Behaltet die erste Klasse! – Eine Antwort auf Bernd Kramer von Spiegel Online

Erste Klasse: Ein Waggon aus dem ICE 3 // Foto: Deutsche Bahn AG
Erste Klasse: Ein Waggon aus dem ICE 3 // Foto: Deutsche Bahn AG

Ich bin noch nie mit der ersten Klasse der Deutschen Bahn gefahren. Warum auch? Wegen Ledersesseln, etwas mehr Ruhe und Beinfreiheit einen satten Aufpreis zahlen?

Bernd Kramer vom Spiegel Online fährt auch keine erste Klasse. Aber sie beschäftigt ihn. Genauer gesagt fordert er deren Abschaffung (siehe sein Kommentar „Schafft die erste Klasse ab!“). „Ich reise gerne mit der Bahn“, schreibt er, „aber jedes Mal wundere ich mich über die Teilung der Fahrgäste nach Besitzverhältnissen. Und noch mehr darüber, wie stillschweigend die Existenz zweier Wagenklassen hingenommen wird.“

Bernd Kramer hätte gerne eine Bahn, in der alle gleich sind. Gleicher Preis und gleiche Leistung ohne Unterschied!

Warum eigentlich nur bei der Bahn, Herr Kramer? Warum nicht auch bei Urlauben, bei Möbeln und bei Waschmaschinen? Warum nicht das Einheitsauto für alle? Auf dass nur kein Neid aufkomme!

Vielleicht generiert Bahnfahren Neid stärker als andere Fortbewegungsmittel. Weil Unterschiede unmittelbar auf engem Raum erlebt werden. Dabei könnte sich der Neid schnell verflüchtigen. Die Tickets bei der Deutschen Bahn werden nämlich gar nicht nach Besitzverhältnissen vergeben, wie Kramer schreibt. Nicht wer viel besitzt, kommt an Erste Klasse-Tickets, sondern wer viel zahlt. Es sind gerade nicht die Verhältnisse, sondern die tatsächliche Zahlungsbereitschaft.

Früher gab es diese Privilegien. Die Geburt bestimmte über Rechte und Pflichten, Besitz und Status. Wessen Eltern adelig waren, wurde selbst Teil des Adels, wer Bauern-Eltern hatte, konnte nur Bauer werden, wer besitzlos war, blieb besitzlos.

Die Zeiten haben sich (zum Glück) geändert. Nicht wer Besitz/Einkommen hat, wird privilegiert, sondern es erhält Leistungen, wer davon gibt – zum eigenen Nutzen und gleichzeitig zum Wohle anderer.

Und von diesem Geben profitieren jene, welche die Leistung erbringen. Bei der Bahn sind dies zum Beispiel die Beschäftigten, die in Form von Einkommen profitieren.

Übrigens: Häufig kommen höhere Ticketpreise, mit denen besonderen Leistungen verknüpft sind, auch denen zu Gute, die weniger zahlen wollen oder haben. Es wird dann quersubventioniert. Zum Beispiel beim Theater, bei der Nutzung von Software oder beim Fliegen.

Fazit: Gerade weil die Verhältnisse sich geändert haben, braucht es unterschiedliche Angebote. Auch bei der Deutschen Bahn. Denn mit ihr fahren nicht mehr Privilegierte, sondern jene, die für ein besseres Angebot bereit sind mehr zu zahlen. Das nennt sich Freiheit, nicht Privileg.

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9 Gedanken zu “Behaltet die erste Klasse! – Eine Antwort auf Bernd Kramer von Spiegel Online

  1. Bin voll und ganz bei dir. Ich würde sogar noch weiter gehen und im städtischen Nahverkehr (Bus, Stadtbahn) eine 1. Klasse einrichten. Es ist zum Teil einfach räutig, was man so in den Bussen erlebt: Penner, Besoffene, Leute die nicht duschen oder einfach Assis – ich würde für mein Monatsticket sofort mehr zahlen.

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    1. Es ist zum Teil einfach räutig, was man so in den Bussen erlebt: Penner, Besoffene, Leute die nicht duschen oder einfach Assis

      Im ÖPNV würde man die auch in der 1. Klasse antreffen. Denen ist es doch egal, wo sie schwarz fahren. 1. Klasse lohnt nur, wenn der Preisunterschied deutlich und die Kontrolldichte hoch ist.

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  2. Mich hat die Glosse von Bernd Kramer aufgeregt. Und nicht nur mich. Die Kommentare unter dem Artikel waren sehr, sehr kritisch.

    Ich habe anhand der von Kramer genannten Zahlen kurz überschlagen, dass die erste Klasse die zweite Klasse quersubventioniert: http://couponschneider.blogspot.de/2016/10/wenn-man-nicht-rechnen-kann-kommt-sowas.html

    Das ist konträr zu seiner Behauptung. Aber es wäre zu viel verlangt, von jemanden, der ideologisch motiviert eine Glosse schreibt, sauber argumentiert.

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  3. Ich reise mehrmals pro Jahr geschäftlich mit der Bahn (Aufsichtsratssitzungen am anderen Ende von Deutschland). Da muss ich im Zug einiges an Akten wälzen und das ist zwischen schreienden Kindern und mannstollen Kegelklub-Damen in der Tat nervig.
    Privat mit den Kindern fühlen wir uns vor allem bei längeren Wartezeiten in der Lounge der 1. Klasse sicherer als auf dem Bahnsteig, den ja nach wie vor – im wahrsten Sinne des Wortes – jeder betreten darf (in anderen Ländern sinnvollerweise nur mit gültigem Fahrschein möglich).

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  4. Warum eigentlich nur bei der Bahn, Herr Kramer? Warum nicht auch bei Urlauben, bei Möbeln und bei Waschmaschinen?

    Weil die Bahn im Gegensatz zu Waschmaschinenherstellern ein Staatsunternehmen ist (was natürlich wiederum diskussionswürdig ist).

    Bei Ämtern und Behörden gibt es keine Zwei-Klassen-Gesellschaft, daher ist eine Abschaffung der 1. Klasse bei der Bahn keinesfalls abwegig.

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