Abschottung, nicht Ausbeutung: Wer profitiert vom Entsendegesetz?

Liebe Zeit-Redaktion,

die Lobby der Arbeitsplatzbesitzer in den reichen EU-Ländern schließt mit der exportaversen Wirtschaftslobby der aufstrebenden EU-Staaten einen Pakt, der festlegt, wer wo mindestens viel viel verdienen muss – und Ihr druckt das unbesehen ab, indem ihr titelt „EU will Ausbeutung ausländischer Billiglöhner stoppen“.  Schöner kann das keine Pressemitteilung. Ausbeutung! Billiglöhne! Auch noch durch Ausländer! Das muss unbedingt gestoppt werden!

Wer will sich da noch dagegen stellen? Der Drops ist gelutscht, würde Felix Magath sagen.

Dabei: Ist nicht einigermaßen offensichtlich, liebe Zeit-Redaktion, dass Ihr damit zwei Interessen-Gruppen bedient, nämlich jene, die sich vor Konkurrenz schützen wollen und die, welche die Abwanderung von Fachkräften verhindern möchten? Man darf diese Interessen haben. Aber müsste nicht eine Europäische Union, die die Personenfreizügigkeit und Niederlassungsfreiheit ernst nimmt, nicht jeden Menschen selbst entscheiden lassen, wann er wo zu welchen Konditionen arbeiten möchte? Müssten die individuellen Interessen nicht über denen von einflussreichen gesellschaftlichen Gruppen stehen? Und müsste kritischer Journalismus nicht eher so oder ähnlich titeln: „EU verschärft Protektionismus: Reiche Länder schotten sich gegenüber günstiger Konkurrenz ab“?

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2 Kommentare zu „Abschottung, nicht Ausbeutung: Wer profitiert vom Entsendegesetz?

  1. Wissen Sie überhaupt, was harte Knochenarbeit ist, Herr Ebert? Ich pflege seit vielen Jahren meinen an einem Hirntumor erkrankten geliebten Freund. Zwei Lebensversicherungen musste ich liquidieren, um so halbwegs über die Runden zu kommen. Ich wünsche mir Verhältnisse, in denen Menschen für die notwendige Arbeit (vgl. Hannah Arendt, Vita Activa), ohne die eine Gesellschaft nicht funktioniert, anständig entlohnt werden. Ich würde nicht auf die Idee kommen, mies entlohnte Osteuropäerinnen für mich schuften zu lassen. Das Problem scheint mir zu sein, dass Menschen, die immateriell arbeiten: die angenblich „hart arbeitende“ Mitte, jeglichen Bezug zur Wirklichkeit verloren hat.

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    1. Wir haben das gleiche Ziel. Auch ich wünsche mir mir Verhältnisse, „in denen Menschen anständig entlohnt werden“. Wobei ich zugeben muss, dass (vielleicht anders als sie) ich mir mit der Definition „anständig“ ein wenig schwer tue. Die liegt nämlich bisweilen im Auge des Betrachters, genauer gesagt, an der wirtschaftlichen Situation von Menschen und Staaten. Was in Deutschlands als „anständig“ gilt, ist in anderen Länder ein überdurchschnittlicher Lohn. Und genau in diesem Unterschied liegt das Problem. Denn das Entsendegesetz verhindert, dass Menschen überhaupt entlohnt werden. Und zwar leider genau jene, denen es nicht so gut geht. Ihnen wird nämlich verboten, zu einem Lohn zu arbeiten, zu dem sie möglicherweise eine Beschäftigung finden könnten. Zu dem sie arbeiten möchten, aber nicht dürfen. Das Gesetz schützte die Beschäftigten in so genannten Hochlohn-Ländern und diskriminiert Gering-Verdiener. Das Gegenteil von gut ist eben bisweilen gut gemeint.

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