Das ist mindestens schwer, solange Parteien mit der ältesten Wählerschaft die Politik bestimmen. Und es wird nicht leichter, wenn bei Reformvorhaben in erster Linie die Interessen von Verbänden berücksichtigt werden. Verbände bündeln bekanntlich die Interessen ihrer Mitglieder. Die sind meist gesellschaftlich etabliert. Weil es oft Zeit, Macht und Geld braucht, um sich zu organisieren. Keiner bündelt wirkmächtiger Interessen als etablierte Unternehmen. Die wollen aber in erster Linie, dass die Dinge bleiben wie sie sind. Dass etablierte Unternehmen etabliert bleiben. Es ist kein Zufall, dass die Familienunternehmer eine stockkonservative Organisation ist. Mitglied werden kann nur, wer einen Umsatz von mindestens einer Million Euro erwirtschaftet. Bei den Familienunternehmern sammeln sich Macht und Geld. Die Veränderung ist ihr Feind. Mindestens jene Veränderung, die ihnen ihre Stellung im Markt kosten könnte.
Wohlstand entsteht aber aus Veränderung. Das Bessere als Feind des Guten. Die schöpferische Zerstörung als Basis für eine unbekannte Zukunft, die nur dadurch, dass sie unbekannt ist, mutmaßlich gut wird. Ein Paradox. Aber nur scheinbar. Denn wer die (bekannte) Gegenwart in die Zukunft überführen wird, wird eine schlechtere Zukunft haben, als es die Gegenwart ist.
Wir wollen die Auto- und Chemieindustrie durch Erhalt-Politik retten, finanzieren weiterhin unsere Sozialversicherung über den Produktionsfaktor Arbeit, und wir bilden noch immer unsere Kinder in einem staatlichen Bildungsmonopol aus.
Dabei geht es um so viel. Um mehr als Wohlstand.
Denn Strukturkonservatismus bewahrt am Ende nicht. Er zerstört. Eine Technologie bewahren zu wollen, weil angenommen wird, dass darauf der Wohlstand des Landes beruhe, vernichtet Wohlstand. Weil man auf einem globalen Markt die Menschen nicht zwingen kann, eine Technologie zu kaufen, wenn sie einer anderen unterlegen ist. Oder Migration. Wir werden ohne eine Willkommenskultur nicht jene Menschen ins Land bekommen, die eine prosperierende Gesellschaft braucht, vor allem dann, wenn sie stark altert.
Im Moment dominiert jedoch strukturkonservative Politik. Und weil eine solche Politik keinen neuen Wohlstand schafft, gibt sie jenen Kräften Auftrieb, die versprechen, dass alles wieder so wird, wie es früher war. Das ist der entscheidende Denkfehler der Strukturkonservativen: Sie argumentieren, jenen Menschen eine Heimat zu geben, die sonst Extremisten ihre Stimme geben würden; tatsächlich treiben die Folgen ihrer Politik die Menschen in die Arme von Extremisten.
Wer dagegen die Erzählung fördert, dass im offenen Wettbewerb um Ideen und Köpfe unsere gemeinsame Zukunft liegt, trägt entscheidend dazu bei, dass den Feinden der Demokratie die Wählerschaft ausgeht.