Die Eingeborenen des Netzes

Was unterscheidet die heutige Elterngeneration von ihren Kindern? Mehr als auf den ersten Blick zu sehen ist

Das Buch zur Generation hatte Douglas Coupland geliefert. Damals, 1991. „Generation X – Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur“, hieß es. Zumindest der Untertitel würde heute genauso passen. Hat sich in den vergangenen 18 Jahren vielleicht gar nicht so viel verändert? Ist einfach alles nur noch ein bisschen schneller, ein bisschen unüberschaubarer geworden? Was unterscheidet die Generation X, also jene, die in den 1960er und 1970er Jahren geboren wurden, von denen nach 1980?

Eigentlich hatte der Kanadier Coupland den Auftrag erhalten, ein Lifestyle-Lexikon über die „Twentysomethings“ zu erstellen. Doch der ehemalige Kunststudent schrieb statt des Sachbuchs lieber einen Episodenroman. Einen Episoderoman über den ersten Wohlstandsknick seit dem Zweiten Weltkrieg, über zu viel Fernsehen und zu wenig Arbeit, über das Ende von Ideologien und fehlender Ideale, über Unbestimmtheit und Unzufriedenheit, über Konsumverweigerung und den Rückzug aus der Gesellschaft.

Coupland, Jahrgang 1961, hat später einmal gesagt, dass es ihm ein wenig peinlich sei, dass er der Namensgeber für eine ganze Generation sei. Schließlich habe er mit dem Titel gerade andeuten wollen, dass es um eine Generation gehe, die eben sehr unbestimmt, kaum zu definieren sei. Ironischerweise hat Coupland dieser schwer zu greifenden Generation mit seinem Buch dann doch den einen, den prägenden Stempel aufgedrückt.

Die Generation X steht heute in der Mitte ihres Lebens. Sie sind Mütter und Väter, haben die ersten Jobs hinter sich, kümmern sich um die betagten eigenen Eltern. Was sie trennt von ihren Kindern, ist eine Lebenserfahrung, die sie nie machen konnten: Es ist das Selbstverständnis mit digitalen Medien, mit dem Internet aufzuwachsen. Das unterscheidet sie von den Jungen, den „Digital Natives“, den digital Eingeborenen. Was aber verändert diese Erfahrung? Was trennt die beiden Generationen?

Wer alt genug ist, wird sich erinnern: Die ersten Heimcomputer wurden zunächst skeptisch beäugt, später konnte man sich stundenlang mit Textverarbeitungsprogrammen beschäftigen. Und als Ende der 80er Jahre zur Volkszählung gebeten wurde, schlug man dem Datenerfasser die Türe vor der Nase zu. Datenschutz begann spätestens auf der Fußmatte der eigenen Wohnung. Was für ein Unterschied zu heute! Der geringste ist, dass Computer und Internet uns reicher gemacht haben: Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gehen rund 75 Prozent des Zuwachses der Arbeitsproduktivität auf IT-Investitionen zurück. Doch die Veränderung geht weiter, tiefer. Sie berührt das Selbstverständnis von Leben, von Alltag, von Zusammenleben. Und die Veränderung ist um so ausgeprägter, je jünger die Menschen sind. Weil sie es nicht anders kennen. Das Internet war für sie schon immer da. Und so wird es auch verwendet: selbstverständlich und daher pragmatisch, als Mittel zum Zweck. Es wird benutzt, anstatt dass man sich benutzt fühlt. Es ist keine Bedrohung, sondern Hilfe. Bevor man etwas kauft, werden im Netz Beurteilungen eingeholt, in Foren gesucht, Fragen gestellt – das Internet als Emanzipation des kleinen Konsumenten vor den großen Konzernen. Und bieten letztere schlechten Service oder tricksen, fliegt das im Internet auf. Der Vertrauensverlust ist dann nur schwer wieder zu kitten.

Für die Digital Natives bringt das Internet Selbstbestimmung. Wahrheitsmonopole sind ihnen fremd. Nur weil jemand einen Professorentitel trägt, hängt man ihm noch nicht an den Lippen; für den Schutz der Konsumenten braucht es nicht zwingend Behörden; Journalisten sind nicht die einzigen Wahrheitssucher. Die Generation X schätzte noch die Information, die über Institutionen verbreitet wurde. Sie steht deshalb dem Internet skeptisch gegenüber. Die Digital Natives schlagen derweil bei Wikipedia nach.

Und jetzt ist diese Generation Anfang zwanzig und drängt in die Unternehmen. Dort wird vielerorts noch auf Hierarchien wert gelegt. Der Titel zählt, die Position, es wird isoliert gearbeitet, nach zugewiesenen Funktionen. Dem steht die Arbeitsweise der Internet-Generation gegenüber. Diese arbeitet grundsätzlich vernetzt. Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit ist wenig scharf. Leistung bemisst sich weniger an Arbeits- und Präsenzzeiten als an Zielen und tatsächlichen Ergebnissen. Konflikte sind damit vorprogrammiert. Durchsetzen wird sich die bessere, die motivierendere, die effizientere Arbeitsweise. Wo das alles hinführen wird? Vermutlich in ein besseres Leben. Denn immerhin liegt die Zukunftstechnologie in den Händen der Jugend.

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