Content als Einbahnstraße: Wer kann es besser als die Süddeutschen Zeitung?

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Eine lesenswerte, weil anschauliche wie exemplarische Geschichte über den Troll Uwe Ostertag hat Timo Steppat in der FAZ geschrieben. Steppats Text macht deutlich, was Trolle antreibt: Aufmerksamkeit.

„Am Anfang, sagt Ostertag, habe er noch schmalzig, liebevoll, philosophisch geschrieben. ‚Das hat aber niemanden interessiert.‘ Seine Beiträge veränderten sich, sie wurden aggressiver.“

Georg Franck schreibt dazu in „Ökonomie der Aufmerksamkeit„:

„Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.“

Aufmerksamkeit ist bekanntlich – ökonomisch betrachtet – ein knappes Gut. Weil die Kosten für Information und Unterhaltung im Netz gegen Null sinkt, entsteht dort Knappheit nicht über den Preis, sondern über die verfügbare Zeit der Rezipienten. Um diese kämpft der Troll genauso wie der Journalist. Und die Mittel sind bisweilen die gleichen: Zuspitzung, Übertreibung, Polemik.

Was dagegen tun? Die Journalisten versuchen es mit Selbstkontrolle. Ähnliches ist für Trolle schwerer denkbar. Das gängige Mittel ist die Zensur. Wenn das nicht reicht, dann wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und – wie jetzt bei der Süddeutschen Zeitung geschehen – praktisch jegliche Kommentiermöglichkeit unterbunden.

Damit allerdings ist der Journalismus wieder auf den Stand der Print-Ära zurückgeworfen. Dialog, Korrektur, öffentlicher Diskurs, Weiterentwicklung von Themen durch Input von außen – all das ist dann nur noch schwer möglich.

Die theoretisch einfache wie praktisch zugegeben schwierig zu lösende Aufgabe besteht darin, den Trollen die Aufmerksamkeit zu entziehen und gleichzeitig qualitativen Inhalten (sachliche Kritik, ergänzende Informationen, interessante Anekdoten) mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die doppelt positive Folge wäre: Trolle würden vertrieben (ihnen wird die Motivation, nämlich Aufmerksamkeit, genommen) und gleichzeitig würde Mehrwert für die Leser geschaffen. Aber wie könnte das geschehen? Drei Ansätze:

  1.  Durch Technik, also Algorithmen, die oben genannte Kriterien für qualitativen Inhalte erkennen können (Programmierer aller Länder vereinigt euch!),
  2.  durch Bewertung von Kommentaren durch User, die qualitative Inhalte schätzen (Das freilich wäre nur der erste Schritt; in Folge der Bewertung müssten hochwertige Inhalte prominenter dargestellt, Troll-Kommentare in den Tiefen des Netzes verschwinden),
  3. durch händische Auswahl innerhalb der Redaktionen, in dem etwa Kommentare nur noch nach Durchsicht und nach dem Kriterium des Mehrwerts veröffentlicht werden (dafür dann aber mehr Aufmerksamkeit bringend, etwa neben dem Referenzartikel).

Fazit: Die guten Anreize stärken, die schlechten reduzieren, so sieht die gewinnbringende Allianz von Journalismus und Öffentlichkeit der Zukunft aus, wem das gelingt, der schlägt das Geschäftsmodell „Content als Einbahnstraße“ der Süddeutschen Zeitung.

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