kein Mensch käme heute noch auf die Idee, einen Flughafen in der Stadt zu bauen.

  • Weil die Schiene schnell und zuverlässig Menschen von A nach B bringen kann, dass es praktisch keinen Unterschied macht, ob der Flughafen 4 oder 14 Kilometer von der Haustüre entfernt ist.
  • Weil der Stand in der Flugtechnik noch immer so ist, dass der Landeanflug flach und laut ist (300.000 Menschen sind vom Fluglärm betroffen) – und sich absehbar daran vermutlich nichts ändern wird.
  • Weil der Vorteil der Stadt gerade darin besteht, das viele Menschen auf begrenztem Raum leben und arbeiten können. Interaktionen sind der große Vorteil der Städte. Die gigantische Fläche von Flughäfen nimmt den Menschen Möglichkeiten (siehe auch die interaktive Karte des Tagesspiegels).

Ergo: Auf kurze Sicht mag manches für einen Weiterbetrieb von Tegel sprechen, langfristig hat ein Flughafen innerhalb einer prosperierenden Stadt nichts zu suchen. Er verhindert Wohlstandsanstieg durch Flächenbeanspruchung, er verringert die Lebensqualität hunderttausender Menschen und er bringt – bei gelungener Verkehrsanbindung an einen Flughafen vor der Stadt – praktisch keinen Zeitvorteil.

Christoph Meyer mag ein Überzeugungstäter und Stratege sein. Ein Visionär ist er nicht.

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Öffentlicher Raum: Mit Marktwirtschaft mehr Lebensqualität

Ein Leben zwischen Autos – eine Straße in Berlin. // Foto: Johannes Eber

Wie sähe der öffentliche Raum in unseren Städten wohl aus, wenn wir in einer Marktwirtschaft leben würden? Wenn der Staat all die Aufgaben erledigen würde, die der Markt nicht leisten kann. Nämlich die Herstellung von öffentlichen Gütern und sozialer Gerechtigkeit. Und vor allem: Wenn er sich darauf beschränken würde.

Dann gäbe es zum Beispiel deutlich weniger Autos in der Stadt. Denn jedes Auto braucht einen Parkplatz. Autos stehen im Durchschnitt an 23 von 24 Stunden des Tages.

Parkplätze werden bei uns vorwiegend wie öffentliche Güter behandelt. Sie werden nicht von Märkten, sondern vom Staat bereit gestellt. 77 Prozent der Kosten von Parkplätzen werden von der öffentlichen Hand bezahlt.

Dabei sind Parkplätze kein öffentliches Gut. Öffentliche Güter zeichnen sich im Konsum durch die Eigenschaften Nicht-Ausschließbarkeit und Nicht-Rivalität aus. Die Straßenbeleuchtung ist ein solches öffentliches Gut. Märkte versagen unter solchen Bedingungen. Weil etwa von den Marktteilnehmern kein Preis verlangt werden kann. Eine Folge: Obwohl Nachfrage besteht, werden öffentliche Güter auf privaten Märkten nicht oder in zu geringem Umfang angeboten.

Parkplätze aber sind private Güter. Autofahrer konkurrieren um Parkplätze (Rivalität) und ein besetzter Parkplatz kann nicht von einem anderen Auto benutzt werden (Ausschließbarkeit). Dennoch stellt der Staat den Großteil der Parkflächen zur Verfügung. Und zwar weitgehend kostenlos. Für einen Bewohnerparkausweis zahlt man etwa in Berlin für zwei Jahre 20,40 Euro.

In Berlin gibt es aktuell knapp 1,2 Millionen Autos. Allen Prophezeiungen zum Trotz steigt die Zahl Jahr für Jahr, seit Jahrzehnten. Wie sich die Zahl wohl entwickeln würde, wenn alle Autobesitzer und potenziellen Autokäufer nicht nur die Kosten für den Kauf und das Fahren, sondern auch für das Aufbewahren ihres privaten Transportmittels in ihre Kalkulationen einbeziehen müssten? Wenn sich die Kosten für die Nutzung privaten Lebensraums durch Autoeigentum um 100 bis 200 Euro pro Monat erhöhen würde?

Im Übrigen: Anders als der Parkplatz ist die Nutzung der Straße ein so genanntes unreines öffentliches Gut. Während die Autofahrer von der Nutzung der Straße in der Regel nicht ausgeschlossen werden können, rivalisieren sie um diese Nutzung (wo ein Auto fährt, kann kein zweites fahren). Solche so genannte Allmendegüter führen regelmäßig zur Übernutzung. Weil eben diese Nutzung für die Autofahrer weitgehend ohne zusätzliche Kosten verbunden ist. Hier ist der Staat gefordert. Er muss Regeln finden, um die Übernutzung zu verhindern. Öffentlichen Parkraum privatisieren, Straßennutzung beschränken: die Folge wäre vermutlich deutlich weniger Autos in Städten. Denn nichts ist knapper in Ballungszentren als Raum. Die Internalisierung der tatsächlichen Kosten für die Aufbewahrung von privaten Transportmitteln würde die Entscheidung für oder gegen ein eigenes Auto verändern. Mit mehr Marktwirtschaft würden die Städte an Lebensqualität gewinnen.

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Why are the Scottish so friendly? 

Why are the Scottish so friendly? They never queue-jump waiting for the bus, say „Hello“ to the bus-driver and thank while get out. And the bus driver thanks as well. This is just an example. Public life is that way in Scotland, at least in Edinburgh where I have spent my summer holiday. Is it because society is quite homogenous? Is it because of the climate? Or the history? Is it because of the small country (5,3 million inhabitants)?

Safer and more efficient crossing in Scotland?

I like the traffic light control in Scotland. At most crossings all pedestrians get green light at the same time while all vehicles have to wait. This seems to me safer than I know it from Germany where turning drivers have to give way to pedestrians on a crosswalk. And it also seems to be more efficient because as a pedestrian you are allowed to cross the road diagonally. Why not establish this in Germany? 

Das Drama des begabten Kindes – oder: Warum das deutsche Schulsystem von Chancengerechtigkeit weit entfernt ist

Ich kenne einen elfjährigen Jungen, der ist unfassbar neugierig und schlau. Seit Kitazeiten interessiert er sich brennend für alles Technische, vor allem hat es ihm – soweit ich das verstehe – der Elektromagnetismus angetan. Sein Kinderzimmer sieht aus wie ein Forschungslabor – und das ist es auch. Neulich hat er für meinen siebenjährigen Sohn eine Alarmanlage mit Bewegungsmelder gebaut (die zur großen Freude meines Sohnes jedes Mal einen Heidenlärm macht, wenn man ungefragt sein Kinderzimmer betritt).

Der elfjährige Junge, nennen wir ihn Paul, mag kein Sport. „Er pendelt in dem Fach zwischen drei und vier“, sagt sein Vater, und das ist ein Problem. Denn im kommenden Jahr steht der Schulwechsel an. Die fünfjährige Grundschulzeit ist dann für Paul zu Ende, eine weiterführende Schule muss gefunden werden. Und das ist ein Drama.

Wer die Politik in diesem Wahlkampf Sonntagsreden halten hört über Chancengerechtigkeit in Deutschland: Ich würde mir wünschen, wenn man ihr die Geschichte von Paul entgegenhält. Denn sie ist exemplarisch.

Mehr Geld, vor allem mehr Personal fordert die Politik regelmäßig in diesen Sonntagsreden. Und alle nicken zustimmend. Die Geschichte von Paul zeigt, wie weit diese Forderung am Kern des Problems der fehlenden Chancengerechtigkeit vorbei geht.

Denn damit Paul im kommenden Jahr eine weiterführende Schule seiner Wahl besuchen kann (ein Wahlkriterium ist die Nähe zum Wohnort), braucht er einen Notendurchschnitt (in Berlin „Förderprognose“ genannte) von 1,5, besser von 1,3, sagt sein Vater. Weil die Mehrheit der Schulplätze in Berlin nach Numerus Clausus vergeben werden. (Hier wird erklärt, wie das Plan- und Lotteriespiel abläuft.)

Gelingt ihm ein solcher Notendurchschnitt nicht, dann wird ihm eine Schule zugewiesen, die innerhalb von 45 Minuten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden kann. Das ist ein weites Feld in Berlin. Paul landet dann nicht unwahrscheinlich auf einer Schule im Wedding, wo er keinen Menschen kennt und der Migrantenanteil an der Schule 93 Prozent beträgt. Für den introvertierten Paul wäre das mindestens ein Abenteuer.

Man muss sich das vor Augen führen: Elfjährige Jungs, die eigentlich tun sollten, was ihnen Spaß macht, pauken (nach dem Ganztagesunterricht) am Abend Fächer, die sie nicht mögen, um in Konkurrenz gegen ihre Mitschüler auf eine Schule zu gelangen, die zu ihnen passt. Das ist der Alltag wahrscheinlich nicht nur in Berliner Familien.

Dieser Leistungsdruck ist eine Perversion des Wettbewerbsgedankens. Wettbewerb hat in der Sozialen Marktwirtschaft in erster Linie zwischen Anbietern stattzufinden. Die haben das schwere Los gezogen, sich im harten Wettbewerb gegenüber ihren Konkurrenten behaupten zu müssen. Zum Wohle der Kunden. Letztere haben die freie Auswahl, lediglich die Qual der Wahl. Im Bildungssystem ist es umgekehrt: Die Schulen wählen sich die Schüler aus. Der Wettbewerb findet nicht zwischen den Schulen (Anbietern), sondern zwischen den Schülern (Nachfragern) statt.

Das ist die schlechteste aller möglichen Voraussetzungen für eine chancengerechte Bildung!

Denn chancengerechte Bildung verlangt, dass jeder Mensch die Chance haben muss, den seinen Fähigkeiten entsprechenden Bildungsweg einschlagen zu können. Es darf weder am Geld, noch am fehlenden Bildungsangebot scheitern.

An beidem scheitert es in Deutschland.

Das Steuergeld fließt statt an die Bildungsnachfrager direkt an die Bildungseinrichtungen. Mit allen schädlichen Konsequenzen. Noch jeder staatlichen Institution ist es gelungen, Bedarfe zu schaffen, um wachsen zu können. Es ist das legitime Interesse jeder Institution. Legitimes Interesse der Gesellschaft sind aber die Interessen ihrer Mitglieder zu verwirklichen, also ein chancengerechtes Bildungssystem.

Das würde entstehen, wenn die Bildungsnachfrager selbst entscheiden könnten (etwa mittels Bildungsgutscheine), wer ihr Geld bekommt. Die Bildungsanbieter müssten plötzlich um die Nachfrager werben.

Voraussetzung wäre freilich, dass neue Bildungsanbieter entstehen könnten. Der Staat müsste sein Quasi-Monopol verlieren. Die Vielfalt der neuen Angebote würde den unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen der Kinder Rechnung tragen. Chancengerechtigkeit könnte entstehen – durch freie Entscheidung, nicht durch staatlichen Zwang.

Wir sind davon weit entfernt. Bei der Schulplatzvergabe herrscht Mangelwirtschaft. Beim wichtigsten „Rohstoff“ des Landes greifen wir auf das sozialistische System der Planwirtschaft zurück. Und im Mangel wird auch noch diskriminiert. Müssten nicht die schlechtesten Schüler die besten Plätze zugewiesen bekommen? Wäre das nicht chancengerecht. Stattdessen selektieren wir in einem Alter, indem wir die Verantwortung der Kindern fördern, nicht (jedenfalls nicht vollständig) einfordern sollten. Weil Sollen das Können voraussetzt.

Unter dem aktuellen Schulsystem leidet Paul folglich zweifach: Die weitgehend konformen staatlichen Bildungsangebote entsprechen nur unzureichend seinen Interessen und Fähigkeiten, mit anderen Worten: Er kann seinen Interessen und Bedürfnissen nur eingeschränkt folgen. Das ist nicht chancengerecht. Und er wird zweitens in einen Leistungswettbewerb gezwungen, den er ob seiner speziellen Fähigkeiten möglicherweise verlieren wird. Ein Leistungswettbewerb wohlgemerkt, der völlig unnötig, weil Folge der Mangelwirtschaft ist. Auch das ist nicht chancengerecht.

Paul macht in diesen Sommerferien einen bezahlten Sportkurs. Damit die Schulnote besser wird. Er lernt Skateboard fahren. Sein Vater versichert, er mache das freiwillig und gerne. Ich glaube ihm das.

Umverteilen statt wachsen: Warum der G20-Protest konservativ ist

Proteste zum G20-Gipfel in Hamburg.

Oxfam hat mal wieder die Keule ausgepackt: Acht Menschen besäßen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, zu der 3,6 Milliarden Menschen gehörten, verkündet die NGO zum G20-Gipfel in Hamburg. Damit lässt sich Stimmung machen, auch wenn der Vergleich so ziemlich gar nichts über die Entwicklung der Lebensverhältnisse der Menschen aussagt (siehe auch „Mein Sohn ist reicher als das Gesamtvermögen von 30 Prozent der Weltbevölkerung“ oder aktueller hier). 

Oxfam fordert als Konsequenz, dass der G20-Gipfel vor allem die Ungleichheit bekämpfen müsse. Mehr Umverteilung statt mehr Wachstum, lautet verdichtet die Hauptforderung der Gipfelgegner.

Welcher Trugschluss! Als wäre der millionenfache Mittelstandswohlstand in Asien durch Umverteilung entstanden! Tatsächlich wurde der Aufschwung durch neue Freiheiten möglich. Dass Menschen Berufen folgen konnten, die gewinnbringend für sie sind; dass Branchen dem Wettbewerb ausgesetzt wurden und so Produkte stetig besser werden können; dass Menschen die Freiheit bekamen, dass von ihrem Geld zu kaufen, was sie wollen; und dass der Austausch von Waren über Ländergrenzen möglich wurde. Dass alles hat die millionenfache Arbeitsteilung befördert, wodurch zunehmend große Teile der Weltbevölkerung ein zunehmend langes Leben führen können. 

Woher aber kommt die Umverteilungsgläubigkeit? Meine These: Sie ist ein Relikt unserer Geschichte. Die Protestler in Hamburg wären demnach ziemlich konservativ. Sie hingen religiösen, familiären und ständischen Gesellschaftsvorstellungen der Vergangenheit an, in denen Wachstum und Entwicklung nicht vorkam. Dort war Umverteilung das einzige Mittel, damit es anderen besser gehen konnte. 

Diese Vorstellung ist tief in uns verwurzelt, wurde von Generation zu Generation weitergetragen. Doch sie passt nicht mehr zu freien Gesellschaften, zu einer Form des Zusammenlebens, in der millionen Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen möchten. 

Die Marktwirtschaft  ist eine Gesellschaftsform, in der die Menschen zum gegenseitigen Vorteil leben können. Die Moral wird dabei auf die Ebene des Ordnungsrahmens verlegt und nicht von den Individuen eingefordert. In einer Marktwirtschaft muss der Bäcker nicht selbstlos sein, um die besten Brötchen zu backen, der Wettbewerb schafft das auch (mehr in kurz hier von mir;  ausführlicher und besser von Karl Homann in „Ethik in der Marktwirtschaft“ (hier als .pdf)).

Im Übrigen: Ein Gesellschaftssystem überlebt vermutlich auf Dauer nur, wenn es nicht ständig moralisches Verhalten einfordert, indem Sinne, dass die Menschen sich systematisch zurücknehmen müssen, damit es anderen auf besser gehen kann. Insofern stehen die Chancen gut, dass sich die Marktwirtschaft langfristig weltweit zunehmend etabliert. Die Proteste wären dann nur ein Nachhall unserer eigenen Geschichte. 

Warum die Ehe (für alle) Zukunft hat

Die aktuelle Berichterstattung über die „Ehe für alle“ erweckt bei mir den Eindruck, als könne man sich gar nicht mehr erlauben, gegen sie zu sein. Bei Spiegel Online zum Beispiel haben sie das Twitter-Profilbild in Regenbogenfarben eingefärbt. Kein gutes Zeichen für seriöse Berichterstattung, finde ich. Wer Kritik am beschlossenen Gesetz übt, dem, so vermute ich, wird schnell unterstellt, ein Hinterwäldler zu sein, vermutlich ein homophober Hinterwäldler, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die AfD wählt.

Dabei macht die Frage doch durchaus Sinn, warum denn die „Ehe für alle“ plötzlich so hip und progressiv sein soll, wo es doch die Ehe schon so lange nicht mehr ist.Kersten Augustin fragt sich das zum Beispiel in der taz. „In einem konservativen Club mitmachen zu dürfen, ist nicht nur Grund zum ausgelassenen Jubel“, schreibt er und würde die Ehe am liebsten abschaffen, weil sie bestimmte Lebensweisen privilegiere.

Das stimmt. Aber ich finde, mit der Abschaffung der Ehe würde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Denn die Ehe ist zwar ein Privileg, aber vor allem nur insofern, als dass sie Menschen vor dem Staat schützt – etwa durch das Erziehungsrecht, das Zeugnisverweigerungsrecht und der gemeinsamen Veranlagung der Einkommensteuer. Wenn zwei Menschen sich entscheiden, Verantwortung füreinander zu übernehmen, dann hat ihnen der Staat in der Folge weniger reinzureden.

Dafür müssen die beiden aber auch in schlechten Zeiten für einander einstehen und können nicht nach dem Staat rufen, solange einer der beiden die (finanziellen) Ressourcen hat, dem anderen (Bedürftigen) zu helfen. Deshalb ist auch das Ehegattensplitting nicht konservativ und überholt, sondern die (positive) Kehrseite der gegenseitigen Haftungsverpflichtung. Wenn der Staat in schlechten Zeiten auf das gemeinsame Einkommen schaut, dann muss er das konsequenterweise auch in guten Zeiten tun.

Der Staat behandelt ein Ehepaar auf gewisse Weise wie eine einzige Person. Die Ehe ist damit, dem Subsidiaritätsprinzip folgend, die kleinste gesellschaftliche Einheit. Sie zu stärken, nicht aufzulösen, sollten alle jene bestreben, die der Überzeugung sind, dass gesellschaftliches Leben dann am besten gelingt, wenn Verantwortung und Entscheidungen auf der jeweils kleinsten sinnhaften Ebene angesiedelt sein sollte. Und denen Abwehrrechte vor dem (allmächtigen) Staat wichtig sind. 

Insofern sollte eher über einen Ausbau der Ehe diskutiert werden. Denn die „Ehe für alle“ ist eben keine „Ehe für alle“, sondern nur eine für einen Mann und eine Frau, jetzt erweitert für zwei Männer oder zwei Frauen. Andere Haftungsgemeinschaften sind nicht vorgesehen. Insofern ist die jetzige Reform nicht das Ende einer Entwicklung, sondern hoffentlich ein Anfang.

Baden-Württemberg reformiert mal wieder das Schulsystem…

Machen Sie doch mal einen Selbstversuch: Lesen Sie folgenden Artikel des FAZ-Stuttgart-Korrespondenten Rüdiger Soldt über die Versuche der baden-württembergischen Landesregierung, der im südlichen Bundesland in Verruf geratene Schulbildung alten Glanz zurückzubringen, und fassen Sie danach die wichtigsten Fakten zusammen, was also die Regierung (vor allen in Form der Kultusministerin Susanne Eisenmann, CDU) so an Veränderungen vor hat.

Ich habe diesen Selbstversuch gerade unternommen. Ich kann mich an wenig erinnern. Ich vermute, das liegt weniger an mir und noch weniger an Rüdiger Soldt. Die Materie ist schlicht zu komplex. Was ich mir gemerkt habe: Es soll ein staatliches Institut aufgelöst und zwei neue gegründet werden. Ziel sei es (was sonst?) die Schulqualität zu verbessern. Unter anderem sollen Lehrer bessere Fortbildung erhalten. Schön auch der Wunsch, dass schlechte von guten Schulen lernen sollen: „Vorbildliche Schulen sollen Handlungsempfehlungen für schlechtere Schulen entwickeln. Und Teams, zu denen nicht nur Lehrer gehören, sollen diese Empfehlungen dann an die Schulen weitergeben“, schreibt Soldt. 

Das wird bestimmt klappen. Wie so viele Schulreformen davor geklappt haben. 

Immer wird was geändert, reformiert, umorganisiert. Jede neue Regierung macht das so. Denn immer gibt es den Ruf nach mehr und besseren Lehrern, nach anderen Schulplänen, nach veränderten Schulsystemen. Die Schule wird reformiert, seit es die Schule gibt. Nur an des Pudels Kern traut sich keiner ran. Und der liegt in einem Satz des großen Ökonomen Friedrich August von Hayek, dem Satz von der Anmaßung des Wissens (mehr hier von Karen Horn), dass nämlich die Menschen sich überschätzen, wenn sie gesellschaftliches Zusammenleben staatlich planen wollen. Weil es schlicht zu komplex ist. Masterpläne gehen schief, wenn sie Details regeln wollen. 

Wissen liegt immer nur bei einzelnen Menschen. Und nur der Markt trägt diesen Wissen effizient dahin, wo es den größten Nutzen stiftet. In vielen Lebensbereichen haben wir die Vorteile des über Märkte verbundenen dezentralen Wissens erkannt und akzeptiert. Nur im vielleicht für den Wohlstand eines Landes wichtigsten Bereich, den der (Schul-)Bildung, will sich diese Erkenntnis nicht durchsetzen, dass also eine zentral organisierte Bildung immer nur überschaubar gute Ergebnisse hervorbringt. Weil eben das Wissen in zentralen Stellen fehlt, fehlen muss, es kann gar nicht anders sein. Und weil darüber hinaus den Anbietern von Bildung der Anreiz fehlt, sich stetig zu verbessern. Denn die Nachfrager (Schüler) haben in einem staatlichen Bildungsmonopol schlicht keine Alternativen. Nur der Markt kann die Bildung retten. Aber keine Frage: Mit diesem Satz gewinnt man keine Wahlen. Nicht einmal die FDP traut sich da ran. 

Mehr Markt geht nicht: Eine Schule im linken Kreuzberg zeigt wie Bildung in Freiheit funktioniert

Bildung in Freiheit, gänzlich ohne staatliche Finanzierung, so was gibt es in Deutschland. Schon seit über 40 Jahren. Es ist die so genannte „Schule für Erwachsenenbildung“, kurz SFE, in einem Hinterhof im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Dort können Schüler in drei Jahren ihr Abitur machen. Schüler, die an staatlichen Schulen gescheitert sind. 50.000 geht das Jahr für Jahr so. 

Die SFE ist selbstverwaltet. Jeder hat das gleiche Stimmrecht. Schüler wie Lehrer. Finanziert wird die Schule ausschließlich mit Schulgeld, 160 Euro pro Schüler und Monat. Das reicht gerade für 12,50 Euro pro Stunde für jeden Lehrer. Aber weil kein Dritter reinredet, ist es eine Schule, welche zuallererst die Interessen der Schüler im Blick hat. Es gibt keine Anwesenheitspflicht, wer einen Hund hat, bringt ihn mit in den Unterricht und bei schönem Wetter wird der Unterricht in die Gartenlaube des Deutschlehrers verlegt. 

Die Folge der Mitbestimmung ist nicht das Paradies, sondern ein Leben in Selbstverantwortung. Das unterscheidet die Schule im Kern von den meisten anderen. Sie lehrt, ob ihrer Struktur, dass wer sein Leben in die Hand nimmt, seine Ziele erreichen kann. Der ehemalige SFE-Schüler Alexander Kleider hat mit Berlin Rebel High School einen wundervollen Film über seine ehemalige Schule gedreht.

Der Süddeutschen Zeitung hat Kleider ein Interview gegeben, in dem er das staatliche Schulsystem massiv angreift. Ein Vorwurf: Das Schulsystem sei wegen des „neoliberalen Zeitgeistes“ unfähig, sich zu ändern. Vielleicht ist dies der Kern, weshalb es noch immer keine breite gesellschaftliche Debatte über die Veränderung unseres Schulsystems gibt: Alle leiden, aber keiner weiß warum. So wird nur über Symptome diskutiert. Über Bildungsinhalte und Schulzweige. An die Strukturen will keiner ran, weil sie kaum einer versteht. Und die sie verstehen, wollen sie nicht ändern, weil sie in der Mehrzahl profitieren. Monopolisten leben bisweilen gut. Sie müssen sich nicht ändern. Weil Konkurrenz fehlt. Weil die Kunden nicht abwandern können. 

Das Schulsystem ist ein staatliches Monopol. Das ist mal so ziemlich genau das Gegenteil von Neoliberalismus. Vielfalt? Fehlanzeige. Wettbewerb um das beste Schulsystem? Nope. Strukturelle Anreize, sich um die Schüler zu bemühen? Warum? Sie haben ja nichts zu entscheiden. Nur die Verpflichtung zu erscheinen. Kein Schulgeld, das darüber entscheidet, welche Schule überlebt. Der Schüler ist kein Kunde, sondern ein Verwaltungsakt. Und das Geld kommt vom Staat. 

Keiner in der SFE würde vermutlich die dortigen Schüler als Kunden beschreiben. Und doch sind sie es. Im besten Sinne. Man kümmert sich um sie. Weil man sonst keine Schüler mehr hätte. Kleiders Schule ist die neoliberalste Schule in ganz Deutschland. Nachfrage und Angebot bestimmen das Produkt. Die Nachfrager sind sogar Mitgesellschafter. Kein Staat. Keine Einflussnahme von dritten. Marktwirtschaft pur. Das Ergebnis ist wundervoll.