Faust in der Hand: ein Lied so (schön) traurig wie unser Schulsystem

Der Pixelökonom (damals mehr Pixel als Ökonom, stehend in grün, fünfter von links, tendenziell unglücklich) bei seiner Einschulung
Der Pixelökonom (damals mehr Pixel als Ökonom, stehend Fünfter von links, grün und unglücklich) bei seiner Einschulung.

Eine Freundin hat erzählt, wie sie die bevorstehende Einschulung (!) ihrer Tochter erlebt. Dass sie ein nüchternes Schreiben erhalten habe, auf dem Ort, Zeitpunkt der Einfindung, Klassenname (1b) und Name der Klassenlehrerin stand. Ein erstes Kennenlernen von Eltern und Klassenlehrerin sei erstmals zwei Wochen nach dem ersten Schultag beim Elternsprechtag vorgesehen. Die Freundin erzählte auch, dass sie ein ungutes Gefühl bei der anstehenden Einschulung habe. Und dass sie auch noch keinen Hortplatz für ihre Tochter sicher habe. Dass sie zukünftig möglicherweise ihr Kind täglich um 12.15 Uhr von der Schule abholen muss. Dass dies für sie kaum möglich sei. Vor allem aber falle es ihr schwer, ihre negativen Gefühle vor ihrer Tochter zu verbergen, die sich so sehr auf die Schule freue.

Die Geschichte hört sich zeitlos an. Sie könnte von 1970 sein, sie ist von 2014. Dabei könnte heute vieles besser sein. Man muss sich nur vorstellen, wie eine Schule mit Schülern und Eltern umgehen würde, wenn sie im Wettbewerb mit anderen Bildungseinrichtungen stünde. Würde sie dann auch ein nüchternes Schreiben in Behörden-Stil verschicken? Oder würde sie nicht vielmehr um Schüler und Eltern werben? Mit warmen Worten, mit wirklichen Taten, mit der Beantwortungen aller Fragen zu allen Zeiten? Würde sie nicht alles für Wohl und Bildung der Kinder tun und die Motivation haben, stetig besser zu werden (um mit der Konkurrenz der anderen Schulen mitzuhalten)?

Als ich von der Geschichte der Freundin hörte, fiel mir das Lied „Faust in der Hand“ von Reinhard Mey ein. Man muss es hören, um sich von der Traurigkeit erfassen lassen zu können, mir jedenfalls geht es – ob meiner eigenen Schulerinnerung – so.

„Als ich an diesem Morgen mit ihm vor dem Schulhaus stand,
Unter dem Arm die grosse bunte Tüte,
Da spürt‘ ich seine kleine, heisse Faust in meiner Hand
Und wusste, dass er ahnte, was ihm blühte.
Mein erster Schultag endete in einem Tränenmeer,
Doch hatte ich nie vor ihm davon gesprochen –
Wie wurde schon am ersten Tag mein Ranzen mir so schwer –
Doch schlau hatte er den Braten längst gerochen.
Und als die anderen Kinder mit der Lehrerin fortgingen,
Hab‘ ich seine Verzweiflung und Verlassenheit gespürt
Und musst‘ ihn flehend, bittend dennoch in die Klasse bringen
Und fühlte mich, wie wenn man ein Kälbchen zur Schlachtbank führt.

Es gab nur Liebe und Versteh‘n, gab nur Freiheit bislang,
Und nun droh‘n Misserfolge und Versagen.
Der Wissensdurst versiegt unter Bevormundung und Zwang,
Die Gängelei erstickt die Lust am Fragen.
Die Schule macht sich kleine graue Kinder, blass und brav,
Die funktionier‘n und nicht infragestellen,
Wer aufmuckt, wer da querdenkt, der ist schnell das schwarze Schaf.
Sie wollen Mitläufer, keine Rebellen,
Ja-Sager wollen sie, die sich stromlinienförmig ducken,
Die ihren Trott nicht stör‘n durch unplanmäss‘ge Phantasie,
Und keine Freigeister, die ihnen in die Karten gucken
Und die vielleicht schon ein Kapitel weiter sind als sie.

Wie oft bist du in all den Jahren aus dem grauen Tor
Bemäkelt und getadelt rausgekommen,
Wie oft habe ich ahnungsvoll und stillschweigend davor
Den Delinquenten in den Arm genommen!
Wie oft hab‘ ich den Spruch gehört: Ihr Sohn hat nur geträumt,
Ihr Sohn hat mit Papierfitzeln geschossen,
Ihr Sohn hat trotz Ermahnung seinen Platz nicht aufgeräumt,
Ihr Sohn hat sein Tuschwasser ausgegossen!
Und nie: Ihr Sohn ist vor der ganzen Klasse aufgestanden
Für einen, den sie peinigten und quälten bis auf‘s Blut!
In dieser Welt kommen uns die wahren Werte abhanden,
In dieser Schule gibt es kein Fach Menschlichkeit und Mut.

Manchmal wünscht‘ ich, wir wär‘n an diesem Tag nicht mitgegangen
Und lieber, wie im Kinderlied, zu Doc David nach Fabuland.
Du hättest nicht nochmal an jener Stelle angefangen,
Wo ich schon einmal stand – die Faust in meines Vaters Hand!“

„Faust In Der Hand“ von Reinhard Mey on Spotify.

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