Flexibel ist besser: Wie die Arbeitsmarkt-Politik der Schröder-Regierung sich heute auszahlt

Unsere Arbeitswelt ändert sich radikal, heißt es immer wieder. Die Arbeitszeiten würden flexibler, die Arbeitsorte varibaler, der klassische 9to5 Job über Jahrzehnte beim gleichen Unternehmen habe ausgedient. Stimmt das?

Werner Eichhorst und Verena Tobsch vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) sind dieser Frage in ihrem Paper „Flexible Arbeitswelten: Eine Bestandsaufnahme“ nachgegangen. Ergebnis: Eichhorst und Tobsch bejahen die These von den sich stark änderten Arbeitsverhältnissen:

„In den letzten Jahren sine zahlreiche zusätzliche Arbeitsplätze außerhalb der unbefristeten Vollzeitarbeit enstanden, also jenseits der so genannten Normalarbeitsverhältnisse. Dies gilt für befristete Arbeitsverträge, verschiedene Formen der Teilzeitarbeit (sozialversicherte Teilzeit und geringfügige Beschäftigung, also Minijobs), aber auch für Zeitarbeit und Selbstständigkeit mit abhängig Beschäftigten und ohne abhängig Beschäftigte. Die Gründe dafür liegen im Strukturwandel hin zum oft eher kleinbetrieblich organisierten privaten Dienstleistungssektor, der stärker auf bestimmte externe Flexibilitätsformen angewiesen ist, und in der Verstärkung des Wettbewerbsdrucks in einer zunehmend globalisierten Volkswirtschaft.“

Dass dieser Wandel stattfinden konnte, sei vor allem ein Erfolg der Politik:

„Einen wesentlichen Beitrag hat jedoch auch die Politik geleistet, indem sie die Nutzung bestimmter Formen flexibler Beschäftigung durch den Abbau rechtlicher Schranken in den letzten Jahren deutlich erleichtert hat, was den Unternehmen die Möglichkeit eröffnete, mehr Arbeitsplätze in Form flexibler, oft auch als ‚atypisch‘ bezeichneter Arbeitsverhältnisse zu organisieren. Schließlich trägt auch die zunehmende Erwerbstätigkeit der Frauen zu einer stärkeren Nachfrage nach Teilzeitjobs bei.“

Erfreulich: Die große Zahl neuer Beschäftigungsformen ging nicht auf Kosten klassischer Beschäftigung, die ja oft für den Arbeitnehmer sicherer ist:

„In Deutschland ist der Bestand an Normalarbeitsverhältnissen über die letzten zehn Jahre recht stabil geblieben zeigt. Das unbefristete Vollzeitarbeitsverhältnis stellt in Deutschland mit etwa 40 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung oder 60 Prozent aller Erwerbstätigen immer noch die bei weitem vorherrschende Erwerbsform dar. Es wird aber auch deutlich, dass seit Mitte der 2000er Jahre ein immer größerer Teil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter eine Beschäftigung gefunden hat und die flexiblen Beschäftigungsformen einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet haben.“

Aber auch bei der klassischen Beschäftigung gebe es Veränderung, so die Wissenschaftler weiter:

„Im Bereich der Normalarbeitsverhältnisse zeichnet sich eine zunehmende Flexibilisierung und Entgrenzung ab. Bei formal stabiler, auf Dauer angelegter Beschäftigung dominieren – neben den oben diskutierten sektoralen Verschiebungen – Elemente der internen Flexibilität, die jedoch auch bei allen atypischen Beschäftigungsformen auftreten können. Diese Flexibilität lässt sich über die zunehmende Verbreitung flexibler Arbeitszeiten und ungewöhnlicher Arbeitszeitmuster, durch eine stärkere Durchdringung von Arbeitszeit und Freizeit sowie durch die verstärkten Möglichkeiten des mobilen Arbeitens abbilden. Hierzu gehören aber auch flexible Projektstrukturen innerhalb der Betriebe und quasi- unternehmerische Entgeltsysteme für abhängig Beschäftigte. Innerbetriebliche Projektwirtschaft selbst ist in den Bereichen IT, Marketing, Vertrieb sowie Forschung und Entwicklung am stärksten verbreitet.“

Und diese Flexiblität in der klassischen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung gehe nicht – wie häufig befürchtet wird – auf Kosten der Arbeitnehmer:

„Im Einzelnen lässt sich feststellen, dass überlange Arbeitszeiten nicht unbedingt zunehmen. Lediglich etwa acht Prozent der Arbeitnehmer leisten Überstunden, nur etwa fünf Prozent arbeiten mehr als 48 Stunden in der Woche. Der Überstundendurchschnitt lag dabei 2011 bei 8,6 Stunden. Diese Überstunden wurden, anteilig berechnet, vor allem von Ärzten, Apothekern, in den Berufen der Unternehmensleitung, -beratung und -prüfung sowie von Chemikern, Physikern und Mathematikern erbracht, also in höher qualifizierten Tätigkeiten mit flexiblen Arbeitszeiten. Bei ungewöhnlich liegenden Arbeitszeitmustern wie Nacht- und Wochenendarbeit sowie bei Schichtarbeitsmodellen ist jedoch ein Anstieg zu verzeichnen.“

Fazit von Werner Eichhorst und Verena Tobsch:

„In Deutschland hat die Liberalisierung flexibler oder atypischer Beschäftigungsformen zu einem Zuwachs an Arbeitsplätzen beigetragen. Zeitarbeit, Minijobs, aber auch befristete und selbstständige Tätigkeiten sind in bestimmten Teilbereichen des Dienstleistungssektors besonders stark vertreten. Gleichzeitig ist eine erstaunliche Stabilität der so genannten Normalarbeitsverhältnisse, also unbefristeter Vollzeitarbeit feststellbar – sowohl im industriellen Sektor als auch in vielen Dienstleistungsberufen.“

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