Der Arbeit gehen die Menschen aus: Über den Wandel der Beschäftigungsdebatte in Deutschland

Den Deutschen geht die Arbeit aus – so und ähnlich stand es in den 80er und 90er Jahren landauf landab in den Zeitungen (nicht nur in den Feuilletons), als bei den Arbeitslosenzahlen einem Negativ-Rekord der Nächste folgte. Der technische Fortschritt mache menschliche Arbeit überflüssig, lautete damals eine gängige These. Wahlweise wurde gleich das ganze Gesellschaftssystem (Ulrich Beck: „Der Kapitalismus schafft die Arbeit ab„) für die schlechte Entwicklung verantwortlich gemacht. Auch gerne wurde die Vermutung geäußert, dass die aufstrebenden Staaten in Südost-Asien uns Arbeit und Wohlstand nähmen. 

Der damalige Wirtschaftsressortleiter der Süddeutschen Zeitung Nikolaus Piper pflegte darauf gerne unaufgeregt zu antworten, etwa dass den Menschen so lange die Arbeit nicht ausgehen werde, wie sie Bedürfnisse hätten und diese Bedürfnisse von anderen Menschen erfüllt werden könnten. Ich habe damals den Wirtschaftsteil der Süddeutschen gerne gelesen.

Das Blatt hat sich gewendet. Heute wird nicht mehr darüber lamentiert, dass die Menschen keine Arbeit haben, sondern dass sie zu viel arbeiten müssten. So wird etwa die Zunahme der Zweitjobs kritisiert (dabei ist sie nicht zuletzt Folge der staatlichen Subventionierung der Minijobs) und dass die Menschen immer länger arbeiten müssten.

In der Tat: Die „Generation 65 plus“ ist zunehmend berufstätig. Während im Jahr 2005 nur 5,0 Prozent der 65- bis 74-Jährigen erwerbstätig waren, sei der Anteil bis zum Jahr 2013 auf 8,7 Prozent gestiegen, schreiben Ina Esselmann und Dr. Wido Geis, Wissenschaftler des IW Köln, in der Studie „Fachkräfte 65 plus – Erwerbstätigkeit im Rentenalter“ (.pdf).

Aber ist das nun eine gute Nachricht, weil die Menschen zunehmend die Möglichkeit haben, länger zu arbeiten? Oder eine schlechte Nachricht, weil die Menschen aus „rein finanziellen“ Gründen länger arbeiten müssen?

Das IW Köln tendiert aus Gründen zur guten Nachricht: 24,3 Prozent der 65- bis 74-Jährigen mit einem Haushaltsnettoeinkommen von über 4.500 Euro seien erwerbstätig, aber nur 4,9 Prozent derer mit einem Einkommen von unter 1.100 Euro, heißt es in der Studie. Fazit: „Eine Erwerbstätigkeit im höheren Alter ist heute also meist nicht Folge geringer Alterseinkommen, sondern guter Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven.“

Dass das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem der Marktwirtschaft die Arbeit abschafft, sagt heute – ob der guten Arbeitsmarktzahlen – kaum einer mehr. Aber fehlt es nicht dennoch (nicht zuletzt bei der Bundesregierung und der Mehrheit im Bundestag) an Bewusstsein darüber, dass es vielmehr die Abschaffung der Marktwirtschaft ist, welche die Arbeit abschafft?

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