Verpflichtende Deutschkurse für Flüchtlinge?

Langenscheidt WörterbuchDie zu uns kommenden Flüchtlinge müssen stärker in die Pflicht genommen werden, sagen jetzt viele – nicht zuletzt jene, die bei den Wahlen am kommenden Sonntag noch dringend ein paar Prozentpunkte benötigen. Für jeden Flüchtling soll ein Deutschkurs zur Pflicht werden. Kostenfrei versteht sich.

Keine Frage: Wer Deutsch kann, ist hierzulande im Vorteil. Aber abgesehen davon, dass man eine Sprache immer dann lernt, wenn man sie lernen will (weil es zum eigenen Vorteil ist), und nicht dadurch, dass man einen Kurs besucht (besuchen muss): Was lehren wir dadurch den zu uns Kommenden?

Es wird zur Zeit verdächtig viel von „deutscher Kultur“ und „unseren Werten“ gesprochen. Wenn ich davon etwas unterschreiben sollte, dann wäre es die Selbstbestimmung, also die Möglichkeit, dass man in Deutschland werden kann, was man möchte. Die Bildungswege stehen grundsätzlich jedem offen (mindestens scheitert es nicht am Geld), Jobs sind vorhanden. Diese Freiheit hat eine zweite Seite: die Selbstverantwortung. Läuft etwas nicht so wie gedacht, sollte man sich zunächst an die eigene Nase fassen.

In zum Totalitarismus neigenden Staaten wird das eigene Leben von außen geplant (damit man so wird wie andere es wollen). In einer freiheitlichen Gesellschaft ist man zuallererst selbst seines Glückes Schmied. Diese Botschaft darf aus meiner Sicht gerne bei den zu uns Kommenden ankommen. Mehr braucht es nicht. Verpflichtende Deutschkurse passen da nicht. Schon gar nicht kostenfreie. Was nichts kostet, hat keinen Wert. Die deutsche Sprache lernen zu können, aber hat einen hohen Wert. Sie ermöglicht ein Leben in (auch finanzieller) Freiheit.

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4 Gedanken zu “Verpflichtende Deutschkurse für Flüchtlinge?

  1. Kostenfreie Deutschkurse finde ich nicht verkehrt.
    Was man den Ankommenden vermitteln sollte, ist eine Gesellschaft, in der Selbstbestimmtheit eine große und wichtige Rolle spielt. Ebenso sollte man ihnen vermitteln, dass sie willkommen sind und man sich bemühen wird, ihnen auf den ersten schwierigen Schritten in einer vollkommen fremden Umgebung zu helfen. Wer von einer Gesellschaft so empfangen wird, wird sich auch eher dafür interessieren, ein Teil davon zu werden. Sprache inklusive.

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  2. Ich bezweifele, dass Bildungswege, unabhängig von den jeweiligen Vermögensverhältnissen, in Deutschland jedem offen stehen. Na ja, als „grundsätzlich“ verbrieftes Recht vielleicht schon. Aber lebenspraktisch sieht es doch um einiges komplizierter aus: Schauen Sie sich mal in den von der Mehrheitsgesellschaft ausgeklinkten Randbevölkerungen um: Da erweist sich die von Ihnen „grundsätzlich“ ja zu Recht erhobene Forderung, sich selbstverantwortlich um das eigene Leben zu kümmern, als klägliche Leerformel. Genau das ist es, was mich am neoliberalen Denken so stört: Sie ziehen sich auf das Grundsätzliche zurück und verstehen Freiheit als einseitig ökonomisch fundiert, ganz in der Tradition von Hayek und Friedman. Dieser „ökonomische Imperialismus“, wie Gary S. Becker die eingebildete Allzuständigkeit der Ökonomie nannte, kommt für mich auch in Ihrem bemerkenswerten Satz zum Ausdruck: „Was nichts kostet, hat keinen Wert.“ Meinen Sie damit, dass kostenfreie Bildung wertlos ist? Meinen Sie, dass die Luft, die wir atmen, wertlos ist, da Sie nichts kostet. Sollte der Ausblick auf einen schönen See oder Berg etwas kosten, weil er andernfalls wertlos wäre? Und wenn öffentliche Güter (dazu zähle ich immer noch die Bildung) schon etwas kosten sollen, wie viel darf es dann sein? Wer gleicht dabei die unterschiedlichen Startbedingungen zwischen dem Arbeiterkind und dem von Kindesbeinen mit Karriereberatung, Nachhilfeunterricht und Auslandsaufenthalten verwöhnten Nachwuchs der vermögenden Kreise aus, von dessen implizitem Status-Wissen ganz zu schweigen? Ich schätze Ihre Beiträge als Fundgrube neoliberalen Gedankenguts, und das ist überhaupt nicht ironisch gemein. Durch intellektuelle Reibung entstehen ja erst spannende Diskurse. Allerdings finde ich, dass Ihre manchmal etwas hingehuschten Bemerkungen den komplexen Problemen der Gegenwart nicht immer gerecht werden :–)) F.A. Wagey

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    1. In der Tat: Ich habe gehuscht. Mindestens insofern, dass kostenfreie Bildung natürlich kostet, nur eben nicht den Rezipienten. Und das ist insofern ein Problem, dass „kostenlose“ Angebote in dem Sinne zu Verzerrungen führen, dass sie auch von jenen angenommen werden, für die der Nutzen geringer als die (von anderen zu zahlenden) Kosten sind. In der Summe entsteht daraus ein Wohlstandsverlust. Das Gleiche geschieht im Übrigen auch bei den von Ihnen genannten „Gütern“ „saubere Luft“ oder „freier Blick“. Gerade weil sie keinen Preis haben, werden sie im Falle der sauberen Umwelt „übernutzt“, was etwa den Klimawandel zur Folge hat; oder Landschaften werden „zugebaut“, weil der Wert des Ausblicks keinen Eingang in die Bauentscheidung findet.

      Und, Ja: Bildungschancen sind in Deutschland nicht gleich verteilt. Meiner Überzeugung liegt das aber vor allem am fehlenden Markt: Mindestens die Schulbildung wird in Deutschland als Einheitsgut angeboten. Eine einheitliche Pädagogik und ein einheitlicher Lehrplan soll für alle Kinder passen. Tut er aber nicht. Randgruppen fallen heraus. Es klingt nur vermeintlich widersprüchlich: Mehr Wahlfreiheit (und damit Unterschiedlichkeit) am Bildungsmarkt würde die Bildungschancen gleicher machen, weil eben die Angebote für die jungen Menschen passender würden.

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  3. Die Freiheit in Deutschland, auch und vor allem im Bildungswesen, beruht zu allererst auf einer gewissen Form der Gleichheit. Ohne annähernd gleiche Chancen hat niemand die Chance, seinen Weg auch wirklich frei zu wählen. Und dazu gehört eben auch eine gewisse Grundbildung. Wie können wir von Fremden erwarten, unsere Kultur zu verstehen, unsere Werte, unsere Regeln, und irgendwann hoffen, dass Sie Freunde werden, wenn sie nicht mit uns reden können? Der Wille, einen Deutschkurs zu belegen, der muss frei gewählt sein. Dann ist er etwas wert. Aber die Möglichkeit, es sich zu tun, die darf nichts kosten. Denn dann ist sie für denjenigen, der sie sich nicht leisten kann, nichts mehr wert.

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