Abschied von Gutenberg

In wenigen Tagen beginnt für den deutschen Buchmarkt das digitale Zeitalter – und das große Zittern

Ronald Schild macht aus seiner Ungewissheit keinen Hehl: „Über den typischen eBook-Nutzer weiß man noch relativ wenig“, sagt der Geschäftsführer von MVB, einer Tochtergesellschaft des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Dabei sollen für Schild die eBook-Nutzer ab kommenden Donnerstag vor allem eines sein: seine Kunden. Denn dann beginnt ein Experiment, von dem niemand weiß, ob es die Branche in eine goldene Zukunft führen oder in den Abgrund reißen wird.

Schild hat von den deutschen Buchverlagen, den Zwischenhändlern und den Buchhandlungen den Auftrag bekommen, Geschichte zu schreiben. Es wird die vielleicht größte Veränderung der Branche seit Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert, die da ab dem 12. März starten wird.  Denn der deutsche Buchhandel hat sich durchgerungen, seine Bücher nicht mehr nur auf Papier zu drucken, sondern auch digitalisiert zu verkaufen, als so genannte eBooks. Und zwar alle Bücher, ohne Ausnahme. Auf der Leipziger Buchmesse fällt der Startschuss. Dann können die knapp 100.000 Titel, die derzeit schon auf der Webseite libreka.de zu finden sind, zu einem vom Verlag festgelegten Preis gekauft werden. „Unser Ziel ist es, in drei bis fünf Jahren alle lieferbaren deutschsprachigen Bücher anzubieten“, sagte Schild vor wenigen Tagen der Presseagentur DPA.

Damit gehen die Buchverlage einen Weg, den andere  Unterhaltungsmedien wie „Musik“ und „Bewegbild“ schon gegangen sind. Und deren Erfahrungen zeigen: Es ist ein steiniger, gefährlicher Weg. Denn mit der Digitalisierung wird das Kopieren ohne Qualitätsverlust zum Kinderspiel. Die Kosten jeder Kopie liegen bei nahe Null. Und kein Kopierschutz hält findigen Programmierern länger als ein paar Wochen stand. Die Folge: Die Umsätze der Musikkonzerne und auch vieler Produktionsgesellschaften sind eingebrochen. Weil es kein Problem ist, an Inhalte zu kommen, ohne dafür zahlen zu müssen.

Ab dem kommenden Donnerstag beginnt also für die Buchbranche das große Zittern. Bringt das eBook einen neuen, großen Absatzmarkt oder die Katastrophe? Aktuell erwirtschaftet der deutsche Buchmarkt im Jahr zehn Milliarden Euro. Keiner weiß, wie viel es in zehn Jahren sein werden. Das Doppelte? Die Hälfte? Lange hat die Angst vor dem Wandel den Fortschritt blockiert. Aber die  Konkurrenz sitzt ebenfalls in den Startlöchern – und die ist zahlreich. Mit dem Projekt Book Search hat sich Google zum Auftrag gemacht, das Weltwissen zu digitalisieren. Sieben Millionen Bücher sind mittlerweile eingescannt, auch zehntausende deutschsprachige.  Seit Google bekannt gab, auch eine Shopfunktion einzuführen, ist das Unternehmen zum potentiell weltgrößten Buchhändler mutiert. Auch hat man sich mittlerweile in den USA mit Verlegern und Autoren geeinigt. Wer dem Vertrieb über Google zustimmt, erhält 63 Prozent der Erlöse.  Die amerikanischen Verlage haben bereits die Waffen gestreckt: Sie empfehlen den Vertrieb über Google, weil sie sich nicht in der Lage sehen, ein konkurrenzfähiges Angebot auf die Beine zu stellen.

In Europa stößt das ursprünglich als Suchmaschinenbetreiber  gestartete  Unternehmen auf mehr Konkurrenz.  Neben Libreka gibt es zum Beispiel die Webseite europeana.eu.  Dahinter steht ein von der EU gefördertes Projekt, welches die Aufgabe hat, das literarische Erbe des Kontinents zu digitalisieren. Allerdings: Wer die Seite versucht zu benutzen, verzweifelt nach wenigen Minuten.

Ein Tag vor dem Start von Libreka beginnt außerdem der Buchhändler Thalia ein eigenes eBook-Projekt. Ab dem 11. März kann man in den Filialen die eBook-Lesegeräte aus dem Hause Sony mit dem klangvollen Namen PRS 505  erwerben. Die digitalisierten Bücher können dann  direkt über das Gerät erworben werden. Darüber hinaus dürfte Amazon mit seinem Lesegerät Kindle auch in Deutschland bald an den Start gehen. In den USA gilt das Kindle bereits jetzt als Erfolg.

Der deutsche Buchmarkt startet mit seiner Online-Plattform Libreka  also keineswegs frühzeitig. Vor allem der Handel will damit seinen eigenen Bedeutungsverlust bekämpfen. Denn warum soll es in der Welt der eBooks überhaupt noch Zwischenhändler und Buchhandlungen geben? Die Verleger könnenden Kunden ihr Sortiment direkt über das Internet präsentieren. Libreka ist der Versuch der Buchhändler eine Zukunft zu haben, indem man den Online-Verkauf selbst organisiert, um so am Umsatz teilzuhaben.

Allerdings: Der Weg zum Massenmarkt ist für das eBook noch ein langer. Zu viele Schwierigkeiten stehen einem einfachen Einkauf aktuell im Wege. E Books werden in unterschiedlichen Datei-Formaten angeboten. Der Käufer muss also genau wissen, welches Format zu seinem Lesegerät passt. Die Technik der Lesegeräte steckt immer noch in den Kinderschuhen. Die dauerhafte Archivierung von eBooks ist weiter ungeklärt: Was passiert mit meinen eBooks, wenn ich mir ein neues Lesegerät kaufe?

Nicht zu vergessen die grundsätzliche Frage, ob die Mehrheit überhaupt auf das gedruckte Buch verzichten will. Roland Schild sagt, dass man noch wenig über den eBook-Nutzer weiß. Wie auch? Ohne Angebot keine Nachfrage. Es wird noch einige Jahre brauchen, ehe wir wissen, ob der Vorteil der nahezu unbegrenzten Speicherung von Büchern mehr geschätzt wird als das haptische Erlebnis, ein Buch Seite für Seite „auflesen“ zu können. Ob der ökologische und ökonomische Vorteil einer einfachen digitalen Übertragung von Büchern den Verzicht auf die heimische Bücherwand überwiegt, die immerhin den Hausgästen den Bildungsstand der Gastgeber zeigt? Erst dann wird man wissen, ob das gedruckte Buch lediglich eine Zwischenlösung zwischen Steintafel und der digitalen Welt war.

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