Würden Sie einem Freund zur Ehe raten?

Eine Autorin schreibt ein Buch über den Seitensprung und hat mir ein paar Fragen gestellt, deren Antworten möglicherweise teilweise in dem Buch zitiert werden. 

Wie romantisch ist die Wirtschaft? Wie wirtschaftlich ist die Romantik? Was haben die beiden Begriffen im praktischen Leben gemein?

Die „Wirtschaft“ meint ja im Kern alle Tauschaktionen, die zwischen Menschen stattfinden. Der morgendliche Kauf der Brötchen beim Bäcker gehört genauso dazu, wie Fragen in Konzernetagen, etwa ob Unternehmen hinzugekauft werden sollen. Manche Ökonomen gehen darüber hinaus und beziehen alle nichtfinanzielle Interaktionen in ihre Betrachtungen ein. So kommt auch die Romantik ins Blickfeld. Dort sind in der Regel die Tauschbeziehungen nicht finanzieller Natur. Wobei dies auch nur zum Teil gilt: Das Ehegesetz regelt ja gerade und vor allem die finanzielle Beziehung der (sich hoffentlich) Liebenden – nicht zuletzt im Falle einer Trennung.

Würden Sie Heiratswillige als Zocker bezeichnen, weil sie sich von der Ehe materiellen und persönlichen Zugewinn versprechen oder sind sie eher naive Schäfchen, weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt und sich dennoch einlassen?

Sich von der Ehe materiellen und persönlichen Zugewinn zu versprechen, ist rational und legitim. Warum sonst sollte man heiraten? Damit es einem danach schlechter geht? Wohl nicht. Mit einer Zockermentalität hat die Entscheidung für die Ehe also nichts zu tun. Der Sinn der Ehe ist im Kern insofern ein Liebesbeweis, als das man dem Partner signalisiert, das man bereit ist, sich langfristig zu binden. Denn mit dem Eingehen der Ehe steigen in der Regel die Trennungskosten. Wer die Ehe eingeht, lässt seinen Worten („Ich liebe dich“) also Taten folgen. Dieses Bindungsversprechen ist vor allem für jene Seite der Partnerschaft wichtig, die in die Beziehung langfristig investiert. Das ist tendenziell die Frau, die mit der Geburt von Kindern insofern vom Mann abhängig wird, dass dieser für den Lebensunterhalt sorgt. Zumindest früher war dies die Regel. Diese Abhängigkeit lässt zunehmend nach. Zum Beispiel Elterngeld und frühkindliche Betreuung außerhalb der Familie machen die Partner finanziell autonomer.

Welchen Anteil hat in Ihren Augen die Ökonomie an unserer Erleben der Liebe?

Versteht man die Ökonomie als Theorie der Gesellschaft mit ökonomischer Methode, lässt sich auch die Liebe ökonomisch untersuchen. Der erhellende Blick dabei: Liebende handeln rationaler als bisweilen angenommen wird. Zwischen Verliebten wird häufig so getan, als spiele das eigene Vorteilsstreben keine Rolle. Doch der Eindruck täuscht, wie alleine die Hochzeitsfeier zeigt. Dort wird mit dem Start ins Eheleben gerade jener Vertrag gefeiert, der die Dinge für den Fall regelt, dass sich die Liebenden nicht mehr lieben.

Ist die Untreue ein Wirtschaftszweig wie der Sport oder der Tourismus?

Von Untreue profitieren Menschen außerhalb der Ehe. In erster Linie jene, die sich mit dem Untreuen einlassen. Es ist hier wie mit jeder Interaktion zwischen Menschen: Es braucht immer den anderen, um zu profitieren. Daraus einen eigenen Wirtschaftszweig zu benennen, ist mir bisher nicht in den Sinn gekommen.

Wie kommt es, dass Menschen mit einer standesamtlichen Hochzeit eigentlich das regeln, worüber sie ohne Hochzeit gar nicht nachdenken müssten – nämlich die Trennungsvereinbarung?

Ich vermute, es ist im Status der Verliebtheit schwierig, über den (unvorstellbaren) Fall der Trennung nachzudenken. Deswegen ist die Hochzeit institutionalisiert. Man heiratet, ohne groß nachzudenken, weil es jeder macht (zumindest früher). So wird geregelt, was durchaus hilfreich ist, ohne dass man sich tiefer mit der unangenehmen Thematik beschäftigen muss.

Wie ermittelt man den wirtschaftlich gesehen optimalen Partner für eine Beziehung, in der das „Gesetz der komplementären Güter“ wirksam wird?

Wir suchen so lange, bis der/die Richtige gekommen ist, sagen die Seelenverwandtschaftsanhänger. Wir suchen bis die Kosten der weiteren Suche den möglichen Zugewinn durch einen noch besseren Partner aufwiegen, ökonomisiert der Ökonom. Aber woher soll man wissen, was an ‚möglichen Zugewinnen‘ noch kommen wird? Mit der 37-Prozent-Regel der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wer die ersten 37 Prozent der zur Verfügung stehenden Partner testet und danach den ersten nimmt, der besser ist als die zuvor getesteten, erwischt mit hoher Wahrscheinlichkeit den besten oder zweitbesten. Berechtigte Frage: Aber man kennt doch nie alle möglichen Partner? Also weiß man auch nicht, wie viele man testen soll. Das stimmt. Hier hilft die Empirie. Sie rät: Testen sie zwölf potenzielle Partner.

Sie schreiben in ihrem Blog „der Wohlstand vereint Liebende – und trennt Entliebte“. Wie meinen Sie das genau?

Es war früher finanziell gesehen schlicht schwieriger sich zu trennen. Es war nicht selten existenzgefährdend. Das ist es zunehmend weniger. Und dennoch gilt heute noch: Trennung erhöht das Armutsrisiko signifikant. Aber eben deutlich weniger als früher. Die Folge: Es bleiben heute weniger Paare, die sich nicht mehr lieben, zusammen. Insofern ist der Anstieg der Scheidungsrate in den vergangenen Jahrzehnten ein Glück. Der Anteil der glücklichen Beziehungen ist größer geworden.

Wie sehen Sie die wirtschaftliche Zukunft der Ehe?

Die Institution der Ehe wird weiter an Bedeutung verlieren. Weil das langfristige Bindungsversprechen zunehmend unwichtiger wird. Alleinerziehend zu sein, ist heute weniger schwierig denn je. Dennoch wird es weiter die Ehe geben. Die grundsätzliche Logik dahinter bleibt abgeschwächt bestehen, nämlich dass das Versprechen sich nicht zu trennen, den Aufbau partnerspezifischer Investitionen fördert. Man gibt sich Mühe, den anderen kennen zu lernen, richtet vielleicht eine gemeinsame Wohnung ein, bekommt ein Kind. Die durch einen Ehevertrag geschaffene höhere Sicherheit des Zusammenbleibens, macht solche Investitionen lohnenswerter. Im Arbeitsleben, wo solche Bindungsverträge verboten sind, entsteht das „hold up“-Problem: Bildungsinvestitionen bleiben aus, wenn der Arbeitgeber fürchten muss, dass sich seine Angestellten mit dem neu erworbenen Wissen aus dem Staub machen und bei der Konkurrenz anheuern.

Würden Sie einem Freund zur Ehe raten? Wenn ja, warum?

Tendenziell: Ja. Denn der Ehevertrag trennt die „guten“ von den „schlechten“ Partnern. Man sagt: Die Ehe selektiert. Wer es nicht ernst meint, wer sich nicht langfristig binden will, wird nicht heiraten, zumindest dann nicht, wenn ihm eine Trennung teuer zu stehen kommt. Eine Heirat ist also der ultimative Test, ob die Liebesschwüre heiße Luft sind oder der Partner wirklich bereit ist, den Worten Taten folgen zu lassen. Man könnte auch sagen: Wer heiratet, der traut dem Partner nicht, der will auf Nummer sicher gehen. Aber so was sagen nur Ökonomen. ;-)

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Ein Kommentar zu „Würden Sie einem Freund zur Ehe raten?

  1. Der Staat räumt Eheleuten mehr Vorzüge ein als Unverheirateten (gesetztliches Erbrecht, gemeinsame Veranlagung bei der Steuererklärung, hohe Schenk-/Erbfreibeträge, man erhält Auskunft im Krankenhaus, Aussageverweigerungsrecht vor Gericht, Versorgungsausgleich bei Trennung, automatisch gemeinsames Sorgerecht..). Wer seinen Partner absichern und mehr Mitspracherecht einräumen will, der trifft mit dem Trauschein eine nachvollziehbare Entscheidung.

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