Ich habe mich mit einem Freund in einer Kneipe getroffen.
Am Ende des Abends zahlte ich 11,40 Euro. Ich hatte ein schlechtes Gewissen und gab deshalb reichlich Trinkgeld. Einen ganzen Abend in einer Kneipe sitzen und dann so viel zahlen wie für einen Kuchen und einen Flat White in einem schicken Berliner Café – das kam mir unangemessen vor.
Warum der in meinen Augen niedrige Preis?
Ich hatte ein kleines alkoholfreies Bier sowie ein kleines und ein großes alkoholisches Bier. Früher wäre ein solcher Abend doppelt so teuer gewesen. Fünf Bier, dazwischen ein Espresso und am Ende ein Sambuca. So in die Richtung.
Das Problembewusstsein für Alkohol und das Alter haben meine Trinkgewohnheiten verändert.
Und nicht nur meine.
Eine Pensionsbesitzern im Brandenburgischen, die ihre Eckkneipe im gleichen Haus vor Jahren aufgegeben hatte, erzählte mir einmal, dass in ihre Kneipe am Ende nur noch alte Männer gekommen seien. Die hätten ein Bier getrunken, dann eine Tablette geschluckt und noch maximal ein zweites Bier bestellt. Man könne so keine Kneipe wirtschaftlich betreiben, sagte sie mir, als sie mich durch die leerstehenden Räumlichkeiten im Erdgeschoss führte. Eine Kneipe ohne Menschen kann ziemlich deprimierend wirken.
Die Anekdote ist exemplarisch. 2013 lag der durchschnittliche Bierkonsum in Deutschland pro Kopf bei 106 Litern; zehn Jahre später waren es nur noch 88.
Und das Kneipensterben hat ebenfalls Zahlen: 2015 gab es noch 31.000 Kneipen in Deutschland. 2022 waren es nur noch 21.000.
Eine Kneipe lässt sich halt nicht mit Wassertrinker:innen finanzieren.
Dabei ist es so wichtig, dass Menschen sich begegnen können.
Öffentliche Orte des Austauschs sind essenziell für Gemeinschaft und Demokratie. Was, wenn wir uns alle das Essen nach Hause liefern lassen? Wenn wir nur noch Kaffee to go bestellen? Wir uns fast nur noch digital austauschen? Uns weniger in real begegnen? Weniger Auge in Auge streiten? Uns weniger wieder vertragen?
In Kneipen passiert das alles. Und der Alkohol ist die Grundlage dafür, dass das Business “Kneipe“ funktioniert.
Und der Alkohol ist vielleicht noch mehr. Er verbindet die Menschen. Hemmungen sinken, wir werden offener. Verbrüdern und verschwestern uns.
Ja ja, ich weiß: Der Alkohol hat seine Schattenseiten.
Chatty, bitte bremse meine “Alkohol rettet die Demokratie“-Euphorie!
“Wichtig ist:
Die durch Alkohol erzeugte Offenheit kann tiefer wirken, als sie tatsächlich ist.
• Gespräche wirken bedeutungsvoller.
• Emotionen wirken authentischer.
• Beziehungen wirken enger.
Doch vieles davon ist chemisch erzeugt, nicht real gewachsen.”
Ok. Point taken.
Vielleicht brauchen wir neue Geschäftsmodelle für Begegnungsorte, die nicht auf Alkohol basieren. Die aber dennoch Gemeinschaft und Austausch schaffen. Vielleicht denke ich darüber nach, wenn ich nachher in meinem Lieblingscafé bei Kaffee und Kuchen sitze.