Integration und Marktwirtschaft: Warum wir keine Leitkultur brauchen 

An der Frage, ob die Integration der vielen Flüchtlinge gelingen wird, scheiden sich bekanntlich aktuell die Geister. Die einen sehen in den Konflikten in den Sammelunterkünften die Vorboten einer zunehmend kriminalisierten Gesellschaft, die anderen fordern von den Deutschen eine größere Bereitschaft, dem und den Fremden offener entgegenzugehen. Abhängig von der politischen Sozialisation werden verstärkte Integrationsbemühungen von jeweils einer Seite verlangt, bisweilen auch von beiden.

Wer hat Recht? Aus Sicht der Ordnungspolitik: keiner.

Wem die Marktwirtschaft fremd geblieben ist, für den mag es überraschend klingen, aber: Die moralische Verantwortung für gelingendes Zusammenleben in einer modernen Gesellschaft den Individuen zuzuschreiben, ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Nämlich dann, wenn von Einzelnen gefordert wird, sich regelmäßig so zu verhalten, dass es anderen auf eigene Kosten besser geht.

Ganz allgemein schreibt der Wirtschaftsethiker Karl Homann in dem wundervollen Buch Sollen und Können:

Wer angesichts moralischer Probleme mit Schuldvorwürfen beginnt – an die Unternehmer, die Banker, die Kapitalisten, die Gewerkschaften, aber auch an die Politiker -, befindet sich bereits in einem Denkrahmen, der den Problemstrukturen unserer Welt nicht angemessen ist.

Auf das Flüchtlingsthema bezogen bedeutet dies: Wer erfolgreich integrieren will, braucht nicht die Menschen ändern, sondern die Regeln.

Die Regeln müssen dabei so gesetzt werden, dass die moralisch gewünschten Ergebnisse (Integration) auf der aggregierten Gesellschaftsebene „schon durch Verfolgung der Einzelinteressen der Akteure erreicht werden können.“ Mit anderen Worten: Der Ordnungsrahmen der Marktwirtschaft ist dann passend, wenn das Verfolgen eigener Ziele auch zum Wohle der Gesellschaft ist.

Das ist bisweilen nicht trivial. Denn wie Homann anschaulich darlegt, sind wohlfahrtssteigernde Ergebnisse menschlichen Zusammenlebens stets durch das so genannte Gefangenendilemma bedroht.

Das Gefangenendilemma ist ein Modell zur Analyse aller menschlicher Interaktion. Gemeinsames Merkmal dieser Interaktionen ist, dass gemeinsame und konfliguierende Interessen zugleich vorkommen.

So haben etwa sowohl Verkäufer wie Käufer von Gebrauchtwagen das Interesse an einem Vertragsabschluss (gemeinsames Interesse). Aber über den Preis besteht keine Einigkeit (konfliguierendes Interesse): der Verkäufer will möglichst viel Geld bekommen, der potenzielle Käufer möglichst wenig zahlen. Folglich kann es auf Anbieterseite das Interesse geben, Mängel zu unterschlagen, und die Nachfrageseite kann versuchen, nach Übernahme des Autos den Kaufpreis nicht oder nicht vollständig zu zahlen.

Damit nun ein (für beide Seiten vorteilhafter) Kauf zu Stande kommt, müssen die Möglichkeiten beider Seiten, Versprechen zu brechen, reduziert werden. Dafür gibt es den Ordnungsrahmen, etwa in Form von Garantiebestimmungen oder der rechtlich abgesicherten Instanz zur Eintreibung von Zahlungsrückständen.

Die Regeln der Marktwirtschaft ermöglichen also wohlstandsbringende Tauschgeschäfte, die ohne diese Regeln nicht stattfinden würden. Weil die Beteiligten nämlich sonst in der „sozialen Falle” sitzen würden. Obwohl es für beide Seiten von Vorteil wäre, sich durch Kooperation zu verbessern, würde diese regelmäßig unterbleiben, weil beide Seiten von der Möglichkeit ausgehen müssten, bei Kooperation über den Tisch gezogen zu werden.

Was bedeutet das nun für das Thema „Integration von Flüchtlingen“?

Zunächst: In entwickelten Gesellschaften (Marktwirtschaft) werden nicht die Endzustände gesteuert (weil das nicht möglich ist), es wird vielmehr allein über Regeln versucht, Ziele zu erreichen. In einer Marktwirtschaft kann Integration deshalb nichts anderes meinen, als die Teilhabe an eben diesem Markt zu ermöglichen. Integration (Ziel) gelingt so durch die (über Regeln geschaffenen) Möglichkeiten der Integration.

Damit die Möglichkeiten genutzt werden, ist entscheidend, dass die Regeln so gesetzt sind, dass die eigenen Interessen (zum Beispiel eigenen Wohlstand schaffen) mit denen der Gesellschaft (zum Beispiel Wachstum) zusammen gehen.

Konkret: Ein Mindestlohn dient nicht der Integration. Weil es die Möglichkeiten der Integration reduziert. Der Fehler: Die Mindestlohnbefürworter denken vom Ende her. Sie setzen am Ergebnis an (gutes Einkommen), vergessen aber, dass die Mindestpreisfestsetzung dazu führen kann, dass Beschäftigungsverhältnisse erst gar nicht realisiert werden.

Hier liegt das Problem von Marktwirtschaft und Politik: Letztere will regelmäßig (per Gesetz) versprechen (zum Beispiel höhere Einkommen), was die Marktwirtschaft nur durch geschickte Regeln und langfristig erreichen kann. Die Politik denkt in kurzen Zyklen, Marktwirtschaft muss sich entfalten können.

Die Politik müsste folglich demütiger auftreten. Den Weg zum Ziel zu ihrem Ziel erklären. Es würde sich lohnen. Die Marktwirtschaft ist die Einlösung von Glücksversprechen in mindestens dreifacher Hinsicht:

1) Sie ermöglicht ein Leben ohne Gewissensbisse, weil moralischer Anspruch und eigene Ziele zwei Seiten der selben Medaille sind.

2) Der – in den Regel der Marktwirtschaft manifestierte – Wettbewerb (zwischen Anbietern, zwischen Anbietern und Nachfragern und zwischen Nachfragern) generiert den unser aller Leben verbessernden Wohlstand.

3) Erfolgreiche Integration braucht wenige kulturelle Gemeinsamkeiten. Die Debatte um die Leitkultur wäre im Sozialismus notwendig, in der Marktwirtschaft ist sie überflüssig. Marktwirtschaft braucht keinen Werte-, sondern einen Regelkonsens, wie es der Wirtschaftsethiker Ingo Pies formuliert. Genauer: Wir benötigen lediglich Übereinstimmung über Regeln, die eine individuelle Besserstellung auf Kosten anderer verhindert. Erfolgreiche Integration geht deshalb in der Marktwirtschaft mit weltanschaulichen Differenzen gut zusammen. So kann unterschiedliches Leben das entfalten, was es auch sein kann: bereichernd für alle.

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2 Kommentare zu „Integration und Marktwirtschaft: Warum wir keine Leitkultur brauchen 

  1. Die ökonomische Sicht der Dinge ist gut und schön. Gelingendes Zusammenleben in einer Gemeinschaft hat aber nicht nur eine ökonomische Dimension. Die ökonomische Sicht ist nur eine Perspektive. Und auch wenn die Ökonomie die Tendenz hat, ein gesamtheitliche Erklärungsmodell für Gesellschaften zu liefern, muss sie daran doch scheitern.

    Gut erkennen kann man das an folgenden Ausführungen aus dem Beitrag: „Die moralische Verantwortung für gelingendes Zusammenleben in einer modernen Gesellschaft den Individuen zuzuschreiben, ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Nämlich dann, wenn von Einzelnen gefordert wird, sich regelmäßig so zu verhalten, dass es anderen auf eigene Kosten besser geht.“

    Unsere Gesellschaft fordert tatsächlich von jedem Einzelnen, dass er sich regelmäßig so verhält, dass es anderen auf eigene Kosten besser geht! Und zwar beim Zahlen von Steuern. Ökonomisch lässt sich es nicht erklären, warum die Steuermoral der Bürger in Deutschland so gut ist und warum nicht versucht wird, mehr Steuern zu vermeiden und zu hinterziehen. Ökonomisch rational ist das jedenfalls nicht.

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