Warum die Ehe (für alle) Zukunft hat

Die aktuelle Berichterstattung über die „Ehe für alle“ erweckt bei mir den Eindruck, als könne man sich gar nicht mehr erlauben, gegen sie zu sein. Bei Spiegel Online zum Beispiel haben sie das Twitter-Profilbild in Regenbogenfarben eingefärbt. Kein gutes Zeichen für seriöse Berichterstattung, finde ich. Wer Kritik am beschlossenen Gesetz übt, dem, so vermute ich, wird schnell unterstellt, ein Hinterwäldler zu sein, vermutlich ein homophober Hinterwäldler, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die AfD wählt.

Dabei macht die Frage doch durchaus Sinn, warum denn die „Ehe für alle“ plötzlich so hip und progressiv sein soll, wo es doch die Ehe schon so lange nicht mehr ist.Kersten Augustin fragt sich das zum Beispiel in der taz. „In einem konservativen Club mitmachen zu dürfen, ist nicht nur Grund zum ausgelassenen Jubel“, schreibt er und würde die Ehe am liebsten abschaffen, weil sie bestimmte Lebensweisen privilegiere.

Das stimmt. Aber ich finde, mit der Abschaffung der Ehe würde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Denn die Ehe ist zwar ein Privileg, aber vor allem nur insofern, als dass sie Menschen vor dem Staat schützt – etwa durch das Erziehungsrecht, das Zeugnisverweigerungsrecht und der gemeinsamen Veranlagung der Einkommensteuer. Wenn zwei Menschen sich entscheiden, Verantwortung füreinander zu übernehmen, dann hat ihnen der Staat in der Folge weniger reinzureden.

Dafür müssen die beiden aber auch in schlechten Zeiten für einander einstehen und können nicht nach dem Staat rufen, solange einer der beiden die (finanziellen) Ressourcen hat, dem anderen (Bedürftigen) zu helfen. Deshalb ist auch das Ehegattensplitting nicht konservativ und überholt, sondern die (positive) Kehrseite der gegenseitigen Haftungsverpflichtung. Wenn der Staat in schlechten Zeiten auf das gemeinsame Einkommen schaut, dann muss er das konsequenterweise auch in guten Zeiten tun.

Der Staat behandelt ein Ehepaar auf gewisse Weise wie eine einzige Person. Die Ehe ist damit, dem Subsidiaritätsprinzip folgend, die kleinste gesellschaftliche Einheit. Sie zu stärken, nicht aufzulösen, sollten alle jene bestreben, die der Überzeugung sind, dass gesellschaftliches Leben dann am besten gelingt, wenn Verantwortung und Entscheidungen auf der jeweils kleinsten sinnhaften Ebene angesiedelt sein sollte. Und denen Abwehrrechte vor dem (allmächtigen) Staat wichtig sind. 

Insofern sollte eher über einen Ausbau der Ehe diskutiert werden. Denn die „Ehe für alle“ ist eben keine „Ehe für alle“, sondern nur eine für einen Mann und eine Frau, jetzt erweitert für zwei Männer oder zwei Frauen. Andere Haftungsgemeinschaften sind nicht vorgesehen. Insofern ist die jetzige Reform nicht das Ende einer Entwicklung, sondern hoffentlich ein Anfang.

4 Gedanken zu “Warum die Ehe (für alle) Zukunft hat

  1. Bei der Ehe für alle geht es auch darum: Akzeptanz. Wenn gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen mit identischen gleichen Rechten und Pflichten, erkennt eine Gesellschaft auch deren Liebe als gleichwertig an. Das ist schon was wert.

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    1. Sorry, aber mit Liebe hat das nichts zu tun. Abgesehen davon, dass „die Gesellschaft“ sich aus der Bewertung meiner Liebe gefälligst herauszuhalten hat.

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