„Gender Pay Gap“ goes „Politician Ignorance Gap“ – oder: Warum unterschiedliche Einkommen nicht mit staatlichen Lohnvorgaben bekämpft werden sollten

Frauen in Deutschland verdienen im statistischen Durchschnitt 22 Prozent weniger als Männer. Der Grund? Diskriminierung der Frauen, glauben viele.

Die Ökonomik denkt differenzierter. Sie sucht unaufgeregt nach den Gründen. Die Motivationen der Menschen aber kennt auch sie nur bedingt. Ob die Entscheidung für eine längere Kind-bedingte Auszeit oder die Annahme eines Jobs in einer Branche mit unterdurchschnittlicher Produktivität (und in der Folge niedrigen Löhnen)

  • Folge von Diskriminierung ist oder
  • von gesellschaftlicher oder individueller unterschiedlicher Rollenerwartung oder
  • schlicht eine freie Entscheidung der Frau ist,

lässt sich schwer messen. Was die Wissenschaft, in dem Fall das Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI, weiß, ist, dass sich die 22-Prozent-Lücke aus folgenden Faktoren zusammen setzt:

  • 3,8 Prozentpunkte der Lücke werden durch den unterschiedlichen Beschäftigungsumfang von Frauen und Männern erklärt. Frauen arbeiten eben häufiger in Jobs mit reduzierten Arbeitszeiten.
  • 5,6 Prozentpunkte der Lücke entfallen auf die durchschnittliche längere „Erwerbserfahrung“ von Männern (Stichwort „Babypause“).
  • 3,4 Prozentpunkte der Lücke erklären sich dadurch, dass Frauen in anderen Branchen arbeiten als Männer und frauendominierte Branchen wie der Einzelhandel weniger attraktive Vergütungen aufweist.
  • Die berufliche Stellung erklärt 3,4 Prozentpunkte der Lohnlücke. Hier schlägt sich die geringere Präsenz von Frauen in Positionen mit hochqualifizierten Tätigkeiten oder in leitender Stellung nieder.
  • Dass Frauen häufiger in kleineren und insbesondere in Kleinstbetrieben mit fünf bis zehn Mitarbeitern arbeiten, erklärt 2,7 Prozentpunkte der Lohnlücke.

Auch interessant: „Unterschiede der Geschlechter in der formalen Bildung, im Migrations- oder Haushaltskontext tragen kaum zur Lücke bei“, schreiben Dr. Christina Boll und Julian S. Leppin im Paper „Die geschlechtsspezifische Lohnlücke in Deutschland: Umfang, Ursachen und Interpretation„. Der verbleibende kleine Rest zum offiziellen Gender-Pay-Gap von rund 22 Prozent ist nach ökonomischem Forschungsstand unerklärt.

Das heißt aber explizit nicht, dass die Lücke Folge von Diskriminierung ist. Genauso allerdings schließt die Ökonomik im erklärbaren Teil Diskriminierung aus.

So viel steht jedenfalls fest: Hohe Lohnunterschiede in Folge offensichtlicher Diskriminierung von Frauen ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die Unterschiede entstehen vor allem aus den unterschiedlichen Verhalten von Männern und Frauen bei der Berufswahl und im Job, und weniger aus der expliziten Benachteiligung von Frauen durch Dritte auf Unternehmensseite.

Fest steht aber auch: Der Politik sind diese Erkenntnisse egal. Wenn die (Wähler-)Mehrheit glaubt, Frauen werden ungerecht behandelt, dann handelt die Politik. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will noch in diesem Jahr per Entgeltgleichheitsgesetz die Löhne zwischen den Geschlechtern anpassen. Sie wird damit Schiffsbruch erleiden. Denn entweder bleibt das Gesetz ohne Folgen, weil es auf die Abschaffung von Diskriminierung zielt, die es – siehe Studie oben – mindestens offensichtlich kaum gibt (gleiche Qualifikation und Berufserfahrung wird in Unternehmen in der Regel geschlechterunabhängig bezahlt).

Oder, was schlimmer wäre, das Gesetz versucht Ungleiches gleich zu behandeln, in dem es für unterschiedliche Qualifikationen und Jobs gleiche Löhne vorschreibt. Das wiederum würde mehrheitlich die Jobchancen der im Schnitt weniger berufserfahrenen Frauen verschlechtern. Das Gesetz würde dann denen schaden, denen es vorgibt zu helfen.

Aber sicherlich würde sich auch dafür wieder ein Gesetz finden lassen…

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3 Gedanken zu “„Gender Pay Gap“ goes „Politician Ignorance Gap“ – oder: Warum unterschiedliche Einkommen nicht mit staatlichen Lohnvorgaben bekämpft werden sollten

  1. Richtige Analyse, allerdings ist es die Aufgabe der Politik Strukturen zu schaffen und nicht nur eine rein ökonomische Kalkulation zu machen. Die Frage bleibt – warum ist der Unterschied in der Arbeitszeit zwischen Männern und Frauen noch immer so groß, wenn Kinder einmal da sind, warum sind es tendenziell Frauen, die von einer langen Babypause die beruflichen Konsequenzen ziehen? Warum ist die Berufswahl noch immer so, dass bedeutend weniger Frauen in Führungspositionen sind oder besteht vielleicht doch eine gläserne Decke wegen eines unterbewussten Bias? „Die Frauen wollen es ja so“ wäre dabei die plakativste und undifferenzierteste Antwort. Die Augabe der Politik ist es, all dies zu hinterfragen, um dann die richtigen Strukturen zu schaffen – sei es durch verbesserte Betreuung oder andere Mittel. Da es volkswirtschaftlich nicht von Vorteil ist, dass Frauen, besonders alleinerziehende, stärker von Armut bedroht sind, muss ein Ausgleich geschaffen werden. Da man sich nicht in die Unternehmen setzen und den Recruiting-Prozess beeinflussen kann, ist der aktuelle Gesetzesvorschlag ein Versuch, um langfristig dem Trend entgegenzuwirken, der auch die Mütterrente legitimiert hat. Das heißt zwar nicht automatisch, dass die Maßnahme die richtige und logischste wäre, aber sie ist die öffentlichkeitswirksamste und die des geringsten Widerstandes – Strukturen zu ändern dauert nämlich länger als eine Legislaturperiode.

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