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Was kommt nach der Empörung? Eine Auseinandersetzung mit Ulrich van Suntum

Es gibt ein wunderbares Buch von Ulrich van Suntum. Es heißt die „Die unsichtbare Hand“. Der vor kurzem emeritierte Professor für Volkswirtschaftslehre, der seit 1995 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster lehrte, hat es 1999 geschrieben. Dieses Buch hat mein Berufsleben begleitet. Es erklärt ökonomisches Wissen so anschaulich und beispielhaft wie kein anderes mir bekanntes deutschsprachiges Ökonomiebuch, welches den Anspruch hat, Basiswissen zu vermitteln.

Ich habe viel daraus gelernt. Über Wettbewerb, die Notwendigkeit des Staates bei Marktversagen und die „unsichtbare Hand“ des Marktes (eine Formulierung aus dem Buch „Wohlstand der Nationen“ von 1776 vom Begründer der Ökonomie Adam Smith). Van Suntums Buch ist ein ordnungspolitisches Werk im besten Sinne, das mittlerweile in der fünften Auflage erschienen ist und ins Englische (mit einem Vorwort von Romano Prodi), Japanische und Chinesische übersetzt wurde.

Der Volkswirt Ulrich van Suntum, den ich auf Twitter erlebe, scheint mir ein völlig anderer. Dort vertritt van Suntum Positionen, die man weitgehend der AfD zuordnet. Eng, national, rückwärtsgewandt, so mein Eindruck. Hat sich Ulrich van Suntum verändert? Sind die Gedanken des früheren Buch-Autors nicht mehr die des heutigen Menschen? Oder dachte er schon immer so, und es war nur nicht offensichtlich, weil es das spaltende Mega-Thema Migration noch nicht gab? Und was hat das Medium Twitter damit zu tun? Eine Antwortensuche anhand seines neuesten Tweets

Als ich den Tweet zum ersten Mal lese, lese ich gleich noch mal, dann noch mal. Mein erster Gedanke: Wie kann man eine solch grauenhafte Tat in Zusammenhang mit der Migrationsdebatte bringen! Von der Verantwortung des Individuums auf die Politik lenken! Auf eine falsche Politik, in van Suntums Einschätzung. Und behaupten, dass diese furchtbare Tat Folge einer falschen Einwanderungspolitik sei. Ich bin empört und will ihm auf Twitter antworten. Meiner Empörung Luft verschaffen.

Es wären keine freundlichen Worte gewesen. Empörung auf Empörung. So wie Twitter eben funktioniert. Weil der Mensch so funktioniert. Er reagiert mit Emotionen. Das ist seine Biologie. Überlebensnotwendig in uralter Zeit. Erblickte der Mensch einen offensichtlich feindseligen Menschen oder ein Raubtier mit gefletschten Zähnen, half keine Analyse, da trieb die Angst in Sekundenschnelle zur Flucht – oder zum Angriff.

Twitter ist wie ein gefährlicher Urwald. Wir fühlen uns angegriffen, wir reagieren mit Attacke. Darauf folgt Gegenattacke, darauf Gegenattacke und so weiter. Das liegt in der Systematik von Twitter. Auch wegen der Kürze der Tweets. Die machen ein Insichkehren, ein Nachdenken nicht nötig. Weil für differenzierte Gedanken kein Platz ist.

Ich habe Ulrich van Suntum nicht auf Twitter geantwortet. Andere haben es getan. 

 

 

 

Ich hätte Ähnliches geschrieben.

Ich habe es auch deswegen nicht getan, weil ich am Freitag „Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht“ im ZDF gesehen hatte. Ein Tag nach dem Attentat, unweit entfernt von der Stadt des Tatorts eine Faschingssendung abzuhalten, die bundesweit live gezeigt wird, hatte mich erstaunt.

Mir fällt die Vorstellung nicht schwer, dass die Übertragung abgesagt worden wäre, wenn der Attentäter Muslim und die Opfer Deutsche ohne Migrationshintergrund gewesen wären. Ich finde dennoch gut, dass die Sendung ausgestrahlt wurde. Weil ich mich (teilweise) amüsiert habe, und weil in der Sendung wiederholt und glaubwürdig klar gemacht wurde, wie verabscheuenswürdige diese Tat ist. Auch weil die Ausstrahlung auch insofern als Statement zu verstehen war, dass man nicht bereit ist, von wem auch immer, sich die schönen Seiten des Lebens nehmen zu lassen. Fasching als Trotzreaktion.

Und da die Sendung von jeher politisch ist, konnte die Tat von Hanau aufgegriffen werden. Am beeindruckendsten gelang dies Andreas Schmitt als „Obermessdiener am Hohen Dom zu Mainz“, der mit Inbrunst die AfD geißelte und diese mitverantwortlich für die Morde machte. Es gab Standing Ovation.

Ich war bewegt – und irritiert. Der Einsatz für die Bewahrung von Menschlichkeit, Rechtsstaat und Demokratie ist wundervoll. Aber ich bekam den Gedanken nicht los, dass es den Protagonisten der Sendung (die schon ob ihrer langen Historie auch etwas Antiquiertes mindestens Konservatives ausstrahlt) mindestens unbewusst noch um etwas anderes ging, nämlich die Bewahrung ihres sozialen Status. Wer dort zu sehen war, hat Erfolg und gehört zur Elite (persönlich vorgestellt wurden in der Sendung u.a. der ZDF-Intendant, der Bischof von Mainz, mehrere Bundesminister, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und die Bürgermeister von Mainz und Wiesbaden). Ihnen geht es gut, haben sich eingerichtet, haben Erfolg. Das alles wollen wir uns nicht nehmen lassen, las ich als Subtext der Sendung. 

Wenn es aber stimmt, dass der Erfolg der AfD auch darin zu suchen ist, dass sie Wähler gewinnt, die sich aus vielfältigen Gründen am unteren Ende der sozialen Leiter sehen, dann wird eine  solche Sendung der AfD weiteren Zuspruch bringen. Wir sind die Guten, dort sind die Bösen, war das Mantra des Abends. Mit einer solchen Empörungstaktik kann man sich der Zugehörigkeit zu seiner sozialen Gruppe vergewissern. Es löst keine Probleme im Umgang zwischen Gruppen.

Dafür ist vielmehr herauszufinden, in welchen Punkten, etwa beim Thema Migration und kultureller Divergenz, Diskussion möglich ist, wo gemeinsame Ansichten vorhanden sein können. Vielleicht kann das Trennende besser akzeptiert werden, wenn das Gemeinsame deutlich wird.

Bei diesen Gedanken lief der Tweet von Ulrich van Suntum durch meine Timeline und ich fragte mich, ob ich in dem Tweet, nach der ersten Empörung, etwas finde, was mich mit den Gedanken von van Suntum verbindet.

Ich wurde zunächst fündig. Van Suntums Ansatz, Handlungen von Individuen auf die politische Ebene zu heben, ist mir vertraut. Es ist ordnungspolitisches Denken. Verhalten sich Menschen so, dass sie anderen schaden, sucht der Ordnungspolitiker nach diesen falschen Regeln, die ein solches negatives Verhalten fördern.

Denn gute Ordnungspolitik setzt Regeln im Kern so, dass individuelles Vorteilsstreben zum Wohle der Gesellschaft wird. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes bringt diesen Gedanken in ein griffiges Bild. Der Bäcker, der Brötchen backt, um selbst über die Runden zu kommen, tut dies aus Eigeninteresse, aber eben auch zum Nutzen der Gesellschaft. Die Gesellschaft profitiert, obwohl der Einzelnen an sich denkt. Und der Wettbewerb sorgt dafür, dass die Brötchen schmecken, günstig sind und die Öffnungszeiten kundenfreundlich bleiben.

Auf dieser theoretischen Ebene ist der Tweet von van Suntum nachvollziehbar. Er schaut, welche gesellschaftlichen Anreize zu dieser Tat geführt haben. Auch Grünen-Chef Robert Habeck tut dies, wenn er in Folge der Tat von Hanau die Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz fordert.

Kritikwürdig an dem Tweet ist also nicht der grundsätzliche Rückschluss auf die politische Verantwortung, kritikwürdig ist der Inhalt des Rückschlusses. Denn van Suntums Vorwurf, die Tat sei auch Folge falscher Migrationspolitik, kehrt das Täter-Opfer-Verhältnis um: Unter schlechter Integrationspolitik leiden in erster Linie die Migranten. Der Täter aber war ein 43-jähriger Deutscher ohne Migrationshintergrund. Ergo kann auch nicht die Tat als Beispiel falscher Migrationspolitik aufgeführt werden. Es sei denn, man sieht im Verhalten der Getöteten und Verletzten eine Mitverantwortung für die Tat. Weil sie sich nicht angemessen in die Gesellschaft eingefügt hätten, wodurch sie zur Zielscheibe des Täters geworden wären. Diese Argumentation ist offensichtlich absurd.

Insofern zieht Ulrich van Suntum mindestens die falschen Rückschlüsse.

Das macht er aus meiner Sicht regelmäßig. Migration wird von ihm für viele negativen Aspekte gesellschaftlichen Zusammenlebens verantwortlich gemacht. Mehr als die ökonomische Theorie (auch in van Suntums Buch) hergibt. Denn eigentlich sind Wanderungsbewegungen ökonomisch betrachtet etwas Gutes im Sinne von wohlstandsfördernd: Für jene die wandern, weil sie Lebenssituation verbessern möchten; oft auch für jene, zu denen die Wandernden kommen. Wenn diese ihre Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt anbieten können und es ihnen gelingt, für sich selbst zu sorgen.

Und Ja, es gibt auch Wanderungsbewegung, die nicht primär von Vorteil für jene sind, zu denen gewandert wird. Aber: 800 Millionen Menschen leben weltweit in bitterer Armut, bis zu 27.000 Kinder sterben Tag für Tag, weil sie nicht genug zu essen haben. Flüchtlingen in der Not zu helfen, ist ein Gebot der Menschlichkeit. Dass wir nicht allen in gleichem Maße helfen können, ist offensichtlich.

Wie viel wir helfen und geben, muss in einer Demokratie Teil der gesellschaftlichen Diskussion sein. Weil gesellschaftliches Geben in der Demokratie nicht auf Einstimmigkeit beruht. Die (parlamentarische) Mehrheit entscheidet, wie viel Steuergelder für Geflüchtete oder die Verbesserung von Lebenssituationen von im Ausland Lebenden ausgegeben werden soll. Es gibt folglich immer Menschen, denen die Summe zu hoch und andere, denen sie zu niedrig ist. Wir sollten diese Diskussion nicht scheuen, und jene die hier quantitativ eine andere Meinung vertreten, nicht verurteilen. Es gehört zur  Demokratie.

Und die Marktwirtschaft kann dazu beitragen, dass Menschen unterschiedlicher Kulturen friedlich und gewinnbringend zusammen leben. Denn in der Marktwirtschaft werden nicht die Endzustände gesteuert (weil das nicht möglich ist), es wird vielmehr allein über Regeln versucht, Ziele zu erreichen. In einer Marktwirtschaft meint Integration die Ermöglichung der Teilhabe an eben diesem Markt. Integration (Ziel) gelingt so durch die (über Regeln geschaffenen) Möglichkeiten der Integration. Debatten um die Leitkultur und ähnliches wären im Sozialismus notwendig, in der Marktwirtschaft sind sie weitgehend überflüssig.

Erfolgreiche Integration geht in der Marktwirtschaft mit weltanschaulichen Differenzen also gut zusammen. So wird unterschiedliches Leben bereichernd für alle.

Auf solche Gedanken kommt man, wenn man ordnungspolitische Bücher liest, wie auch van Suntums „Die unsichtbare Hand“. Vom heutigen Ulrich van Suntum liest man so etwas nicht mehr. 

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Von Johannes Eber

In Berlin living economist, senior consultant at Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) and co-founder of the media agency Solokarpfen.

1 Antwort auf „Was kommt nach der Empörung? Eine Auseinandersetzung mit Ulrich van Suntum“

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