Das Drama des begabten Kindes – oder: Warum das deutsche Schulsystem von Chancengerechtigkeit weit entfernt ist

Ich kenne einen elfjährigen Jungen, der ist unfassbar neugierig und schlau. Seit Kitazeiten interessiert er sich brennend für alles Technische, vor allem hat es ihm – soweit ich das verstehe – der Elektromagnetismus angetan. Sein Kinderzimmer sieht aus wie ein Forschungslabor – und das ist es auch. Neulich hat er für meinen siebenjährigen Sohn eine Alarmanlage mit Bewegungsmelder gebaut (die zur großen Freude meines Sohnes jedes Mal einen Heidenlärm macht, wenn man ungefragt sein Kinderzimmer betritt).

Der elfjährige Junge, nennen wir ihn Paul, mag kein Sport. „Er pendelt in dem Fach zwischen drei und vier“, sagt sein Vater, und das ist ein Problem. Denn im kommenden Jahr steht der Schulwechsel an. Die fünfjährige Grundschulzeit ist dann für Paul zu Ende, eine weiterführende Schule muss gefunden werden. Und das ist ein Drama.

Wer die Politik in diesem Wahlkampf Sonntagsreden halten hört über Chancengerechtigkeit in Deutschland: Ich würde mir wünschen, wenn man ihr die Geschichte von Paul entgegenhält. Denn sie ist exemplarisch.

Mehr Geld, vor allem mehr Personal fordert die Politik regelmäßig in diesen Sonntagsreden. Und alle nicken zustimmend. Die Geschichte von Paul zeigt, wie weit diese Forderung am Kern des Problems der fehlenden Chancengerechtigkeit vorbei geht.

Denn damit Paul im kommenden Jahr eine weiterführende Schule seiner Wahl besuchen kann (ein Wahlkriterium ist die Nähe zum Wohnort), braucht er einen Notendurchschnitt (in Berlin „Förderprognose“ genannte) von 1,5, besser von 1,3, sagt sein Vater. Weil die Mehrheit der Schulplätze in Berlin nach Numerus Clausus vergeben werden. (Hier wird erklärt, wie das Plan- und Lotteriespiel abläuft.)

Gelingt ihm ein solcher Notendurchschnitt nicht, dann wird ihm eine Schule zugewiesen, die innerhalb von 45 Minuten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden kann. Das ist ein weites Feld in Berlin. Paul landet dann nicht unwahrscheinlich auf einer Schule im Wedding, wo er keinen Menschen kennt und der Migrantenanteil an der Schule 93 Prozent beträgt. Für den introvertierten Paul wäre das mindestens ein Abenteuer.

Man muss sich das vor Augen führen: Elfjährige Jungs, die eigentlich tun sollten, was ihnen Spaß macht, pauken (nach dem Ganztagesunterricht) am Abend Fächer, die sie nicht mögen, um in Konkurrenz gegen ihre Mitschüler auf eine Schule zu gelangen, die zu ihnen passt. Das ist der Alltag wahrscheinlich nicht nur in Berliner Familien.

Dieser Leistungsdruck ist eine Perversion des Wettbewerbsgedankens. Wettbewerb hat in der Sozialen Marktwirtschaft in erster Linie zwischen Anbietern stattzufinden. Die haben das schwere Los gezogen, sich im harten Wettbewerb gegenüber ihren Konkurrenten behaupten zu müssen. Zum Wohle der Kunden. Letztere haben die freie Auswahl, lediglich die Qual der Wahl. Im Bildungssystem ist es umgekehrt: Die Schulen wählen sich die Schüler aus. Der Wettbewerb findet nicht zwischen den Schulen (Anbietern), sondern zwischen den Schülern (Nachfragern) statt.

Das ist die schlechteste aller möglichen Voraussetzungen für eine chancengerechte Bildung!

Denn chancengerechte Bildung verlangt, dass jeder Mensch die Chance haben muss, den seinen Fähigkeiten entsprechenden Bildungsweg einschlagen zu können. Es darf weder am Geld, noch am fehlenden Bildungsangebot scheitern.

An beidem scheitert es in Deutschland.

Das Steuergeld fließt statt an die Bildungsnachfrager direkt an die Bildungseinrichtungen. Mit allen schädlichen Konsequenzen. Noch jeder staatlichen Institution ist es gelungen, Bedarfe zu schaffen, um wachsen zu können. Es ist das legitime Interesse jeder Institution. Legitimes Interesse der Gesellschaft sind aber die Interessen ihrer Mitglieder zu verwirklichen, also ein chancengerechtes Bildungssystem.

Das würde entstehen, wenn die Bildungsnachfrager selbst entscheiden könnten (etwa mittels Bildungsgutscheine), wer ihr Geld bekommt. Die Bildungsanbieter müssten plötzlich um die Nachfrager werben.

Voraussetzung wäre freilich, dass neue Bildungsanbieter entstehen könnten. Der Staat müsste sein Quasi-Monopol verlieren. Die Vielfalt der neuen Angebote würde den unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen der Kinder Rechnung tragen. Chancengerechtigkeit könnte entstehen – durch freie Entscheidung, nicht durch staatlichen Zwang.

Wir sind davon weit entfernt. Bei der Schulplatzvergabe herrscht Mangelwirtschaft. Beim wichtigsten „Rohstoff“ des Landes greifen wir auf das sozialistische System der Planwirtschaft zurück. Und im Mangel wird auch noch diskriminiert. Müssten nicht die schlechtesten Schüler die besten Plätze zugewiesen bekommen? Wäre das nicht chancengerecht. Stattdessen selektieren wir in einem Alter, indem wir die Verantwortung der Kindern fördern, nicht (jedenfalls nicht vollständig) einfordern sollten. Weil Sollen das Können voraussetzt.

Unter dem aktuellen Schulsystem leidet Paul folglich zweifach: Die weitgehend konformen staatlichen Bildungsangebote entsprechen nur unzureichend seinen Interessen und Fähigkeiten, mit anderen Worten: Er kann seinen Interessen und Bedürfnissen nur eingeschränkt folgen. Das ist nicht chancengerecht. Und er wird zweitens in einen Leistungswettbewerb gezwungen, den er ob seiner speziellen Fähigkeiten möglicherweise verlieren wird. Ein Leistungswettbewerb wohlgemerkt, der völlig unnötig, weil Folge der Mangelwirtschaft ist. Auch das ist nicht chancengerecht.

Paul macht in diesen Sommerferien einen bezahlten Sportkurs. Damit die Schulnote besser wird. Er lernt Skateboard fahren. Sein Vater versichert, er mache das freiwillig und gerne. Ich glaube ihm das.

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