Kausalität und Korrelation: Bestimmt das Einkommen die Lebenserwartung?

Die Lebenserwartung steigt mit dem Lohneinkommen”, schreibt der Spiegel  in Auswertung des DIW-Papers „Besserverdienende profitieren in der Rentenversicherung zunehmend von höherer Lebenserwartung“ und suggeriert damit eine Kausalität, wonach die Einkommenshöhe die Lebenserwartung deutlich mitbedinge. Wie diese Kausalität zustande kommen soll, darüber liest man im Spiegel nichts. These: Sie gibt es so nicht. Die Möglichkeiten, Gesundheitsleistungen in Anspruch zu nehmen, machen sich in Deutschland nur zum kleinen Teil an Vermögen und Einkommen fest.

Was plausibler scheint: Menschen, welche die fernere Zukunft in ihren Entscheidungen stärker berücksichtigen, werden älter UND haben ein höheres Einkommen. Weil sie gesünder leben und weil sie in jüngeren Jahren in eine Ausbildung wie ein Hochschulstudium investiert haben, das ihnen in späteren Jahren erst höhere Einkommen und dann eine höhere Rente beschert. Es wären demnach unterschiedliche Zeitpräferenzen, die sowohl die Lebenserwartung bestimmen als auch die Einkommenshöhe.

Kausal wären also Zeitpräferenz und Einkommen sowie Zeitpräferenz und Lebenserwartung, aber eben nicht Einkommen und Lebenserwartung. Hier bestünde lediglich eine Korrelation.

Ändert ein solcher Blick die politischen Implikationen? Der Mensch wäre mit dieser plausiblen Erklärung eigenverantwortlicher, weniger Opfer der Umstände. “Erst wenig verdient, dann auch noch früher sterben”, mit dieser Aussage ließen sich möglicherweise Mehrheiten für neue rentenpolitische Wohltaten finden. Anders sieht es aus, wer höhere Monatsrenten für Raucher einführen will.

Unabhängig von der Frage nach Kausalität und Korrelation: Unser gesetzliches Rentensystem mit seinen weitgehend unflexiblen Renteneintrittszeiten und den monatlichen Rentenauszahlungen (die Möglichkeit, sich den “angesparten” Rentenanspruch am Rentenbeginn auszahlen zu lassen, gibt es aus gutem Grund nicht) kommt Menschen mit langen Zeitpräferenzen entgegen. Wer nur im heute lebt, etwa viel raucht und übermäßig Alkohol trinkt, fährt mit dem bestehenden Rentensystem einigermaßen schlecht. Auf der anderen Seite kann das System gerade für Menschen mit kurzem Zeithorizont eine Hilfe sein: Wer sich in jungen Jahren keine Gedanken um die Rente macht, hat im Alter – dank des Zwangssystems – dennoch ein Auskommen.

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Veröffentlicht von Johannes Eber

In Berlin living economist, Senior Consultant at Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) and co-founder of the media agency Solokarpfen.

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