Der Nazi meiner Kindheit

Richard Trunk, Bürger meiner Heimatstadt Tauberbischofsheim, war nicht nur Komponist, sondern ein “glasklarer Nationalsozialist“, weiß die Forschung. Schlimmer: Seine gesamte Karriere fußte darauf, dass er ein glühender Anhänger Hitlers war. Und dennoch ist die Musikschule der nordbadischen Kreisstadt nach ihm benannt, die Richard-Trunk-Musikschule. Und eine Straße auch, und Ehrenbürger der Stadt war Trunk ebenfalls.

In keiner Minute meiner Kindheit und Jugend kam bei mir ein Wort der Kritik über Trunk an. Noch vor wenigen Wochen erklärte die Tauberbischofsheimer Bürgermeisterin Anette Schmidt in einer Radiosendung des Bayerischer Rundfunks, man habe andere Sorgen, als die Musikschule umzubenennen. Jetzt hat man sich anders entschieden, lese ich in der Zeitung (siehe unten). Vermutlich war der Druck gestiegen. Selbstbestimmtes Handeln sieht jedenfalls anders aus.

Warum hat es 80 Jahre gebraucht, um eine Nazi-Größe meiner Heimatstadt von Thron und Sockel zu stoßen? Wo doch erinnern so wichtig ist. Weil sich autoritäre Systeme, bis hin zur Diktatur, dann am besten verhindern lassen, wenn wir ihre Schrecken kennen, sie erinnern.

Warum also? Ich vermute, weil in Tauberbischofsheim, und natürlich nicht nur dort, man dieses Erinnern von Anfang an kaum zugelassen hatte. Wer stellt sich gerne der eigenen Schuld und Scham? Vor allem, wenn sie so schwer wiegt.

Ich erinnere mich gut: Wurde des Zweiten Weltkriegs gedacht, so wurde in meiner Kindheit und Jugend vor allem der “gefallenen Soldaten” erinnert, der eigenen gefallenen Soldaten natürlich. Nie gab es in in meiner Geburtsstadt so etwas wie ein Fest der Demokratie, ein institutionalisiertes Freudenfest darüber, von Hitler befreit und die Demokratie (zurück)bekommen zu haben. Demokratie war das Ergebnis einer Niederlage.

Deswegen wurde Richard Trunk Namensgeber der örtlichen Musikschule (in der ich einige Jahre erfolglos Akkordeonunterricht erhielt). Man hielt an seinen (gefallenen) Helden fest. Das ist schlimm. Schlimmer scheint mir, dass es drei Generationen braucht, um den Fehler einzugestehen und zu ändern. Es zeigt mir, dass die Demokratie, in der wir Deutschen heute leben, möglicherweise auf einem brüchigeren Fundament steht als wir denken. Auch weil sich das Muster wiederholt. Wieder schämt man sich. Wieder fühlt man sich schuldig. Diesmal, weil man lange wartet bis man sich von vermeintlichen Vorbildern löst. So lange bis es mindestens das wird: peinlich. Erinnerung bleibt so weiter schambehaftet – und wird erneut verdrängt.

Meine Hoffnung ist dennoch, dass die Dinge sich ändern. Die Täter sind nicht mehr. Wer heute lebt, hat Hitler nie zugejubelt. Hat keine Mitschuld an der Machtergreifung 1933 und allem was danach kam. Wir können deshalb leichter erinnern. Und die Umbenennung einer Musikschule zu einem Tag der Freude machen. Zu einem Fest der Demokratie. Es ist noch nicht zu spät.

3 thoughts on “Der Nazi meiner Kindheit

  1. Das kenne ich. In meiner Kindheit, wurde alles auch weggedrückt und verschwiegen, was die Nazi-Vergangenheit anbelangt. Das Problem ist: Die Vergangenheit vergeht nicht einfach, Freud nennt es die Wiederkehr des Verdrängten. Da darf man sich nicht wundern, dass die Jauche wieder hochkommt, wenn die Zeiten kompliziert werden und brutale Disruption den Zeitgeist bestimmt. Danke für den erhellenden Beitrag.

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  2. Es ist ja schön, ab und zu etwas von Ihrer vorbildlichen Gesinnung zu erfahren, aber wollen Sie nicht langsam mal den Namen Ihres Blogs ändern? Mit Ökonomik hat diese Ausgabe genauso wenig zu tun wie manche Ihrer früheren Kommentare.

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