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Mit Wohlfahrtsökonomie besser durch die Corona-Krise?

Der Ökonom Dirk Krüger hat in der NZZ ein interessantes Interview gegeben. Es geht im Kern um die Frage, ob und wenn Ja wie die Wohlfahrtsökonomie zum besseren Umgang in der Corona-Krise beitragen kann?

Lehrreich finde ich, dass der wohlfahrtsökonomische Blick das Verständnis dafür schärft, dass im Ringen um den richtigen Umgang mit der Krise auch ein Generationenkonflikt schlummert.

Spannend und kontrovers finde ich auch den Versuch und die Frage, ob man Menschenleben in Geldeinheiten angeben kann oder darf. Alles scheint sich gegen eine Sicht zu sträuben, bei welcher der Wert des Lebens vergleichbar gemacht wird, wo Leben doch die Bedingung von allem ist, der Wert doch also auf den ersten Blick unendlich sein müsste. Die Sinnhaftigkeit wird offensichtlich im Umkehrschluss. Denn wenn man das nicht tue, sagt Krüger, der Professor an der Universität Pennsylvania und Herausgeber der „International Economic Review“ ist, „müsste man die Wirtschaft in der Epidemie auf null herunterfahren. Denn die Kosten des wirtschaftlichen Einbruchs sind endlich, der Wert der geretteten Leben wäre aber unendlich.“ Und Krüger an anderer Stelle weiter: „Dann müsste jede Art von Tätigkeit sofort verboten werden, die gesundheitlich schädlich sein könnte, also fast alle Jobs.“

Aber eine solche Betrachtung hat Grenzen. Etwa wenn man mit Hilfe der Wohlfahrtsökonomie den Gesamtnutzen einer Gesellschaft maximieren will. Krüger hält dies laut einer Aussage im NZZ-Interview für legitim. Auf die Frage, ob es „Aufgabe der Politik wäre, den Gesamtnutzen der Gesellschaft, also die Summe über alle Einwohner, zu maximieren“ mit: „Ja, genau.“

Das irritiert. Denn Krüger ist, so scheint mir, damit beim Utilitarismus gelandet. Der stand bekanntlich am Beginn der Wohlfahrtsökonomie und wurde bereits vor bald hundert Jahren kritisiert. So entfachte etwa Anfang der 1930er Jahre der britischen Ökonom Lionel Robbins mit dem Buch „An Essay on the Nature and Signifance of Economic Science“ eine breite Debatte über die zweifelhafte Rechtfertigung der Verwendung des Utilitarismus als wissenschaftliche Grundlage der Wohlfahrtsökonomik.

Ein wesentlicher Kritikpunkt: Interpersonelle Nutzenvergleiche sind nicht durch empirische Beobachtungen überprüfbar. Beispiel: Es lässt sich nicht feststellen, ob 1000 Euro Person A mehr Nutzen stiften als Person B.

Die Maximierung des Gesamtnutzens einer Gesellschaft ist also – so mein ökonomischer Wissensstand – schlicht nicht möglich, und kann deshalb, wenn man es dennoch versucht, zu falschen Schlüssen führen.

Von Johannes Eber

In Berlin living economist, senior consultant at Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) and co-founder of the media agency Solokarpfen.

1 Antwort auf „Mit Wohlfahrtsökonomie besser durch die Corona-Krise?“

Danke für den Kommentar. Allzu viele Wissenschaftler lassen sich dazu verführen, ihren Ansätzen einen allgemeingültigen Charakter zu verleihen und geraten damit in die Gefahr, Moral durch eine von ihnen präferierte Technokratie ersetzen zu wollen.

Nicht jedes Dilemma ist lösbar, schon gar nicht ökonomisch.

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