Suchaneks Missing Link der Ordnungsökonomik

Wie steigen Sie in den Zug ein, wenn der Bahnsteig proppenvoll ist? Drängeln Sie oder lassen Sie anderen den Vortritt – auf die Gefahr hin, die Fahrt über zu stehen?

Allgemeiner: Wie handeln Sie, wenn der eigene Vorteil zum Nachteil anderer wird?

Mindestens in dieser Allgemeinheit lässt sich die Frage nicht beantworten. 

Sie hängt von der Situation ab. Bei der Abwehr eines Angriffs kann die Schädigung des Angreifenden legitim sein. Spiegelbildlich: Wer sich nimmt, worauf kein Anspruch besteht, wird wenig Zustimmung finden. 

Warum ich das schreibe?

Gesellschaften funktionieren und gedeihen, wenn Gesetze, Regeln, Institutionen nach einem einfachen Prinzip gebaut sind. Sie sollen stets so sein, dass wer sich an sie hält, während er/sie nach dem eigenen Vorteil strebt, dem geht es nicht nur selbst besser, sondern der “verursacht”, quasi beiläufig, auch Vorteile für seine Mitmenschen. Der Bäcker, im Wettbewerb mit anderen Bäckern, backt leckere, gesunde und zugleich günstige Brötchen, und er tut dies, weil er seinen Lebensunterhalt verdienen will. 

Eigenes Vorteilsstreben zum Vorteil anderer. 

Was aber, wenn nicht? Wenn ein Bäcker billiges, weil verunreinigtes Mehl verwendet? Dann müssen die Regeln und Institutionen geändert werden, antwortet die Ökonomik. Mehr Lebensmittelkontrollen, härtere Strafen. 

Ziel ist eine Gesellschaft zum gegenseitigen Vorteil, wie es bereits der Philosoph John Rawls formulierte. Die Mittel: Institutionen, Regeln, Gesetze. 

So weit die Basics aus dem Ökonomik-Lehrbuch (Kapitel: Ordnungspolitik). 

Was aber, wenn sich viele menschliche Interaktionen mit solchen Mitteln nicht regeln lassen? Weil ein Großteil des Zusammenlebens im kleinteiligen Alltag stattfindet? Zum Beispiel beim Einsteigen in den Zug.

Ökonomische Modelle lehren, dass der Mensch egoistisch sein kann, wenn gute Regeln dafür sorgen, dass eigenes Vorteilsstreben zum Vorteil der Mitmenschen ist. Wenn aber viele Interaktionen gar nicht von Gesetzen und Regeln erfasst werden, wie kann dann verhindert werden, dass Menschen andere schädigen?

Dann braucht es eben doch, anders als gängige Ökonomik weismacht, den ethisch handelnden Menschen beziehungsweise die Erziehung zu solchen. Menschen, die sich zurücknehmen, die zum Beispiel nicht handeln, wenn es zum Schaden anderer ist. 

Andreas Suchanek vom Wittenberg Center for Global Ethics, der Philosophie mit ökonomischer Methode betreibt, schreibt in Bezug auf diese nicht von offiziellen Regeln erfassten Interaktionen: “Oft handelt es sich um Hintergrundbedingungen, die gar nicht ins Bewusstsein treten, und wahrscheinlich liegt in solchem Gewohnheitsverhalten ein weit wichtigerer Teil der Stabilität gesellschaftlicher Kooperation, als in ökonomischen Modellen widergespiegelt wird.”

Für mich ist die Arbeit von Suchanek jener Missing Link, der Ordnungspolitik mit eigener Verantwortung verknüpft. Eine Gesellschaft von Egoisten wird keine gute sein. Eigentlich klar, oder?

2 thoughts on “Suchaneks Missing Link der Ordnungsökonomik

  1. Es ist ja schön zu sehen, dass Andreas Suchanek das Rad, das der leider viel zu früh verstorbene Gebhard Kirchgässner schon in den 1990er Jahren mit seiner “Theorie der Minimalmoral” erfunden hat, nun neu erfindet. Der große Ökonom C.C. von Weizsäcker hat einmal gesagt, Kreativität beruhe oft nur auf mangelnder Literaturkenntnis. Ich empfehle zur Einführung den folgenden Aufsatz von Kirchgässner: On minimal morals, European Journal of Political Economy 26 (2010), S.330-339.

    Den Artikel von Suchanek kann man nicht kostenlos einsehen; daher konnte ich nicht überprüfen, ob er Kirchgässner wenigstens zitiert hat.

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