Umverteilen statt wachsen: Warum der G20-Protest konservativ ist

Proteste zum G20-Gipfel in Hamburg.

Oxfam hat mal wieder die Keule ausgepackt: Acht Menschen besäßen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, zu der 3,6 Milliarden Menschen gehörten, verkündet die NGO zum G20-Gipfel in Hamburg. Damit lässt sich Stimmung machen, auch wenn der Vergleich so ziemlich gar nichts über die Entwicklung der Lebensverhältnisse der Menschen aussagt (siehe auch „Mein Sohn ist reicher als das Gesamtvermögen von 30 Prozent der Weltbevölkerung“ oder aktueller hier). 

Oxfam fordert als Konsequenz, dass der G20-Gipfel vor allem die Ungleichheit bekämpfen müsse. Mehr Umverteilung statt mehr Wachstum, lautet verdichtet die Hauptforderung der Gipfelgegner.

Welcher Trugschluss! Als wäre der millionenfache Mittelstandswohlstand in Asien durch Umverteilung entstanden! Tatsächlich wurde der Aufschwung durch neue Freiheiten möglich. Dass Menschen Berufen folgen konnten, die gewinnbringend für sie sind; dass Branchen dem Wettbewerb ausgesetzt wurden und so Produkte stetig besser werden können; dass Menschen die Freiheit bekamen, dass von ihrem Geld zu kaufen, was sie wollen; und dass der Austausch von Waren über Ländergrenzen möglich wurde. Dass alles hat die millionenfache Arbeitsteilung befördert, wodurch zunehmend große Teile der Weltbevölkerung ein zunehmend langes Leben führen können. 

Woher aber kommt die Umverteilungsgläubigkeit? Meine These: Sie ist ein Relikt unserer Geschichte. Die Protestler in Hamburg wären demnach ziemlich konservativ. Sie hingen religiösen, familiären und ständischen Gesellschaftsvorstellungen der Vergangenheit an, in denen Wachstum und Entwicklung nicht vorkam. Dort war Umverteilung das einzige Mittel, damit es anderen besser gehen konnte. 

Diese Vorstellung ist tief in uns verwurzelt, wurde von Generation zu Generation weitergetragen. Doch sie passt nicht mehr zu freien Gesellschaften, zu einer Form des Zusammenlebens, in der millionen Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen möchten. 

Die Marktwirtschaft  ist eine Gesellschaftsform, in der die Menschen zum gegenseitigen Vorteil leben können. Die Moral wird dabei auf die Ebene des Ordnungsrahmens verlegt und nicht von den Individuen eingefordert. In einer Marktwirtschaft muss der Bäcker nicht selbstlos sein, um die besten Brötchen zu backen, der Wettbewerb schafft das auch (mehr in kurz hier von mir;  ausführlicher und besser von Karl Homann in „Ethik in der Marktwirtschaft“ (hier als .pdf)).

Im Übrigen: Ein Gesellschaftssystem überlebt vermutlich auf Dauer nur, wenn es nicht ständig moralisches Verhalten einfordert, indem Sinne, dass die Menschen sich systematisch zurücknehmen müssen, damit es anderen auf besser gehen kann. Insofern stehen die Chancen gut, dass sich die Marktwirtschaft langfristig weltweit zunehmend etabliert. Die Proteste wären dann nur ein Nachhall unserer eigenen Geschichte. 

Warum die Ehe (für alle) Zukunft hat

Die aktuelle Berichterstattung über die „Ehe für alle“ erweckt bei mir den Eindruck, als könne man sich gar nicht mehr erlauben, gegen sie zu sein. Bei Spiegel Online zum Beispiel haben sie das Twitter-Profilbild in Regenbogenfarben eingefärbt. Kein gutes Zeichen für seriöse Berichterstattung, finde ich. Wer Kritik am beschlossenen Gesetz übt, dem, so vermute ich, wird schnell unterstellt, ein Hinterwäldler zu sein, vermutlich ein homophober Hinterwäldler, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die AfD wählt.

Dabei macht die Frage doch durchaus Sinn, warum denn die „Ehe für alle“ plötzlich so hip und progressiv sein soll, wo es doch die Ehe schon so lange nicht mehr ist.Kersten Augustin fragt sich das zum Beispiel in der taz. „In einem konservativen Club mitmachen zu dürfen, ist nicht nur Grund zum ausgelassenen Jubel“, schreibt er und würde die Ehe am liebsten abschaffen, weil sie bestimmte Lebensweisen privilegiere.

Das stimmt. Aber ich finde, mit der Abschaffung der Ehe würde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Denn die Ehe ist zwar ein Privileg, aber vor allem nur insofern, als dass sie Menschen vor dem Staat schützt – etwa durch das Erziehungsrecht, das Zeugnisverweigerungsrecht und der gemeinsamen Veranlagung der Einkommensteuer. Wenn zwei Menschen sich entscheiden, Verantwortung füreinander zu übernehmen, dann hat ihnen der Staat in der Folge weniger reinzureden.

Dafür müssen die beiden aber auch in schlechten Zeiten für einander einstehen und können nicht nach dem Staat rufen, solange einer der beiden die (finanziellen) Ressourcen hat, dem anderen (Bedürftigen) zu helfen. Deshalb ist auch das Ehegattensplitting nicht konservativ und überholt, sondern die (positive) Kehrseite der gegenseitigen Haftungsverpflichtung. Wenn der Staat in schlechten Zeiten auf das gemeinsame Einkommen schaut, dann muss er das konsequenterweise auch in guten Zeiten tun.

Der Staat behandelt ein Ehepaar auf gewisse Weise wie eine einzige Person. Die Ehe ist damit, dem Subsidiaritätsprinzip folgend, die kleinste gesellschaftliche Einheit. Sie zu stärken, nicht aufzulösen, sollten alle jene bestreben, die der Überzeugung sind, dass gesellschaftliches Leben dann am besten gelingt, wenn Verantwortung und Entscheidungen auf der jeweils kleinsten sinnhaften Ebene angesiedelt sein sollte. Und denen Abwehrrechte vor dem (allmächtigen) Staat wichtig sind. 

Insofern sollte eher über einen Ausbau der Ehe diskutiert werden. Denn die „Ehe für alle“ ist eben keine „Ehe für alle“, sondern nur eine für einen Mann und eine Frau, jetzt erweitert für zwei Männer oder zwei Frauen. Andere Haftungsgemeinschaften sind nicht vorgesehen. Insofern ist die jetzige Reform nicht das Ende einer Entwicklung, sondern hoffentlich ein Anfang.

Baden-Württemberg reformiert mal wieder das Schulsystem…

Machen Sie doch mal einen Selbstversuch: Lesen Sie folgenden Artikel des FAZ-Stuttgart-Korrespondenten Rüdiger Soldt über die Versuche der baden-württembergischen Landesregierung, der im südlichen Bundesland in Verruf geratene Schulbildung alten Glanz zurückzubringen, und fassen Sie danach die wichtigsten Fakten zusammen, was also die Regierung (vor allen in Form der Kultusministerin Susanne Eisenmann, CDU) so an Veränderungen vor hat.

Ich habe diesen Selbstversuch gerade unternommen. Ich kann mich an wenig erinnern. Ich vermute, das liegt weniger an mir und noch weniger an Rüdiger Soldt. Die Materie ist schlicht zu komplex. Was ich mir gemerkt habe: Es soll ein staatliches Institut aufgelöst und zwei neue gegründet werden. Ziel sei es (was sonst?) die Schulqualität zu verbessern. Unter anderem sollen Lehrer bessere Fortbildung erhalten. Schön auch der Wunsch, dass schlechte von guten Schulen lernen sollen: „Vorbildliche Schulen sollen Handlungsempfehlungen für schlechtere Schulen entwickeln. Und Teams, zu denen nicht nur Lehrer gehören, sollen diese Empfehlungen dann an die Schulen weitergeben“, schreibt Soldt. 

Das wird bestimmt klappen. Wie so viele Schulreformen davor geklappt haben. 

Immer wird was geändert, reformiert, umorganisiert. Jede neue Regierung macht das so. Denn immer gibt es den Ruf nach mehr und besseren Lehrern, nach anderen Schulplänen, nach veränderten Schulsystemen. Die Schule wird reformiert, seit es die Schule gibt. Nur an des Pudels Kern traut sich keiner ran. Und der liegt in einem Satz des großen Ökonomen Friedrich August von Hayek, dem Satz von der Anmaßung des Wissens (mehr hier von Karen Horn), dass nämlich die Menschen sich überschätzen, wenn sie gesellschaftliches Zusammenleben staatlich planen wollen. Weil es schlicht zu komplex ist. Masterpläne gehen schief, wenn sie Details regeln wollen. 

Wissen liegt immer nur bei einzelnen Menschen. Und nur der Markt trägt diesen Wissen effizient dahin, wo es den größten Nutzen stiftet. In vielen Lebensbereichen haben wir die Vorteile des über Märkte verbundenen dezentralen Wissens erkannt und akzeptiert. Nur im vielleicht für den Wohlstand eines Landes wichtigsten Bereich, den der (Schul-)Bildung, will sich diese Erkenntnis nicht durchsetzen, dass also eine zentral organisierte Bildung immer nur überschaubar gute Ergebnisse hervorbringt. Weil eben das Wissen in zentralen Stellen fehlt, fehlen muss, es kann gar nicht anders sein. Und weil darüber hinaus den Anbietern von Bildung der Anreiz fehlt, sich stetig zu verbessern. Denn die Nachfrager (Schüler) haben in einem staatlichen Bildungsmonopol schlicht keine Alternativen. Nur der Markt kann die Bildung retten. Aber keine Frage: Mit diesem Satz gewinnt man keine Wahlen. Nicht einmal die FDP traut sich da ran. 

Mehr Markt geht nicht: Eine Schule im linken Kreuzberg zeigt wie Bildung in Freiheit funktioniert

Bildung in Freiheit, gänzlich ohne staatliche Finanzierung, so was gibt es in Deutschland. Schon seit über 40 Jahren. Es ist die so genannte „Schule für Erwachsenenbildung“, kurz SFE, in einem Hinterhof im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Dort können Schüler in drei Jahren ihr Abitur machen. Schüler, die an staatlichen Schulen gescheitert sind. 50.000 geht das Jahr für Jahr so. 

Die SFE ist selbstverwaltet. Jeder hat das gleiche Stimmrecht. Schüler wie Lehrer. Finanziert wird die Schule ausschließlich mit Schulgeld, 160 Euro pro Schüler und Monat. Das reicht gerade für 12,50 Euro pro Stunde für jeden Lehrer. Aber weil kein Dritter reinredet, ist es eine Schule, welche zuallererst die Interessen der Schüler im Blick hat. Es gibt keine Anwesenheitspflicht, wer einen Hund hat, bringt ihn mit in den Unterricht und bei schönem Wetter wird der Unterricht in die Gartenlaube des Deutschlehrers verlegt. 

Die Folge der Mitbestimmung ist nicht das Paradies, sondern ein Leben in Selbstverantwortung. Das unterscheidet die Schule im Kern von den meisten anderen. Sie lehrt, ob ihrer Struktur, dass wer sein Leben in die Hand nimmt, seine Ziele erreichen kann. Der ehemalige SFE-Schüler Alexander Kleider hat mit Berlin Rebel High School einen wundervollen Film über seine ehemalige Schule gedreht.

Der Süddeutschen Zeitung hat Kleider ein Interview gegeben, in dem er das staatliche Schulsystem massiv angreift. Ein Vorwurf: Das Schulsystem sei wegen des „neoliberalen Zeitgeistes“ unfähig, sich zu ändern. Vielleicht ist dies der Kern, weshalb es noch immer keine breite gesellschaftliche Debatte über die Veränderung unseres Schulsystems gibt: Alle leiden, aber keiner weiß warum. So wird nur über Symptome diskutiert. Über Bildungsinhalte und Schulzweige. An die Strukturen will keiner ran, weil sie kaum einer versteht. Und die sie verstehen, wollen sie nicht ändern, weil sie in der Mehrzahl profitieren. Monopolisten leben bisweilen gut. Sie müssen sich nicht ändern. Weil Konkurrenz fehlt. Weil die Kunden nicht abwandern können. 

Das Schulsystem ist ein staatliches Monopol. Das ist mal so ziemlich genau das Gegenteil von Neoliberalismus. Vielfalt? Fehlanzeige. Wettbewerb um das beste Schulsystem? Nope. Strukturelle Anreize, sich um die Schüler zu bemühen? Warum? Sie haben ja nichts zu entscheiden. Nur die Verpflichtung zu erscheinen. Kein Schulgeld, das darüber entscheidet, welche Schule überlebt. Der Schüler ist kein Kunde, sondern ein Verwaltungsakt. Und das Geld kommt vom Staat. 

Keiner in der SFE würde vermutlich die dortigen Schüler als Kunden beschreiben. Und doch sind sie es. Im besten Sinne. Man kümmert sich um sie. Weil man sonst keine Schüler mehr hätte. Kleiders Schule ist die neoliberalste Schule in ganz Deutschland. Nachfrage und Angebot bestimmen das Produkt. Die Nachfrager sind sogar Mitgesellschafter. Kein Staat. Keine Einflussnahme von dritten. Marktwirtschaft pur. Das Ergebnis ist wundervoll. 

Die Mauer wächst im Kopf: Eine Antwort auf Sebastian Dalkowskis Verbote-Artikel in Der Zeit

Wäre es nicht in Der Zeit gestanden, ich hätte eine Satire vermutet. Dass jemand provozieren möchte, indem er der Gesellschaft den Spiegel vorhält, indem er alles, was politisch korrekt ist, insofern überzeichnet, dass er für politische Korrektheit Gesetze fordert, deren Missachtung hart sanktioniert werden müsse. Die Satire hätte gezeigt, wohin es führen kann, wenn Menschen glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein. Aber der Text stand in Der Zeit. Und die hat es bekanntlich nicht so mit Satire.

Ich gehe deshalb im Folgenden davon aus, dass Sebastian Dalkowskis Artikel „Ich will Verbote!“ in der aktuellen Ausgabe der Hamburger Wochenzeitung (Ausgabe 07/2017, S. 50) ernst gemeint ist. In seinem Text geht es um Folgendes: Dalkowski ärgert sich über seine eigene Unvernunft, etwa wenn er im Supermarkt zum Salat eine kostenlose Plastikgabel nimmt (obwohl er gar keine braucht, aber sie im Preis inbegriffen ist), oder wenn ihm Fleisch angeboten wird und er regelmäßig nicht Nein sagen kann.

Sebastian Dalkowski ist, wie soll man also sagen, ein Mensch wie du und ich. Er wäre gerne vernünftiger, schafft es aber nicht. Und ihn plagt deshalb ein schlechtes Gewissen. Weil er überzeugt ist, dass sein ungezügeltes Konsumverhalten anderen Leid zufügt. Der Mensch lebt als Konsument auf Kosten anderer, so seine Überzeugung, was der eine sich nehme, fehle dem anderen. Sein Fazit: Der Mensch ist zur Rücksichtnahme gegenüber sich und anderen kaum fähig. Ergo müssten (mehr) Verbote her, damit der Mensch zum vernünftigen, zum richtigen Verhalten gezwungen werde.

Sebastian Dalkowski ist überzeugt zu wissen, worin die größten Rücksichtslosigkeiten bestehen, es sind die üblichen Verdächtigen tagesaktueller politischer Unkorrektheiten, an erster Stelle: Verwendung von Plastiktüten (nichts scheint uns aktuell näher ans Ende der Weltgeschichte zu bringen als dieses praktische Transportmittel), Auto fahren (Dalkowski: „alle überflüssigen Autofahrten“ und „schneller als 120 fahren verbieten“) und konventionelle Energiegewinnung („alte Arten erzeugten Stroms verbieten“).

Und wer sich nicht an die Verboteagenda hält? „Der wird vor Gericht gestellt“, lese ich und und erwische mich bei der Vermutung, wie die Zeit-Redaktion „an die Wand gestellt“ aus Dalkowskis Text redigiert hat. Aber am harten Bestrafungswunsch bleibt kein Zweifel: „Verschwendung ist kein Kavaliersdelikt“ und sei genauso zu bestrafen wie die „Entsorgung von Giftmüll auf hoher See.“

Klar, man kann sagen, ist nur ein Artikel in einer Zeitung, nur die Meinung eines einzelnen Zeit-Autors. Aber ich vermute, dass diese Vorstellungen vom gesellschaftlichen „Miteinander“ mindestens unter Zeit-Lesern mehrheitsfähig sein könnten. Dabei beschreibt der Artikel den Weg in eine demokratische Diktatur, wenn es so etwas gibt, jedenfalls in eine Gesellschaft, in der die Mehrheit beschließt, wie sich alle zu verhalten haben. Und zwar nicht in grundsätzlichen Fragen, sondern in allen Lebensbereichen. Individuelle Freiheit wird dabei durch in Gesetze gegossene politische Korrektheit abgeschafft. Wie ich einkaufe, was ich esse, wie ich mich bewege – alles vorgegeben.

Ich fürchte mich vor einer Gesellschaft, in der Freiheit nur die Freiheit jener ist, denen es gelingt, sich im politischen Entscheidungsprozess durchzusetzen. In der Machthabende in grenzenloser Selbstzentriertheit zu wissen glauben, was das einzig wahre und gute Leben sei. Und in der sie, weil sie eben an der Macht sind, allen anderen Menschen diese Lebensvorstellung aufzwingen können.

Das ist vielleicht nicht die Welt, die Dalkwoski vorschwebt, aber es wäre eben jene, die entstünde, wenn seine Vorstellungen Wirklichkeit würden. Eine schrecklich gute Welt.

Eine solche Welt kann Sebastian Dalkowski möglicherweise nicht denken. Weil er sich nicht vorstellen kann (oder will), dass andere Menschen andere Vorstellungen vom „richtigen Leben“ haben. Deshalb geht er wie selbstverständlich davon aus, dass jene Verbote, wie er sie fordert, auch genau diejenigen wären, die in einer Mehrheitsgesellschaft beschlossen würden. Weil über richtig oder falsch eben gar nicht zu diskutieren ist. Plastiktüten sind des Teufels, fertig. Überflüssige Autofahrten überflüssig, was sonst? Wie kann es da zwei Meinungen geben, würde sich Dalkowski fragen und mit ihm die cappuccinogetränkten Großstadtweltmenschen bei der wöchentlichen Lektüre ihrer Zeit (natürlich in der Papierfassung, so viel Luxus muss sein).

Erwartungsjournalismus nennt man das, wenn die Leser das geliefert bekommen, was sie lesen wollen. Überraschungen? Nur in homöopathischen Dosen. Konträre Meinungen? Verboten! Könnte ja Abos kosten. Aber das Leben ist anders. Vielfältiger. Unklarer. Des einen Verbot ist des anderen sein Hobby. Was der eine für unverzichtbar hält (am Wochenende gemütlich auf dem Sofa die Printausgabe einer Hamburger Wochenzeitung lesen), ist für den nächsten Dekadenz (weil der etwa argumentiert, dass es für die Produktion von Zeitungen enorme Mengen von Holz und Farbe braucht, was einen erheblichen Eingriff in den Naturkreislauf bedeute).

Wer sich in die Argumentationswelt von Sebastian Dalkowski begibt, kommt mit einer nicht enden werdenden Verbotsliste wieder heraus. Und ich bin mir sicher: Es würden Verbote darauf stehen, von denen Dalkowski nicht zu albträumen gewagt hat.

Dabei braucht es für gelingendes Zusammenleben nur wenige Ge- und noch weniger Verbote.

Dalkowskis Forderung nach mehr Verboten gründet in seiner Überzeugung, dass Menschen regelmäßig auf Kosten anderer Menschen leben würden. Sein Gesellschaftsbild sieht den Menschen als Feind des Menschen. Das widerspricht aber der Gesellschaftsordnung, in der wir leben, der Marktwirtschaft. In dieser nämlich kommen Vereinbarungen nur zustande, wenn diese zum Vorteil beider Seiten sind. Sie sind regelmäßig freiwillig.

Der Reisewillige fährt nur mit der Deutschen Bahn, wenn es für ihn von Vorteil ist. Der Landwirt baut mittelfristig nur Getreide an, wenn er es mindestens kostendeckend verkaufen kann. Die Bedingungen jedes Geschäfts sind jeweils unterschiedlich und bestimmen, wer vom Geschäft mehr profitiert, entscheidend aber ist: Nur wenn beide Seiten profitieren, findet es überhaupt statt. So funktioniert gesellschaftliches Zusammenleben in einem marktwirtschaftlichen System. Es ist zum Vorteil aller. Auch wenn nicht alle gleich profitieren.

Und so funktioniert in der Regel auch Ländergrenzen überschreitender Handel. Es sind gerade jene ehemals armen Länder, die sich dem Handel mit den etablierten Nationen geöffnet haben, deren Wohlstand in der Folge gewachsen ist. Asien ist wohlhabender geworden, weil es in den wirtschaftlichen Austausch mit Nachbarländern und mit den USA und Europa getreten ist. Jene Länder dagegen, die sich diesem Austausch verweigern, bleiben arm. Wie passt dies zur Vorstellung, wir würden mit den Produkten, die wir aus dem Ausland beziehen, andere Menschen und Länder ausbeuten?

Nur dort, wo es an Markt fehlt (was etwa beim kostenlosen Gut „Umwelt“ der Fall ist), sind Beschränkungen und Verbote notwendig. Eine Marktwirtschaft mit entsprechendem Ordnungsrahmen (der etwa der Umwelt einen Preis gibt) braucht deshalb wenige Ge- und Verbote. Das Gebot der Freiwilligkeit bewahrt die Menschen am besten vor Ausbeutung. Verbote dagegen schränken ein und bergen schon per Definition die Gefahr, dass Freiheit beschränkt wird, weil Wahlmöglichkeiten reduziert werden. Vielleicht, Sebastian Dalkowski, braucht es für hehre Ziele, andere Mittel.

Am Beginn der Aufklärung: Warum der Populismus mehr als ein Politik-Phänomen ist

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Personifizierter Populismus: Donald Trump, auf einem Plakat in West Des Moines, Iowa // Foto: Tony Webster (CC BY-NC-ND 2.0)

Vielleicht nähert man sich der Populismus-Debatte am besten, indem man sich von ihr entfernt. In dem man nicht auf die Politik schaut, nicht auf politische Themen, um die sich Populismus-Diskussionen in der Regel drehen. Vielleicht lernen wir mehr, wenn wir zunächst weg gehen von der soziologischen, hin zur psychologischen Sichtweise – und in einer Buchhandlung das Regal mit Gesundheitsratgebern betrachten.

Die Literatur mit Erkenntnissen aus der Wissenschaft ist dort deutlich in der Minderheit. Man findet die verrücktesten Therapievorschläge. Die einen wollen mit Steinen heilen, die anderen nur mit Gedanken, wieder andere mit Ernährung mittels ganz weniger, ganz bestimmter Nahrungsmittel. Den meisten Methoden ist gemein: Die Lösung der Probleme scheint einfach.

Freilich lassen sich aus der Auswahl von Gesundheitsratgeber in Buchhandlungen nur bedingt Rückschlüsse ziehen, etwa über den Umgang der Deutschen bei Krankheit. Denn auf der einen Seite ist das Sortiment kuratiert (die schlimmsten Schundbücher schaffen es nicht in die Auslage), auf der anderen Seite haben Menschen, die der (Schul-)Medizin vertrauen, vermutlich weniger das Bedürfnis, sich selbst über ein Krankheitsbild und dessen Heilungsmöglichkeiten zu informieren.

Allerdings: Das Phänomen, dass sich der Stand der Wissenschaft nicht im Bücherregal von Buchhandlung abbildet, ist mir auch aus der Volkswirtschaftslehre vertraut. Nur bedingt lässt sich das, was sich in diesem Bereich verkauft, wissenschaftlich herleiten. Weder belegt die Ökonomik, dass sich der Kapitalismus bald selbst abschafft, noch dass sonst demnächst alles den Bach runter gehen wird. Die Bücher, die zum Verkauf stehen, sagen mehr über die Leser, weniger über den Stand der Wissenschaft.

Gemein ist vielen dieser Bücher aber nicht nur, dass sie einfache Antworten auf weniger einfache Fragen suggerieren, sie versprechen auch Probleme lösen zu können, ohne viel dafür tun zu müssen. Das regelmäßige Trinken von Rote-Beete-Saft nach einer Darmkrebs-Diagnose ist eben kurzfristig die angenehmere Therapie-Option (als sich einer Operation mit ungewissem Ausgang zu unterziehen). Und das Buch, das vernichtende Gesellschaftskritik übt, stützt bequem das eigene Weltbild, das möglicherweise gebaut wurde, damit man nicht selbst die Verantwortung dafür trägt, es nicht dahin gebracht zu haben, wohin die von den Eltern geschaffene Erwartungshaltung einen eigentlich hätte bringen sollen.

Der Mensch ist zu vielen Verdrehungen in der Lage, wenn es darum geht, seine Vorstellungswelt zu erhalten. Das stärkste Mittel ist das der strikten Abgrenzung. Dann gibt es nur noch schwarz und weiß, gut und böse. Die Ökonomie ist dann von neoliberalen Interessengruppen unterwandert, die Pharma-Industrie durchweg geldgierig, korrupt und menschenverachtend. Wenn die andere Sicht undenkbar wird, braucht man sich nicht mit ihr zu beschäftigen. Populismus als Entlastung.

Die Bücheregale in Buchhandlungen zeigen jedenfalls, dass Populismus nicht nur ein Phänomen der Politik ist. Das Herabwürdigen anderer Ansichten und Meinungen, sowie der Anspruch, dass nur die eigene Therapie, Vorstellung, Gesellschaftssicht richtig und wahr ist, ist weit verbreitet – und vermutlich weiter verbreitet, als sich dies in den klassischen Medien vergangener Tage gespiegelt hat.

Vielleicht ist das die einzige relevante wie schlichte soziologische Erkenntnisse in der gegenwärtigen Populismus-Debatte, dass die verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten die vielen aus wissenschaftlicher Sicht obstrusen Ansichten besser zugänglich und ihre Diskussion darüber verstärkt hat.

1717, also vor exakt 300 Jahren, führte Preußen die landesweite Schulpflicht ein. Zuvor war Lesen, Schreiben, Rechnen das Privileg einer Minderheit. Der Beginn der Aufklärung liegt mit Blick auf die Menschheitsgeschichte gerade einen Wimpernschlag zurück. Sapere Aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, schreibt Immanuel Kant 1784. Der Fortschritt erlaubt es uns mehr denn je, diesem Weg zu folgen, es war aber auch nie offensichtlicher, wie schwer wir uns damit tun.

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Attentat in Berlin: Die Verantwortung beginnt beim Denken

Haben die deutschen Sicherheitsbehörden vor dem Anschlag in Berlin versagt? („Klar, sonst wäre der Anschlag ja nicht geschehen!“) Muss das Asylrecht verschärft werden? („Selbstverständlich, bei einer Verschärfung wäre der Attentäter nicht mehr in Deutschland gewesen!“) Brauchen wir mehr Überwachungsmöglichkeiten? („Ja, dann wäre der Attentäter besser kontrolliert worden!“)

Die Lösungen für die Probleme der Welt scheinen bisweilen so einfach, wir werden aber von mehr oder weniger großen Dummköpfen regiert, welche diese einleuchtenden Lösungen nicht sehen – wahlweise nicht sehen wollen, weil sie andere Interessen verfolgen. So eine Haltung gegenüber der Politik ist verbreitet, vermutlich weil sie entlastend wirkt, weil sie von Verantwortung befreit. 

Schuld sind stets die anderen. Die Welt ist bei einer solchen Weltsicht voller Dilettanten. Es wird falsch geplant und falsch gehandelt. Verspätungen bei der Deutschen Bahn, Baustellen auf der Autobahn oder eben der Anschlag in Berlin: alles könnte so viel besser sein, wenn nur den simplen wie auf den ersten Blick einleuchtenden Ratschlägen der Besserwisser gefolgt würde. 

Man begegnet solchen Menschen ständig. Beim Bahnfahren, beim Weihnachtsessen in der Verwandtschaft – und in ehrlichen Augenblicken auch in der Reflexion mit sich selbst. Diese Sicht auf die Welt aber hat ihren Preis: Wer bei anderen die Schuld sucht, lebt in Abhängigkeit. In Abhängigkeit derer, welche die Probleme lösen könnten (es aber nicht tun). Eine solche Sichtweise hält den Menschen in der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Wer keine Verantwortung hat, der kann auch nichts ändern. Und wer keine Verantwortung übernimmt, ist immer Kind geblieben. Der ruft nach den Mächtigen (Eltern), anstatt selbst zu versuchen, die Probleme zu lösen.

Man könnte zu Recht einwänden, dass die Verhinderung des Attentats aber gerade nicht die Aufgabe des Einzelnen ist, das Gewaltmonopol liegt bekanntlich aus guten Gründen beim Staat. Schon, aber die Verantwortung beginnt beim Denken. Genauer gesagt, bei der Meinungsbildung. Denn aus vielen Meinungen werden in der Demokratie in letzter Instanz Gesetze. Man könte auch sagen: Nirgendwo hat der Mensch mehr Verantwortung als in der Demokratie.

Den erwachsendsten Zeitungsartikel über die mögliche Verhinderung des Berliner Attentats habe ich in der FAS (25.12.2016) gelesen. Von Markus Wehner. So unaufgeregt wie informativ. Das ist Meinungsbildung im besten Sinne, bei dem nämlich die Bildung der Meinung dem mündigen Bürger überlassen wird.

Was gegen die AfD hilft

Drei ökonomische Erkenntnisse aus dem jüngsten Freakonomics-Podcast „Trust me“:

  1. Die Gesellschaften der westlichen Welt diversifizieren sich zunehmend, wodurch auf kurze Sicht das soziale Vertrauen (social trust) sinkt (Social trust wird unter anderem mit der Frage „Wie sehr vertrauen Sie Ihren Mitmenschen?“ gemessen).
  2. Auf lange Sicht profitieren Gesellschaften stark von Diversifikation.
  3. Der Vertrauensverlust wird (im Experiment) dadurch reduziert, dass Menschen bereits in jungen Jahren – zum Beispiel als Studenten – Erfahrungen mit Diversifikation machen (weil sie dabei lernen, dass sich Vertrauen auch in diversifizierten Gruppen lohnt).

These aus diesen Erkenntnissen: Bildung und (Lebens-)Erfahrung (mit diversifizierten Gruppen) können AfD und Co.  vergessen machen.

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Behaltet die erste Klasse! – Eine Antwort auf Bernd Kramer von Spiegel Online

Erste Klasse: Ein Waggon aus dem ICE 3 // Foto: Deutsche Bahn AG
Erste Klasse: Ein Waggon aus dem ICE 3 // Foto: Deutsche Bahn AG

Ich bin noch nie mit der ersten Klasse der Deutschen Bahn gefahren. Warum auch? Wegen Ledersesseln, etwas mehr Ruhe und Beinfreiheit einen satten Aufpreis zahlen?

Bernd Kramer vom Spiegel Online fährt auch keine erste Klasse. Aber sie beschäftigt ihn. Genauer gesagt fordert er deren Abschaffung (siehe sein Kommentar „Schafft die erste Klasse ab!“). „Ich reise gerne mit der Bahn“, schreibt er, „aber jedes Mal wundere ich mich über die Teilung der Fahrgäste nach Besitzverhältnissen. Und noch mehr darüber, wie stillschweigend die Existenz zweier Wagenklassen hingenommen wird.“

Bernd Kramer hätte gerne eine Bahn, in der alle gleich sind. Gleicher Preis und gleiche Leistung ohne Unterschied!

Warum eigentlich nur bei der Bahn, Herr Kramer? Warum nicht auch bei Urlauben, bei Möbeln und bei Waschmaschinen? Warum nicht das Einheitsauto für alle? Auf dass nur kein Neid aufkomme!

Vielleicht generiert Bahnfahren Neid stärker als andere Fortbewegungsmittel. Weil Unterschiede unmittelbar auf engem Raum erlebt werden. Dabei könnte sich der Neid schnell verflüchtigen. Die Tickets bei der Deutschen Bahn werden nämlich gar nicht nach Besitzverhältnissen vergeben, wie Kramer schreibt. Nicht wer viel besitzt, kommt an Erste Klasse-Tickets, sondern wer viel zahlt. Es sind gerade nicht die Verhältnisse, sondern die tatsächliche Zahlungsbereitschaft.

Früher gab es diese Privilegien. Die Geburt bestimmte über Rechte und Pflichten, Besitz und Status. Wessen Eltern adelig waren, wurde selbst Teil des Adels, wer Bauern-Eltern hatte, konnte nur Bauer werden, wer besitzlos war, blieb besitzlos.

Die Zeiten haben sich (zum Glück) geändert. Nicht wer Besitz/Einkommen hat, wird privilegiert, sondern es erhält Leistungen, wer davon gibt – zum eigenen Nutzen und gleichzeitig zum Wohle anderer.

Und von diesem Geben profitieren jene, welche die Leistung erbringen. Bei der Bahn sind dies zum Beispiel die Beschäftigten, die in Form von Einkommen profitieren.

Übrigens: Häufig kommen höhere Ticketpreise, mit denen besonderen Leistungen verknüpft sind, auch denen zu Gute, die weniger zahlen wollen oder haben. Es wird dann quersubventioniert. Zum Beispiel beim Theater, bei der Nutzung von Software oder beim Fliegen.

Fazit: Gerade weil die Verhältnisse sich geändert haben, braucht es unterschiedliche Angebote. Auch bei der Deutschen Bahn. Denn mit ihr fahren nicht mehr Privilegierte, sondern jene, die für ein besseres Angebot bereit sind mehr zu zahlen. Das nennt sich Freiheit, nicht Privileg.

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Der Ernst des Lebens: Über den ersten Schultag meines Sohnes

Liebes deutsches Schulsystem,

kannst du bitte abdanken? Noch besser: einfach aufhören, still und leise, von einem auf den anderen Tag. Ohne große Worte.

Das würde für einen Tag Verwirrung schaffen. Wenn alle Schultüren in Deutschland geschlossen blieben. Aber ich bin mir sicher, das wäre nur einen einzigen Tag so.

Schon am zweiten würden die Menschen anfangen, sich selbst zu organisieren. Schüler, die sich mögen, würden sich weiter treffen. Der verschüttete Lernwunsch würde langsam wieder zu Tage kommen. Es würde weiter/wieder gelernt werden. Neue Bildungsangebote würden wie Pilze aus dem Boden schießen. Weil Lernen Freude macht. Weil Lernen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Auch weil Lernen Einkommensmöglichkeiten generiert.

Was wäre das für ein Leben? Wenn wir leben und lernen dürften wie und was wir wollen!

Mein Verschwindenswunsch, deutsches Schulsystem, hat seinen Grund. Meine Einschulung (was für ein Wort!) liegt bald 40 Jahre zurück. Alles was ich von damals noch weiß, alles was ich im Laufe der Jahre gehört habe, alles was ich am ersten Schultag meines Sohnes diese Woche gesehen habe: Es hat sich nichts verändert.

Mein Sohn geht in eine staatliche Gemeinschaftsschule in Berlin, die ob seiner Reformansätze deutschlandweit Beachtung findet, gelobt wird. Der erste Schultag, genauer gesagt, das, was ich vom ersten Schultag gesehen habe, war eine bestürzende Ernüchterung.

Am vorigen Samstag, am so genannten Zuckertütenfest, hatte die Schulleiterin in der Aula vor Schülern, Eltern und Großeltern eine Loblied auf die Individualität des Menschen gesungen und auf die hohe Motivation der Lehrer (heißen hier „Lernbegleiter“) hingewiesen und wie sehr diese sich auf die neuen Schüler freuen würden, und sie hat ihre Schule gelobt.

Der erste Praxistest am ersten Schultag hat die Worte als Worthülsen, die Rede als Sonntagsrede entlarvt. Ich urteile zu früh? Ja, vielleicht. Es muss sein. Es hilft gegen die Wut.

So war der Beginn des ersten Schultags aus meiner Sicht: Eine einzige Lehrerin kümmert sich um 27 weitgehend zur gleichen Zeit ankommende Kinder, plus deren Eltern. Letzteren war darüber hinaus schriftlich von der Schule aufgetragen worden, am ersten Schultag diverse Unterlagen mitzubringen und abzugeben. Die Szenerie war folglich einigermaßen chaotisch. Dazwischen mein ängstlicher, weinender Sohn, der sich dann an einen, seinen neuen Platz im Klassenzimmer setzen sollte, was er auch tat, seine Eltern im Türrahmen verharrend, weil sie die Schwelle zum Klassenzimmer nicht überschreiten durften, aber warten mussten, weil sie der Lehrerin noch Unterlagen geben sollten.

Als wäre der erste Schultag meines Sohnes auch der erste Schultag der Schule gewesen! Als hätte man sich noch nie Gedanken über diesen Tag gemacht. Hätte machen können.

Wie oft hat die Schule diese Situation schon gehabt? Dieses erste Mal? Diesen ersten Eindruck vermittelt, der für 6-Jährige vermutlich prägend sein kann, weil alle Antennen auf höchstem Empfang sind, weil sie genau wissen, dass sie dort von nun an täglich hingehen werden. Wie bestimmt haben sich die Mitarbeiter der Schule nach jeder neuen Erfahrung zusammen gesetzt und überlegt, was man beim nächsten Mal besser machen kann? Und wie häufig sind den Überlegungen Taten gefolgt?

Und wenn nicht: Warum nicht?

Würden so neue Mitarbeiter an ihrem ersten Arbeitstag im Unternehmen „willkommen geheißen“, es wäre ein Fall für die Arbeitsgerichte.

Ok, ich übertreibe. Ich bin, wie gesagt, wütend. Auf den Umgang mit meinem Kind. Auf das System, das dahinter steckt. Das eben keinen Anreiz hat, die Dinge zu ändern. Zu bessern.

Keine Revolutionen wären gefragt. Keine neue Schulreform alle paar Jahre, aufgezwängt von Schulämtern und der Politik. Sondern Verbesserungen im Kleinen, Stück für Stück. An jeder Schule individuell. Die Schulen könnten von den gemachten Lernerfahrungen gegenseitig lernen. Sie könnten es nicht nur, sie würden es auch. Aus vielen kleinen Schritten würde ein neuer, noch unbekannter Weg werden. Hin zu einer Schule mit den Schülern im Mittelpunkt.

Doch diese vielen kleinen Verbesserungen fehlen. Weil es auch ohne diese geht. Weil die Schüler trotzdem in die Schule kommen. Weil es die Schulpflicht gibt. Vor allem aber, weil es weiter an Alternativen fehlt. Der Staat bleibt mit weitem Abstand der Bildungsanbieter Nummer eins. Er hält sich mit allerlei Beschränkungen und Fallstricken für private Konkurrenz diese vom Leib. Ich will das nicht mehr. Seit gestern mehr denn je.

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