Der Elfenbeinturm wächst: Welche Verantwortung tragen deutsche Ökonomen an der (schlechten) Politik der Bundesregierung?

„Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.“ – Wenn die Aussage des Dramatikers George Bernard Shaw stimmt (wofür manches spricht), dann haben die Deutschen aktuell nicht viel verdient. Zumindest, wenn man den Bereich der Wirtschaftspolitik als Maßstab nimmt.

Die Mehrzahl der deutschen Ökonomen jedenfalls lässt wenige gute Haare an der Politik der Bundesregierung. Der gesetzliche Mindestlohn wird gerade unter denen zu Opfern führen, denen die Politik vorgibt zu helfen; die Rente mit 63 und die Mütterrente geht auf Kosten der weniger werdenden (und damit steigende Lasten tragenden) Jungen; und die Energiewende verschlingt – in Form des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) – Milliarden, ohne einen Deut zur Klimarettung beizutragen.

So oder ähnlich urteilen die Ökonomen. Und der Rest? Mindestlohn, Rentenpaket und Energiewende werden von der Bevölkerung weitgehend geschätzt.

War die Kluft zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und Allgemeinwissen je größer?

Ökonomen unter sich: Deborah A. Cobb-Clark (University of Melbourne) spricht auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Hamburg.
Ökonomen unter sich: Deborah A. Cobb-Clark (University of Melbourne) spricht auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Hamburg.

Auf der gerade stattfindenden Jahrestagung der deutschen Ökonomen (Verein für Socialpolitik) in Hamburg steht das Thema „Evidenzbasierte Wirtschaftspolitik“ im Mittelpunkt. Politik soll stärker als bisher gemessen werden. Wie wirkt eine Politikmaßnahme? Werden die Ziele eines Gesetzes erreicht? Welche Nebenwirkungen zeigen sich? Die Wissenschaft als Korrektor der Politik.

Aber wer korrigiert in einer Demokratie die Politik? Richtig: die Wähler.

In der Demokratie braucht es neben der Politik- vor allem Wählerberatung. Denn die Kausalkette ist anders als bisweilen vermutetet wird (und wie es sich Politiker wünschen): Der Politiker überzeugt in aller Regel mit seiner Politik nicht die Wähler, vielmehr wählt der Wähler jene Politiker, die ihren Überzeugungen entsprechen. Alternative: Der Politiker passt seine Politik den Wünschen der Wähler an (Modell „Merkel“).

Das ist nicht schlimm. Schlimm ist, wenn die Erkenntnisse der Wissenschaft nicht mehr in die Köpfe der Bevölkerung diffundieren. Das war noch nie einfach. Wissenschaft ist komplex. Verstehen braucht Zeit. Das Problem heute: Wissenschaft wird zunehmend komplexer. Weil die Erkenntnisse immer tiefer reichen. Je detaillierter der Erkenntnisgewinn, desto schwieriger, der Erkenntnis zu folgen. Weil das nötige Vorwissen zum Verständnis der Erkenntnis stetig größer wird.

Mehrere hundert Papers werden während der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik vorgestellt und diskutiert (Veranstaltungsprogramm als PDF). Es ist schwer möglich, den Überblick zu behalten, geschweige in der Tiefe zu verstehen, um was es in den vielen Bereichen der Ökonomie heute geht.

Das soll kein Vorwurf an die Wissenschaft sein. Es ist – wie gesagt – der Lauf der Wissenschaftsgeschichte, dass die Themenfelder sich diversifizieren. Die Frage aber, auf die es dringend Antworten braucht, lautet: Wer übersetzt die Erkenntnisse an die Medien, die Politik, die Wähler?

Die klassischen Medien, die sich selbst in ihren golden Jahren nicht leicht mit vielen der Themen taten, haben, ob des Strukturwandels, weniger Kapazitäten. Dabei war es nie leichter, Information allen zugänglich zu machen. Die Technik ist da. Alleine es fehlt an Verbindungsköpfen, jenen, die in beiden Welten – der Wissenschaft und dem alltäglichen Leben – zu Hause sind, ja zu Hause sein wollen. Hier liegt ein Hauptproblem: Seine Reputation bekommt der Wissenschaftler in der Wissenschaft. Er muss nicht raus. Draußen wird man nicht verstanden, zumindest muss man sich anstrengen, um verstanden zu werden. Zur Strafe gibt es schlechte Politik.

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