Think Big: Warum der Flughafen Tegel keine Zukunft haben sollte

Der „Tegelretter“ über Angela Merkel: Wahlplakat von Christoph Meyer in Pankow

Vielleicht ist Christoph Meyer ein Überzeugungstäter. In Pankow, dort wo die Flugzeuge im Minutentakt zur Landung auf Tegel ansetzen und man den Passagieren beim Kaugummi kauen zuschauen kann, da hat der Berliner Spitzenkandidat der FDP für die Bundestagswahl Plakate mit der Aufschrift „Tegelretter“ aufgehängt.

In keinem Stadtteil wird man sich sehnlicher die Schließung des alten Hauptstadtflughafens wünschen. Und dennoch wirbt Meyer nicht nur für die Offenhaltung, er verbindet auf dem Plakat die Bundestagswahl am 24. September 2017 mit dem parallel stattfindenden Volksentscheid für einen Weiterbetrieb Tegels. Zwei Themen, eine Wahlentscheidung: Wer beim Volksentscheid gegen Tegel stimmt, wird in der gleichen Wahlkabine kaum seine Erststimme Meyer geben. Umgekehrt gilt freilich auch: Wer für die Offenhaltung ist, votiert  möglicherweise bei der Bundestagswahl für den FDP-Mann.

Vielleicht also ist Christoph Meyer vor allem ein Stratege. Denn der Volksentscheid wird nicht in Pankow entschieden. 58 Prozent der Berliner sind für die Offenhaltung. Das wundert nicht. Denn schließlich ist nur eine (wenn auch große) Minderheit vom Fluglärm betroffen. Außerdem hat es der Status quo in Umfragen regelmäßig leicht. Das alte ist greifbar, die Vorteile bekannt; das Neue ist noch nicht erlebbar, unsicher, muss erst noch entstehen. Alles was man hat, ist die Vorstellungskraft.

Aber auch die kann für kluge Wahlentscheidungen taugen. Ob man für oder gegen den Weiterbetrieb von Tegel ist, lässt sich etwa an der Frage klären, wie man sich die Stadt der Zukunft vorstellt. Befreit von den Restriktionen der Gegenwart. Die Mobilitätsinfrastruktr sähe vermutlich so aus: Der Autoverkehr wären emissionslos und für alle anderen Verkehrsteilnehmer weitgehend gefahrlos, der Bahnhof wäre zentral, mit unterirdischer Netzanbidung, und der Flughafen wäre vor den Toren der Stadt mit einer schnellen Anbindung.

Kein Mensch käme heute noch auf die Idee, einen Flughafen in der Stadt zu bauen.

  • Weil die Schiene schnell und zuverlässig Menschen von A nach B bringen kann, dass es praktisch keinen Unterschied macht, ob der Flughafen 4 oder 14 Kilometer von der Haustüre entfernt ist.
  • Weil der Stand in der Flugtechnik noch immer so ist, dass der Landeanflug flach und laut ist (300.000 Menschen sind vom Fluglärm betroffen) – und sich absehbar daran vermutlich nichts ändern wird.
  • Weil der Vorteil der Stadt gerade darin besteht, das viele Menschen auf begrenztem Raum leben und arbeiten können. Interaktionen sind der große Vorteil der Städte. Die gigantische Fläche von Flughäfen nimmt den Menschen Möglichkeiten (siehe auch die interaktive Karte des Tagesspiegels).

Ergo: Auf kurze Sicht mag manches für einen Weiterbetrieb von Tegel sprechen, langfristig hat ein Flughafen innerhalb einer prosperierenden Stadt nichts zu suchen. Er verhindert Wohlstandsanstieg durch Flächenbeanspruchung, er verringert die Lebensqualität hunderttausender Menschen und er bringt – bei gelungener Verkehrsanbindung an einen Flughafen vor der Stadt – praktisch keinen Zeitvorteil.

Christoph Meyer mag ein Überzeugungstäter und Stratege sein. Ein Visionär ist er nicht.

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