Mein Sohn, der (gesunde) Egoist

Je weiter, desto besser: Levi beim „Wasserweitwurf“.

Der Mensch gewinnt gerne. Das Phänomen ist so verbreitet, dass es kaum auffällt. Beim Sport, beim Spielen, im Beruf. Bei meinem sechsjährigen Sohn ist das „gewinnen wollen“ aktuell ausgeprägt. Wettbewerbssituationen werden spielerisch konstruiert. Wer als erster angezogen ist, wer am schönsten malt, wer am besten balanciert. Der andere will bezwungen werden, mit Kraft, mit Geschick, mit List.

Manche Gesellschaftskritiker werden darin die Folgen sozialen Lernens sehen wollen. Dass eben in einer Wertbewerbsgesellschaft der Mensch schon frühzeitig beigebracht bekomme, sich gegen andere durchzusetzen.

Bei der Freude, die ich bei diesen Wettbewerbsspielen beobachte, drängt sich eine solche Interpretation nicht auf. Was ich sehe: Im Wettbewerb, also im Vergleich mit anderen, werden die eigenen Fähigkeiten (auch Defizite) offensichtlich. Für einen Menschen, der sich vor wenigen Jahren noch nicht mal alleine vom Rücken auf den Bauch drehen konnte, können solche Erfahrungen nur glücklich machen. Autonomieerfahrung im sozialen Umfeld.

Mir scheint: Die Erkenntnis des eigenen Wachsens und Werdens reift im Wettbewerb mit anderen.

Und auch das leuchtet mir ganz ohne Gesellschaftskritik ein: Die Freude über den Sieg entspringt einem gesunden Egoismus. Aus guten Gründen ist der Mensch in erster Linie um sein eigenes Wohlbefinden besorgt. Sich gegen andere durchzusetzen, gibt die Sicherheit, das Leben nach den eigenen Bedürfnissen gestalten zu können. Es zeigt im guten Fall aber auch, dass andere (Verlierer) unter dem eigenen Handeln bisweilen zu leiden haben.

Ganz sicher jedenfalls taugt eine solche „Siegermentalität“ nicht zur kapitalistischen Gesellschaftskritik. Schon allein deshalb, weil – anders als häufig vermutet – es im Kapitalismus im Kern nicht um Konkurrenz, sondern um Kooperation geht, nämlich beim Abschluss von Geschäften jedweder Art. Der Brotkauf beim Bäcker macht den Bäcker als auch den Käufer „reicher“, sonst würde er nicht stattfinden.

Konkurrenz dagegen entsteht vor allem auf Anbieterseite. Und das ist gut so. Nur einen einzigen Bäckerbetrieb zu erlauben, würde die (Berufs)Freiheit jedes weiteren potenziellen Bäckers einschränken. Hinzu kommt: Konkurrenz hilft vor allem den Kunden. Wettbewerb macht das Angebot in der Regel besser und günstiger.

Vielleicht noch nie in der Menschheitsgeschichte war Kooperation – und nicht das Besiegen – so entscheidend für das eigene Vorankommen und der Wettbewerb insofern (nur) ein Spiel, dass die Verlierer häufig zweite Sieger sind (bei zwei Bäckern verdient einer weniger als der andere). Genug Gründe, sich über Wettbewerb zu freuen.

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