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Wann kommt die europäische New York Times?

Drei Gründe, die potenziell für einen wachsenden Markt einer europäischen Publikation sprechen: 1) Die Bedeutung politischer Entscheidungen auf europäischer Ebene nimmt langsam aber kontinuierlich zu, 2) Die Mobilität in Europa wächst stetig, 3) Der Populismus generiert eine Gegenbewegung von Menschen, denen ein demokratischer Zusammenhalt in Europa wichtig ist.

Ich habe vor eineinhalb Jahren ein kleines Experiment gemacht. Auf dem Weg in die Herbstferien kaufte ich bei der Abfahrt am Bahnhof die New York Times (internationale Ausgabe, 20 Seiten), und ich laß in der folgenden Ferienwoche nur diese eine Zeitung.

Ziel des Experiments: Ich wollte wissen, was es mit einem macht, wenn man nicht über Artikel huscht, sondern mit Ruhe und Sorgfalt liest.

Ergebnis: Selten habe ich so viel in so kurzer Zeit gelernt.

Warum? Ich las die Zeitung langsamer und deshalb aufmerksamer, und ich nahm Informationen als Anfangspunkt. Welche Typografien verwendet die Zeitung in ihren diversen Rubriken? Wann und wer hat sie erfunden? Was weiß das Internet über die Autoren der Texte und deren Protagonisten in den Texten? Was bedeuten englische Wörter und Begriffe? Wo liegen die Orte (auf Google Maps), die in den Inhalten erwähnt werden? Was sind die tieferen wissenschaftlichen Gedanken, die in Texten nur angerissen werden? Auf welchen Kommunikationsideen basiert die Gestaltung der (wenigen) Anzeigen? – Die Fragen, denen man nachgehen konnte, waren unbegrenzt.

Ich möchte diese Zeitung seit diesem Urlaub nicht mehr missen, leiste mir seitdem für 50 Euro und 30 Cent im Monat das Print-Abo (inklusive digital) und freue mich jeden Morgen auf Abwechslung und Kompetenz in meinem Briefkasten.

Warum diese Vorrede? Ich bin möglicherweise befangen. Ich liebe die New York Times. Die folgende Idee entspringt einem Traum, dem das Kalkül hoffentlich folgen kann.

Jedenfalls hat mich die Freude an der Zeitung zu einer Frage gebracht: Warum lese ich als Berliner, Deutscher, Europäer eine Zeitung so gerne, die mit dem Blick auf und in den USA produziert wird, und wäre das Interesse nicht noch größer, gäbe es eine solche Zeitung aus und in erster Linie für Europa?

Die New York Times hat ohne Frage Schlagseite. Bauchgefühl  die Hälfte der Artikel haben USA-Bezug. Das ist insofern ein überschaubares Problem, weil viele Menschen, so wie ich auch, ein besonderes Interesse für die Vereinigten Staaten von Amerika haben. Die Kehrseite einer solchen Berichterstattung aber ist, dass Themen und Regionen, die für die USA wenig Relevanz haben, reduziert in der Zeitung vorkommen.

Wie würde eine (digitale) Zeitung aussehen, die für Menschen gemacht wird, für die Europa der zentrale Lebensraum ist? Eine solche Zeitung wäre sicherlich keine, die ausschließlich über Europa berichtet, schon gar keine, die in erster Linie um Brüssel kreist. Sie wäre vielleicht eine Zeitung, die für jene Menschen gemacht wird, für die Europa Heimat ist. Sie würde über Kultur berichten, über Politik (auch jene der Nationalstaaten), über gesellschaftliche Entwicklungen, über Verbindendes und Trennendes. Es wäre eine Zeitung, die mit den Menschen wächst.

Es wäre eine Zeitung für jene, die in Edinburgh geboren, in jungen Jahren mit den Eltern nach Madrid gezogen sind und heute in Warschau leben. Es gibt mittlerweile Millionen solcher Biografien. Viele weitere Millionen Menschen reisen regelmäßig durch Europa. Sie alle sind in einer Welt zu Hause geworden, die ehemals separiert war. Wo der Nationalstaat Zugehörigkeit entstehen ließ, ist heute für Teile der jungen Generation Europa jener Ort, dem sie sich in erster Linie verbunden fühlen.

Fast alle großen journalistischen Publikationen sind in einer anderen Zeit entstanden. Als der Nationalstaat noch den Heimatbezug herstellte. Die Inhalte dieser Publikationen werden noch heute von dieser Perspektive aus gedacht. Schwerpunkt bildet die nationale Berichterstattung. Und diese Berichterstattung referiert auf dem vermuteten Kenntnisstand der Bürger der Nation. Was der Bundesrat ist, wird in einem deutschen Medium regelmäßig nicht erklärt. Ein Korrespondent, der für sein Heimatland aus Deutschland berichtet, wird Funktion und Machtbefugnis der Institution dagegen mindestens kurz umreißen.

Deswegen werden selbst englischsprachigen Medien aus Großbritannien, trotz Sprachvorteil, außerhalb der Staatsgrenzen bedingt wahrgenommen. Sie schreiben in erster Linie für das heimische Publikum, weshalb Auswahl und Inhalt nur bedingt für  jene Leser passt, die nicht auf der Insel leben.

Gesucht wäre deshalb eine Publikation, die für Menschen berichtet, deren Lebensraum nicht mehr die eine Nation ist. Eine europäische Publikation für Europäer. Warum wagt bisher keiner den Sprung über den nationalen Tellerrand?

Auf den ersten Blick ist das unverständlich. Wir sind Zeuge einer Europäisierung der Gesellschaft: 2017 lebten 3,8 Prozent der Menschen in einem EU-Land, in dem sie nicht geboren wurden, zehn Jahre zuvor waren es noch 2,5 Prozent.

Der Prozess ist langsam aber stetig. Vielleicht kommt deswegen kaum ein Medienunternehmen auf eine solche publizistische Idee. Es wäre wie mit dem Frosch im Wasser eines Kochtopfs, der nicht heraus springt, wenn sich die Wassertemperatur nur langsam erhöht. Wir sehen keinen Grund für Veränderung, weil die Veränderung kaum merklich stattfindet.

Die Veränderung aber wird weitergehen. Die Hürden, in anderen EU-Ländern als im Geburtsland zu leben, nehmen in der Tendenz weiter ab. Die Europäisierung der Gesellschaft wird folglich voranschreiten. Wer aber Europa als seinen Lebensraum begreift, der möchte tendenziell auch über die Geschehnisse in diesem Lebensraum umfänglich im Bilde sein.

Noch gibt es keine Publikation, die dieses Publikum adressiert. Alle vorhandenen Medien sind entweder national verortet („The Guardian“), haben einen speziellen Schwerpunkt (“Economist”) oder sind politisch zentriert (“Politico”). Eine europäische Variante der New York Times könnte den EU-Citizen eine publizistische Heimat geben.

Eine zweite These, warum diese potenzielle publizistische Lücke bisher keiner füllt: Ob der Medienkrise fehlt aktuell die finanzielle Power um den Trend der Europäisierung gewinnbringend aufzugreifen.

Mit dem Aufkommen des Internets hatte sich bekanntermaßen ein Großteil der Tagesmedien aufs Lokale konzentriert (da die ortsungebundene Verfügbarkeit der Inhalte aus den überregionalen Angeboten Me-Too-Produkte gemacht hatte). Bisher wagt keiner den Schritt in die andere Richtung: ins transnationale.

Es könnte sich nicht zuletzt wegen der Skaleneffekte lohnen. Die Refinanzierung eines solchen Projekts hängt entscheidend von der Zahl potenzieller Leser ab. Ein journalistischer Inhalt, einmal erstellt, würde in diesem Fall für einen Wirtschaftsraum erstellt, in dem eine halbe Milliarde Menschen leben.

Freilich wäre die Zielgruppe zumindest vorerst deutlich kleiner. Alleine wegen der Sprache. Vermutlich würden die Inhalt nur in in Englisch erstellt. Denn Englisch ist die Sprache der europäisch orientierten (Akademiker-)Schicht, die für ein solches Medium wahrscheinlich Zielgruppe wäre, nicht zuletzt deshalb, weil sie finanzstark und damit für den Werbemarkt attraktiv wäre.

Hinzu kommt: Neben dem – ob der Personenfreizügigkeit – zusammenwachsenden Lebensraum führt auch der sich weiter entwickelnde europäische Binnenmarkt dazu, dass für internationalen Unternehmen die EU ein singulärer Absatzmarkt ist. Produkte und Dienstleitungen können einheitlich erstellt, Werbekampagnen europaweit ausgespielt werden. Eine „europäische New York Times“ wäre eine attraktive Plattform, weil sie Werbereichweite im gesamten Binnenmarkt bietet.

Und nicht zuletzt: Die Politik wird europäischer. Auch dieser Prozess ist schleichend, auch dieser Prozess ist stetig. Die jüngsten Wahlen zum Europäischen Parlament hatten eine nicht zuvor gekannte Aufmerksamkeit. Und sie ist berechtigt.  Entscheidungen werden zunehmend in Brüssel gefällt. Die Medienberichterstattung hinkt mit ihrem nationalen Fokus der Entwicklung hinterher.

Die zunehmende Fokussierung auf Europa hat noch einen weiteren Grund: Sie ist auch eine Gegenreaktion auf den gewachsenen nationalen Populismus. Insofern könnte eine europaweite Publikation auch Heimat für jene bieten, die in der Offenheit die Zukunft unserer Gesellschaft sehen.

Die Coronakrise steht diesen Gedanken nicht entgegen. Wir mögen für den Augenblick in engen Grenzen leben, das aber wird sich nach der Pandemie wieder ändern. Und bereits heute, während der Bekämpfung der Seuche, ist die europäische Dimension zentral. Wie trifft im EU-Raum verortete Bürger Grenzschließungen der Nationalstaaten? Wie unterscheiden sich die Bekämpfungskonzepte der einzelnen EU-Staaten? Was kann die Europäische Union leisten? Wie können wir von jenen Staaten außerhalb Europas lernen, die Erfahrungen mit Pandemien haben? Wo kann die EU in anderen Weltregionen helfen? – Europäer bewegt so vieles. Wo ist das transnationale Medium, dass sich ihnen zuwendet?

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Von Johannes Eber

In Berlin living economist, senior consultant at Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) and co-founder of the media agency Solokarpfen.

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