Gipfel im tiefen Tal: Welche Lehren das G20-Treffen in London aus der Weltwirtschaftskrise ziehen sollte

Joseph Alois Schumpeter hat der Konjunktur eine Ordnung gegeben. Der Ökonom aus Österreich (1883-1950) teilte die Wirtschaftsentwicklung in einen Zyklus mit vier Phasen: Aufschwung, Hochkonjunktur, Abschwung, Krise. Das Wissen um diesen Zyklus erschreckt und beruhigt zugleich. Es nährt die Gewissheit, dass die aktuelle Krise nicht die letzte sein wird, es untermauert aber zugleich die Hoffnung auf den nächsten Aufschwung.

Damit dieser bald am Horizont sichtbar wird, treffen sich diese Woche die 20 gewichtigsten Staats- und Regierungschefs in London. Auf einfache Rezepte indes können sie nicht zurückgreifen. Denn in der Wissenschaft fehlt es sowohl an einer allgemein akzeptierten Theorie, warum ein marktwirtschaftliches System in Schwingungen gerät, noch sind sich die Ökonomen einig darüber, ob staatliche Stabilisierungsversuche tatsächlich helfen. Gewissheit gibt es nur darüber: Jede Krise hat ihre Besonderheiten, und wer sie schnell überwinden will, muss ihre speziellen Ursachen kennen.

Die aktuelle Krise hat ihren Ursprung im überzogenen Konsum- und Importboom der USA, der dort über Jahre zu einem wachsenden Leistungsbilanzdefizit geführt hatte. Mit anderen Worten: Die US-Bürger haben lange, zu lange auf Pump gelebt. Weil Preise und Zinsen niedrig waren.

  • Denn erstens wurden durch niedrige Wechselkurse, vor allem des chinesischen Yuan, die USA mit billigen Produkten aus Ostasien überschwemmt.
  • Zweitens tauschten die chinesischen Exporteure ihre in der Folge reichlich vorhandenen Dollars in Yuan. Mit den Dollars kaufte die chinesische Notenbank US-Staatsanleihen und  finanzierte damit den amerikanischen Konsumrausch.
  • Drittens wurden die  hohen Sparüberschüsse in Ostasien  von den dort noch unterentwickelten Kapitalmärkten nicht aufgenommen. Das Geld strömte deshalb in die Kapitalmärkte der USA, was  dort den Hypothekenboom mit ermöglichte.
  • Und viertens hatte Zentralbank-Präsident Alan Greenspan dem Ende des ersten Internet-Booms im Jahre 2000 mit einem historisch niedrigen Leitzins von ein Prozent entgegen gewirkt, was ebenfalls günstige Krediten begünstigte.

Im Grunde war hier entstanden, was im Marktmechanismus nur schwer zu vermeiden ist: eine Blase. Deren Platzen traf als erstes den Finanzsektor. Eigentlich kein Drama in einer Marktwirtschaft. Die weniger konkurrenzfähigen Unternehmen scheiden aus, wer übrig bleibt, blickt gestärkt in die Zukunft. Doch in der Krise des Banken-Sektors hat sich eine Besonderheit gezeigt, die bisher übersehen worden war: Die Branche ist derartig mit wechselseitigen Vertragsbeziehungen durchzogen, dass das Ausscheiden eines Instituts, die Existenz anderer im Markt verbleibender Banken gefährdet.

Das hat die Politik in ein Dilemma gestürzt: Sie muss, die in der Bevölkerung wenig beliebten Banken mit Milliarden stützen. Das noch größere Problem aber ist, dass ein solche Unterstützung die Saat für die nächste Krise legt. Weil erstens der notwendige Strukturwandel nicht vollzogen wird und weil zweitens diese Banken in der Zukunft noch risikoreicher wirtschaften werden. Denn sie können sich darauf verlassen: Geht was schief, springt der Steuerzahler ein.

Diese Fehlanreize in Zukunft zu unterbinden, ist die schwierige Aufgabe, vor der die G20-Länder stehen. Was es dafür braucht: Erstens eine bessere Marktbeobachtung als bisher, um mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen. Zweitens deutlich mehr Eingriffsmöglichkeiten des Staates im Falle einer drohenden Schieflage. Nur so entwickeln die Bankeigentümer  ein ausgeprägtes Interesse dafür, Gefahren frühzeitig entgegenzuwirken – zu ihrem eigenen Wohl, und zum Wohle der Gesellschaft.

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