Was ist eine „Diktatur der Marktwirtschaft“, Rem Koolhaas?

„Fast die ganze Welt hat sich der Diktatur der Marktwirtschaft unterworfen“ – Ein Interview mit diesem Titel (im aktuellen SZ-Magazin, Pay-Wall-Link) muss gelesen werden. Was der berühmte Architekt Rem Koolhaas wohl mit „Diktatur der Marktwirtschaft“ meint? Wie kann die freiwillige Interaktion zum gegenseitigen Vorteil eine Diktatur sein? Sie kann es nicht. Zumindest habe ich dazu im Text nichts gefunden. Das Zitat fällt zwar, aber erklärt wird es nicht. Nicht vom Intervieten, nicht nachgefragt vom Interviewer.

Wenn ich es richtig verstehe (siehe auch Foto der entsprechenden Passage), beklagt sich Koolhaas darüber, dass die Finanziers von Gebäuden mehr als früher darüber bestimmen würden, wie und was gebaut wird. Die (demokratisch legitimierten) Stadtplaner hätten dagegen wenig bis keinen Einfluss mehr. „Der Kapitalismus hat diese Damen und Herren zur Bedeutungslosigkeit verdammt“, sagt Koolhaas.

Warum? Die Antwort hätte mich interessiert. Wäre aus meiner Sicht das Mindeste gewesen, um das Zitat zum Titel zu erheben. Ein Titel braucht Substanz im Text. Sonst wird der Leser enttäuscht, und die Redaktion setzt sich dem Vorwurf der Effekthascherei aus, bei der Publizisten mit Schlüsselwörtern ihre Leser zu pawlowschen Hunden degradieren.

Zumal: Das Wenige, was Koolhaas sagt, deutet nicht einmal eine Kritik an der Marktwirtschaft (das soll es doch sein, oder?) an. Denn der vom ihm beobachtete schwindende Einfluss der Stadtplanung auf die Stadtentwicklung wäre nicht Folge der Marktwirtschaft, sondern im Gegenteil das Ergebnis fehlender Funktionsfähigkeit von Märkten. Bauen verursacht bekanntlich externe Effekte. Bauten gefallen (positive externe Effekte) oder stören (etwa weil sie Schatten werfen), in jedem Fall ist es Aufgabe guter Ordnungspolitik, den Rahmen für gutes Bauen zu schaffen, um so die positiven wie negativen externen Effekte zu internalisieren. So funktioniert Marktwirtschaft. Wenn die Politik dieser Aufgabe nicht nachkommt, dann ist das (zumindest in erster Linie) Politikversagen.

Warum sollte sich eine Stadt nicht Regeln guten Bauens geben und diese nicht durchsetzen können? Vielleicht kapier ich‘s auch nur nicht. Das SZ-Interview jedenfalls hat mich diesbezüglich nicht schlauer gemacht.

Published by Johannes Eber

Berlin-based economist, senior consultant at Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) and co-founder of the media agency Solokarpfen.

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