Ein gutes Geschäft: Warum wir Dinge verschenken

Zu verschenken Karton

Warum  sich der Gedanke in mein Leben schlich und woher die Motivation kommt, dem Gedanken Taten folgen zu lassen, darüber bin ich im Unklaren. Im schlechten Fall ist es der Vorbote einer Midlife Crisis. Ich gehöre mit 43 zur Zielgruppe („psychischen Zustand der Unsicherheit im Lebensabschnitt von etwa 30 bis Anfang 50„). Jedenfalls hatte ich vor einiger Zeit die Idee, den Hausstand zu reduzieren.

Es ist, wie gesagt, nicht beim Gedanke geblieben. Ich habe CDs aus dem Wohnzimmerschrank geräumt, Bücher aus den Regalen sortiert, den Inhalt des Kleiderschranks mindestens halbiert.

Die Motivation war groß genug, dass ich über mehrere Monate je einen Abend die Woche damit zubrachte, Freund von Ebay zu werden. Ich wurde es nicht. Der Zeitaufwand ist groß, der Ertrag gering (ob meiner Unkenntnis im Umgang auf der Plattform, wurde mir am Ende sogar der Zugang gesperrt).

Seitdem warteten im Flur drei Kisten mit CDs auf den Abschied aus der Wohnung. Ein Flohmarkt könnte Platz schaffen. Aber am Wochenende früh aufstehen, ohne eigenes Auto den Transport organisieren und sich einen langen Tag die Beine in den Bauch stehen?

Ich habe jetzt eine andere Lösung gefunden. Ich verschenke die Dinge. Ich hatte heute einen ersten Karton auf eine Mauer auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestellt (damit nicht Hunde hinein pinkeln). Gepackt hatte ich wie ein Carepaket: von jedem etwas (siehe Foto).

Eine Stunde später schaute ich neugierig nach. Alles weg. Es hat mich gefreut, so gefreut, dass ich nachlegte (diesmal vorwiegend Bücher). Zwanzig Minuten später waren noch drei Bücher übrig (drei Ökonomie-Bücher!).

Warum ich mich gefreut habe? Vielleicht wegen der Vorstellung, dass, was mir genutzt hat, nun anderen nutzen kann. Weil, was einem gehörte, nicht (im Müll) verschwindet, sondern weiter existiert. Ich weiß es nicht genau. Was ich weiß: Ich habe nicht selbstlos gehandelt. Genauer gesagt, habe ich sogar meinen Nutzen maximiert. Ich freue mich über die Weiternutzung und ich habe mit minimalem Aufwand den Wohnraum vergrößert.

Mir scheint, es geht vielen so im Kiez. „Zu verschenken“-Kartons sieht man häufig. Ein Wohlstandsphänomen. Der Fortschritt hat Vieles günstig gemacht. Wir besitzen deshalb mehr als früher, dagegen ist Wohnraum endlich. Hinzu kommen die Folgen der Digitalisierung: Musik, Filme, Bücher – alles im Computer, Tablet oder Handy.

Vielleicht geht es aber auch um mehr als um ein paar Quadratmeter mehr Lebensraum. Das englische Wort für „ausmisten“, „declutter„, gibt einen Hinweis. Es meint auch „entwirren“, „in Ordnung bringen“. Gut möglich, dass die Sache mit der Midlife-Krise doch im Anmarsch ist.

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Ein Kommentar zu „Ein gutes Geschäft: Warum wir Dinge verschenken

  1. Das gibt es auch Version 2.0 ;-) In meiner Gegend bietet die kommunale Abfallwirtschaft eine Website an, auf der kostenlos „Zu verschenken“-Anzeigen eingestellt werden können. Das bietet sich natürlich insbesondere für speziellere oder sperrigere Gegenstände an. Bisher bin ich das dort inserierte Zeug immer innerhalb des nächsten Tages losgeworden.

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