Mindestlohn-Studie: „Es drohen substantielle Beschäftigungsverluste“

Was passiert ab 1. Januar 2015, wenn der Mindestlohn in Deutschland sukzzesive eingeführt wird? Sicher ist, das Mindestlohn-Expertiment mit ungewissem Ausgang hat ein entscheidendes Problem: Es gibt keinen Weg zurück. Es ist für die Politik aussichtslos, eine Mehrheit für die Abschaffung eines Mindestlohns zu sammeln. Als Hoffnung bleibt deshalb lediglich, dass sich die negativen Effekte des Mindestlohns in Grenzen halten werden. Eine Hoffnung, die Wirtschaftsprofessor Ronnie Schöb von Freien Universität Berlin nicht teilt.

In dem Paper „Der flächendeckende Mindestlohn„(.PDF), das er zusammen mit Andreas Knabe und Marcel Thum veröffentlicht hat, heißt es:

„Dieser Übersichtsartikel zeigt, dass weder die unterschiedlichen theoretischen Erklärungsmodelle noch die große Anzahl empirischer Arbeiten aus anderen Ländern die Hoffnung rechtfertigen, der Mindestlohn würde in Deutschland nicht zu substantiellen Beschäftigungsverlusten führen. Unsere Simulationsrechnung zeigt, dass bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro – unabhängig vom unterstellten Arbeitsmarktszenario – substantielle Beschäftigungsverluste drohen.“

Besonders stark betroffen, so Schöb weiter, seien die heutigen Aufstocker, die von der Mindestlohnerhöhung kaum etwas mit nach Hause nehmen könnten, aber in Zukunft einem ungleich höheren Arbeitsplatzrisiko ausgesetzt seien. Schöb: „Diese Befunde lassen zweifeln, dass die Politik mit dem Mindestlohn ihre erklärten Ziele einer erhöhten Verteilungsgerechtigkeit und der Entlastung der öffentlichen Haushalte erreichen kann.“

Zu dem in der Mindestlohn-Debatte häufig auftauchenden Kaufkraft-Argument (englisch: high wage doctrine), wonach eine Anhebung der Löhne „die Wirtschaft ankurbelt“, weil die Menschen mehr Geld in der Tasche hätten, schreibt Schöb:

„In der akademischen Diskussion wird das Kaufkraftargument – im Gegensatz zur politischen Diskussion – kaum noch angeführt. Zwar steigt in der Tat mit einem höheren Lohn die Kaufkraft der weiterhin beschäftigten Arbeitnehmer. Aber im selben Umfang reduziert sich entweder die Kaufkraft des Arbeitgebers oder aber es sinkt die Kaufkraft aller Konsumenten für alle übrigen Güter, wenn die Lohnerhöhung auf die Preise überwälzt wird. Ohne Beschäftigungsanpassung kommt es also entweder zu einer Umverteilung von Arbeitgebern zu Arbeitnehmern oder aber zu einer Umverteilung von den übrigen Konsumenten, deren Realeinkommen sinkt, hin zu den Mindestlohnbeziehern. Daraus lässt sich kein Gewinn an Kaufkraft ableiten.“

Das Paper eignet sich im Übrigen ganz wunderbar, die Mindestlohn-Diskussion in der Tiefe zu durchdringen.

Es stellt

  • die unterschiedlichen Mindestlohn-Theorien vor (neoklassisches vs. monopsonistisches Arbeitsmarktmodell) vor („Der reine Monopsonfall ist genau so wenig plausibel wie der perfekte Wettbewerbsfall.“),
  • beschäftigt sich mit der empirischen Evidenz („Die empirische Mindestlohnforschung ist so alt wie die Mindestlohngesetzgebung selbst.“) sowie
  • blickt über die Grenzen nach Frankreich („Erstaunlich ist, dass ein fundamentales Element des französischen Systems in der deutschen Debatte kaum berücksichtigt wird. Der garantierte Mindestlohn wird mit einem recht hohen Lohnzuschuss kombiniert, den der Staat an die Unternehmen bezahlt, um die Auswirkungen des Mindestlohns auf die Arbeitskosten abzufedern.“) und
  • Großbritannien („Diese geringe Zahl an Arbeitnehmern, die überhaupt vom Mindestlohn betroffen waren, muss man im Hinterkopf behalten, wenn man die empirischen Studien zur Beschäftigungswirkung des Mindestlohnes in Großbritannien betrachtet.“).

Was daraus für Deutschland folgt? „Wird ein allgemeinverbindlicher Mindestlohn dazu führen, dass Menschen, die im Niedriglohnbereich arbeiten und auf staatliche Hilfe angewiesen sind, in Zukunft ohne diese Hilfe auskommen können? Oder wird der Mindestlohn diese Menschen wieder vermehrt in die Arbeitslosigkeit treiben?“, fragt Schöb. Seine drei zentralen Antworten:

  1. „Das Ergebnis zeigt, dass weder die theoretische Forschung zum Mindestlohn noch die empirischen Arbeiten aus anderen Ländern Anlass zur Entwarnung geben. Argumente, die dafür sprechen, dass der Mindestlohn keine allzu großen Nachteile für die Beschäftigung hat, stützen sich ausnahmslos auf theoretische und empirische Arbeiten zu moderaten Anhebungen von Mindestlöhnen. Bis 2015 werden beispielsweise voraussichtlich noch 1,1 Millionen Beschäftigte weniger als 5 Euro pro Stunde verdienen. Für diese Menschen, für die die Einführung des Mindestlohns Lohnerhöhungen von 70 Prozent und mehr bedeutet, können diese Argumente daher nicht angeführt werden.“

  2. „Für die Betroffenen kann auch nicht ins Feld geführt werden, dass sie mit dem Mindestlohn wesentlich größere Nettoeinkommen erwarten dürfen. Wer solche Erwartungen hegt, übersieht, dass das deutsche Grundsicherungssystem bereits dafür sorgt, dass, wer arbeitet, immer auch ein existenzsicherndes Einkommen, in der Regel jenseits der Armutsgefährdungsgrenze, hat. Diejenigen Arbeitnehmer, die am bedürftigsten sind und derzeit auf ergänzendes ALG II angewiesen sind, werden, wenn sie ihren Arbeitsplatz behalten, nur geringfügig vom Mindestlohn profitieren. Die größten Gewinner des Mindestlohns sind diejenigen Geringverdiener, die bislang nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, z.B. weil der Ehepartner einen gut bezahlten Arbeitsplatz hat. Zu den Verlierern gehören diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, und diejenigen, für die der Sprung aus der Arbeitslosigkeit in den Arbeitsmarkt nun noch schwerer geworden ist. Angesichts dieser sehr ungleichen Lastverteilung fällt es schwer, den flächendeckenden Mindestlohn als ein Instrument für eine fairere Einkommensverteilung zu sehen.“

  3. „In dem Maße, wie der Mindestlohn nicht die erwünschte sozialpolitische Wirkung zeigt und Arbeitsplätze gefährdet, wird die Politik gezwungen sein gegenzusteuern. Einmal eingeführt ist eine spätere Abschaffung des Mindestlohns kaum mehr vorstellbar. Ebenso wenig ist zu erwarten, dass die Regierung einer Mindestlohnkommission folgen würde, die sich angesichts der befürchteten nachteiligen Beschäftigungswirkungen für eine Absenkung oder Differenzierung des Mindestlohns ausspräche. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Regierung dem Beispiel Frankreichs folgen und den Mindestlohn in Zukunft massiv subventionieren wird, um die negativen Beschäftigungseffekte einzudämmen. Am Ende zahlen dann nicht nur diejenigen für den Mindestlohn, die durch ihn ihre Arbeit verloren haben, sondern auch die Steuerzahler.“

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