Können, nicht müssen


Die demografische Entwicklung zwingt uns Deutsche mehr zu arbeiten, heißt es jetzt aller Orten. “Wir müssen im Jahr 2036 die Arbeit von 8,5 Millionen Menschen auffangen”, schreibt etwa Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Und: “Wir müssen alle mehr arbeiten.”

Das passt so gar nicht zu meiner Vorstellung von Marktwirtschaft. Ich höre sie rebellieren in meinem Kopf. Sie ruft:

Wir müssen gar nichts!

Und sie erklärt:

Der Arbeitsmarkt ist keine feste Größe, wie ein Gefäß, das gefüllt werden muss. Weniger Arbeitskräfte führen zu höheren Löhnen, zu mehr Innovation. Ein neues Gleichgewicht findet sich. Ein Wohlstandsverlust (pro Kopf) muss das nicht bedeuten. Im Gegenteil. Zumindest solange wir Fortschritt erlauben.

Solch positive Geschichten der Marktwirtschaft höre ich kaum noch. Auch nicht von Freunden der Marktwirtschaft.

Stattdessen wird das Narrativ von den faulen Deutschen erzählt – oder wie Michael Hüther schreibt: “eine Genügsamkeit, die sich in dieses Land eingeschlichen hat”. Das klingt wie ein unbemerktes Gift, das bald seine fatalen Konsequenzen zeigen wird.

Populisten und Extremisten greifen das auf. Es passt zum Narrativ von gesellschaftlicher Dekadenz, die zum Untergang führe. Das ist zwar Blödsinn, verfängt aber. Viele meinen, es gehe in diesem Land unaufhörlich bergab, es habe abgewirtschaftet, es brauche deshalb eine radikal andere Politik, es brauche mehr Radikale.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist legitim, ja gesellschaftliche Pflicht, auf die Herausforderungen des demografischen Wandels aufmerksam zu machen – damit die Politik reagieren kann. Dazu kann auch gehören, die Anreize der Arbeitsaufnahme oder länger zu arbeiten zu verändern. Und Ja, unser umlagefinanzierte Sozialversicherung macht solches Denken dringlich. Daraus sollte aber kein Müssen werden.

Vielmehr ein Können.

Denn Marktwirtschaft heißt Freiheit. Dazu gehört die Freiheit, selbst zu entscheiden wie viel man arbeiten möchte. Anreize können einem weitgehend die Wahl lassen. Sie können aber auch so gesetzt werden, dass eben kaum eine Wahl bleibt (als etwa mehr zu arbeiten).

Letzteres wäre eine Entscheidung gegen die Menschen. Denn vielleicht wollen die ja in Zukunft gar nicht mehr arbeiten. Vielleicht weniger. Es wäre historisch betrachtet jedenfalls nicht überraschend. Noch immer wurden die positiven Folgen des Fortschritts in zwei Geschenkpakete gesteckt: in das eine kam “mehr materieller Wohlstand”, in das andere “mehr Freizeit”.

Das kann auch in Zukunft so bleiben, wenn wir eine Sache in den Mittelpunkt stellen: den Fortschritt fördern. Wenn wir Innovation zulassen, wo es geht. Überall. Beginnend spätestens in der Schule, nicht endend mit dem Renteneintritt. Denn Innovation schafft nicht nur Wohlstand, sondern ist die beste Antwort auf weniger Arbeitskräfte. Innovation findet Lösungen, wenn weniger Menschen arbeiten. Vor allem aber braucht Innovation keinen Zwang. Und die Marktwirtschaft auch nicht.

Leave a comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.