Wohnzimmer ohne Lagerfeuer – oder: Abschied vom Aufmerksamkeitsfänger Fernseher

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Drin lassen oder raus damit? Seit einer Weile beschäftigt mich die Frage, ob der Fernseher im Wohnzimmer bleiben soll. Ich habe es nie anders gekannt, bin mit dem Fernseher als Möbelstück aufgewachsen. Im Wohnzimmer war er stetig präsent. In den 70er Jahren noch hinter Türen der Wohnzimmerschrankwand, ab den 80er Jahren offen und damit immer sichtbar.

Den letzten Fernseher habe ich 2008 (zur Fußball-Europameisterschaft) gekauft. Angeschaltet wird er mittlerweile selten (Tatort, Fußball, Serien). Präsent ist er dennoch: Sitze ich auf der Couch, schaue ich ihn an (oder er mich?). Mir kommt dabei immer öfters der Loriot-Sketch in den Sinn, in dem ein Ehepaar am Abend vor ihrem kaputten Fernseher sitzt und das Gerät, obwohl defekt, weiter ihr Leben bestimmt.

Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen:

„Das Fernsehprogramm war ein Mittelpunkt unseres Lebens, strukturierte die Feierabendgestaltung und war eine Art Lagerfeuer im eigenen Wohnzimmer, vor dem sich die Familie einfand, um gemeinsam und still die Sendungen zu verfolgen. Heute ist das Fernsehen zu einem Nebenbeimedium geworden, das zwar durchschnittlich 221 Minuten pro Tag eingeschaltet ist, aber dennoch immer weniger geschaut wird.“

Es gab also auch diesen technischen Grund (Gerät war groß und immobil), warum Fernsehen zum Massenmedium wurde. Er war da, also wurde er genutzt. An Lagerfeuerstellen entzündet man eben gerne Feuer.

Verschwinden die Geräte aus den Wohnzimmern, verschwindet diese Erinnerungsfunktion. Inhalte auf dem Handy, Tablet oder Laptop müssen erst gesucht und hervorgeholt werden. Einem Bookmark oder eine App auf den hinteren Screens des Handys fehlt die Präsens des TV-Geräts im Wohnzimmer. „Ach ich könnte ja, ach eigentlich will ich nicht, ach was, jetzt schalte ich erst mal ein und guck, was läuft…“. Vorbei.

Man könnte auch sagen: Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit wird fairer. Da neben dem TV-Gerät auch die Bücherwand aus den Wohnungen verschwinden wird, werden zukünftig alle Medien auf einem Gerät, tendenziell dem Handy, ausgewählt (in meinem Fall aktuell folgende iOS Apps: Musik -> Spotify, Filme -> Amazon Instant Video, Fernsehen -> Zattoo, Bücher -> Kindle). Kein Inhalt wird mehr „bevorzugt“.

Für das Fernsehen (Private wie Öffentlich-Rechtliche) ist das eine Katastrophe. Grundsätzlich könnte es den Fernsehmachern egal sein, ob ihr Programm auf dem TV-Gerät oder über das Internet geschaut wird, aber, ob der Konkurrenz im Internet, wird ihr Angebot im Internet wesentlich weniger frequentiert.

Zwar lassen Zahlen wie die über den jüngsten Tatort, der von mehr als zwei Millionen Menschen im Internet geschaut wurde, aufhorchen. Allerdings: Mittlerweile werden auch viele Menschen auf ihrem TV-Gerät im Wohnzimmer Filme on demand schauen. Und: Der Tatort hat Tradition. Er wurde eben schon geschaut, als der Fernseher im Wohnzimmer noch Standard war. Stirbt diese Tradition, stirbt vielleicht auch der Tatort (an der Qualität lässt sich der Erfolg jedenfalls nicht festmachen).

Ein Aufmerksamkeitsvorteil bleibt dem Fernsehen. Will man es in der Gruppe konsumieren, braucht es Fläche. Eine freie, weiße Wand im Falle des Beamers, oder einen, wenn auch flachen, Monitor. Zumindest letzteren kann man bei Nicht-Verwendung nicht so einfach verschwinden lassen. Vielleicht lasse ich den Fernseher doch noch eine Weile an seinem Platz…

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