Wir Wohlstandsmenschen: Woran die Integration zu scheitern droht

Leiden für ein besseres Leben: Flüchtlinge auf dem Bahnhof Keleti in Budapest. // Foto: Michael Gubi (CC BY-NC 2.0)
Leiden für ein besseres Leben: Flüchtlinge auf dem Bahnhof Keleti in Budapest. // Foto: Michael Gubi (CC BY-NC 2.0)

Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, die uns den Blick auf anderes Leben verbaut hat. In wirtschaftlich aufstrebenden Ländern prangern wir die Arbeitssituationen in sogenannten Sweatshops an und fordern deren Schließung. Und hierzulande wünschen sich viele das Verbot so genannter prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Alles, was nicht auf Lebenszeit an- und mit der deutschen Sozialversicherung abgedeckt ist, gilt als bekämpfenswert. Zeitarbeit, außertarifliche Arbeitsverhältnisse, Arbeiten mittels Werkvertrag – Teufelszeug. Weil wir glauben, dass dies den Menschen nichts Gutes bringt. Weil wir uns nicht vorstellen können, dass Menschen diese Jobs freiwillig wählen, uns die Fantasie fehlt, dass solche Arbeit die beste der vorhandenen Alternativen sein kann.

Die Folge: Statt zu helfen, vergrößern wir die Kluft zwischen denen und uns. Denn schließt der Sweatshop, muss der Fabrikarbeiter möglicherweise zurück in den Überlebenskampf seines landwirtschaftlich geprägten Dorfes. Und wird die Zeitarbeit zurückgedrängt, fehlt Arbeitslosen der Einstieg in ein selbstbestimmtes Leben.

Wir wollen, dass es allen so gut geht wie uns – und machen alles nur schlimmer.

Bei den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, droht es ähnlich zu laufen. Wir wollen helfen – und verbieten die Selbsthilfe. Der gesetzliche Mindestlohn verbietet sie. Wer es in Deutschland nicht schafft, für mindestens 8,50 Euro die Stunde eine Stelle zu finden, bleibt beschäftigungslos. Diese Hürde ist für viele Flüchtlinge eine gigantisch hohe. Ihnen fehlt es an Qualifikationen. Allein die fehlenden Sprachkenntnisse. Dabei lägen die Jobs auf der Straße. Stundenlöhne zwischen 3 und 8,50 Euro könnten in Massen in Deutschland gezahlt werden. Viele glauben das nicht. Weil diese Jobangebot in Deutschland nicht mehr sichtbar sind. Weil das soziale Netz diese Jobs abgeschafft hat. Die staatlich garantierten Transfers haben bereits vor dem gesetzlichen Mindestlohn eine faktische Lohnuntergrenze gesetzt. Wo keiner nachfragt, wird auch nichts angeboten. Gäbe es eine Nachfrage nach diesen Jobs, die Angebote würden aus dem Boden sprießen. Millionenfach. Jobangebote nehmen mit sinkenden Kosten zu. Das ist einfachste Ökonomik.

Und auch das ist eine Binsenweisheit: Qualifikation findet in der Regel im Job statt. Wer mehr verdienen will, muss vor allem eines: erst einmal einen Job finden.

Aber wir wollen solche Jobs nicht. In Deutschland soll niemand für 5 Euro die Stunde arbeiten müssen. Das ist unter der Würde des Menschen, heißt es. Es ist die Definition von Würde der Wohlstandsgesellschaft. Wer 5 Euro die Stunde verdient, und 8 Stunden arbeitet, hat am Ende des Tages 40 Euro auf der Hand. Vorausgesetzt, der Staat ist schlau und nimmt bei diesen (für deutsche Verhältnisse niedrigen) Einkommen keine Steuer und Sozialversicherungsbeiträge. Dann ist der Lohn brutto gleich netto. Mit diesen 40 Euro kann man im Discounter – dank der Rationalisierungen in der Landwirtschaft, des harten Wettbewerbs im Einzel- und Großhandel sowie moderner Logistik-Ketten – Lebensmittel für die abwechslungsreiche Ernährung einer ganzen Woche kaufen, für eine ganze Familie. Ein Tag Arbeit reicht, um eine Familie eine Woche satt zu bekommen! Wir denken schon lange nicht mehr in solchen Kategorien. Menschen in anderen Teilen der Welt schon. Deswegen kommen sie hier her.

Und weil der Staat bei einem solchen Einkommen die Sozialversicherung übernehmen würde, wären alle Familienmitglieder krankenversichert. Krankheiten würden, unabhängig von der Höhe der Arztrechnung, behandelt und geheilt werden, statt das Leben eines Menschen und die Existenz seiner Familie zu gefährden. Das ist Wohlstand!

Und weil mit dem Einkommen eines einzigen Tages die Ernährung der ganzen Woche sichergestellt werden kann, wäre genug Geld da, um in einer Wohnung zu leben, in der es eine Heizung gibt, in jedem Zimmer. Vielleicht hätte sogar jedes Familienmitglied sein eigenes Zimmer. Und es gäbe einen Gemeinschaftsraum. Und eine Küche, mit Kühlschrank und Herd. Es wäre ein Leben im Luxus. Aus Sicht der Mehrheit der Weltbevölkerung.

In Deutschland ist ein solch weitgehend selbstbestimmtes Leben nicht möglich. Nicht, wenn die Produktivität der Geflüchteten die Grenze von 8,50 Euro die Stunde nicht übersteigt. Stattdessen raten wir den Flüchtlingen zur Fortbildung. Wir werden sie in Bildungseinrichtungen der Bundesagentur für Arbeit stecken. Dort werden sie Monate verbringen, nachdem sie bereits Monate nicht arbeiten konnten, weil die Bürokratie den Aufenthaltsstatus zu klären hatte. In der Zwischenzeit wird der Sozialstaat in Aktion getreten sein. Die Flüchtlinge werden feststellen, dass man auch ohne Arbeit in Deutschland leben kann. Es gibt Geld für Lebensmittel, für Wohnung, für Kinder. Gerade für Familien ist die Summe der staatlichen Transfers ähnlich hoch wie die selbst verdienter Einkommen am Arbeitsmarkt bei geringer Produktivität. Der Einstieg in Arbeit wird so nicht leichter werden. Hartz IV-Karrieren werden geboren werden. Hunderttausendfach.

Wer nicht glaubt, dass es so kommt, der schaue in unsere mögliche Zukunft, nämlich das Frankreich von heute. Ein Land mit hohem Migranten-Anteil, ein Land mit restriktivem Arbeitsmarkt (inklusive Mindestlohn), ein Land mit hoher Arbeitslosigkeit und mit großen sozialen Spannungen.

Die Schuld den Migranten zu geben, tut nur, wer glaubt, gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben sei eine Frage der Individual-Moral. Sie ist es nicht. Ob Gesellschaft funktioniert, entscheidet sich an den Strukturen. Menschen brauchen Perspektiven. Wohlstand wird in Chancen gemessen, heißt ein Werbespruch der Marktwirtschaft. Aber das ist mehr als ein Werbespruch. Es ist das Versprechen eines freiheitlichen Gesellschaftssystems. Dass nämlich der Mensch sein Glück selbst in die Hand nehmen kann. Dazu gehört, dass die Gesellschaft nicht vorschreibt, wie der Einzelne zu leben hat. Auch nicht auf dem Arbeitsmarkt. Gelingt uns ein solch selbstbestimmter Arbeitsmarkt, werden wir den Wohlstand mit den Flüchtlingen nicht teilen müssen. Dann werden wir den Wohlstand gemeinsam mit ihnen vergrößern. Nicht zum Wohle aller. Zum Wohle jedes einzelnen Menschen.

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3 Kommentare zu „Wir Wohlstandsmenschen: Woran die Integration zu scheitern droht

  1. Vielen Deutschen ist letztlich egal, welche Folgen unsinnige Politik für sozial Schwächere hat, solange sich alles nur wohlig warm anfühlt. Eine Kinderrepublik.

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  2. Wirklich toll geschrieben. Ich glaube viele Menschen sind sich einfach nicht bewusst wie gut es ihnen geht und nehmen es als Selbstverständlichkeit hin. Und über die denen es dann nicht so gut geht wird der vorhang des schwigens gelegt :/

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