Journalismus ohne Distanz: Warum es so viele formidable Tatorte gibt 

 

Alkohol hilft – beim Tatort schauen // Foto: SWR, Stephanie Schweigert

Bisweilen kaufe ich Romane aufgrund guter Kritiken, oder ich gehe ins Kino infolge positiver Filmrezensionen. Was sich dagegen fast nie bewährt: sich einen Tatort aufgrund von Tatort-Kritiken anzuschauen. 

Selten lese ich scharfe Kritik. Dabei hätten es viel Tatorte verdient. Gute Krimis dieser Reihe sind Raritäten. Die meisten Tatortfans und Filmekenner sind sich darin einig. Die Medienkritik der Qualitätszeitungen aber urteilt regelmäßig freundlicher. Warum ist das so? 

These Nummer eins: Tatortkritiken werden vor allem von Tatortsehern gelesen, und die wollen ihre Vorfreude auf den gemütlichen Fernsehsonntagabend nicht durch Verisse genommen bekommen. Der Journalist als Erfüllungsgehilfe des Leserwunsches. 

These Nummer zwei: Medienjournalisten kennen zu viele Medienmacher. Die Szene dürfte in Deutschland, auch wegen des de facto Produktionsmonopols der Öffentlich-Rechtlichen, überschaubar sein. Man kennt sich, man schätzt sich, man tut sich nicht weh. 

Anders sind Kritiken wie die von Matthias Hannemann in der FAZ nicht zu erklären: Hannemann schreibt eine solche Lobhudelei auf den gestrigen SWR-Tatort aus Konstanz, dass man vermutet, Eva Matthes und Co. würden nun ganz sicher für den Grimme-Preis nominiert werden. 

Die Vermutung endet ab 20:15 Uhr. Die Dialoge des Bodensee-Tatorts sind so hölzern wie sie schon immer waren. Und wenn einem die Ahnung von echter Polizeiarbeit fehlt, man nicht weiß, wie es sich als Obadchloser lebt und man keinen Schimmer davon hat, wie es ist, ein erfolgreicher Musikproduzent zu sein: Nach diesem Tatort weiß man immerhin wie solches Leben ganz, ganz bestimmt nicht ist. 

Hannemann ist das egal. Er hat einen Tatort gesehen, in dem „ungeheuerliche Fragen auf uns zurollen“, attestiert den Kommissar-Schauspielern Eva Mattes und Sebastian Bezzel einen „formidablen Eindruck“, und überhaupt sieht er einen Tatort, der „keinen kalt lässt“. Mindestens hier liegt Hannemann falsch. Selten habe ich mich bei einem Tatort mehr gelangweilt – und über eine Kritik mehr gewundert. 

Ein Gedanke zu “Journalismus ohne Distanz: Warum es so viele formidable Tatorte gibt 

  1. Ich finde es fast schon verwundernswert, dass es noch Leute gibt, die Tatort gucken. Wenn diese Serie das Flagschiff des deutschen Fernsehens sein soll, dann sagt das eigentlich schon alles über den Zustand des deutschen Fernsehens aus.

    Das ist eine direkte Folge der Zwangsgebühren. Medien müssen frei sein und im freien Wettbewerb stehen. Nur so entsteht Qualität. Wer wie die ARD jeden Monat so oder so seine Einnahmen bekommt, kann keine Qualität produzieren und wird sich auch nie ernsthaft an seinen Zuschauern (=Kunden!) orientieren. Das liegt in der Natur der Sache.

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