Träumst du noch, oder mietest du schon ? – Ein Plädoyer für die Mietwohnung

„Du suchst die Insel der Glückseligen? Du Narr, sie wird an einem Tag und in einer Nacht versinken!“ // Platon, griechischer Philosoph

Bausparkassen geben viel Geld für Werbung aus. Kaum eine Spielfilmunterbrechung bei den Privaten, in der nicht dem Fernsehzuschauer die Botschaft vermittelt wird, dass Miete zahlen ungefähr so clever ist, wie Autos mit Terpentin zu waschen. Nur die Maschen wechseln. Einmal wird das vermeintliche Klischee von der Spießigkeit der Eigenheimbesitzer ironisiert. Ein andermal liegen zwei Teenager auf dem Bett und sinnieren darüber, ob sie einem Jungen, der zum Candellight-Dinner lädt, den Vorzug geben sollen, oder doch lieber einem mit Bausparvertrag. Sie entscheiden sich für den Kerl mit dem Sparvertrag.  So viel zum Thema „Werbung und Wirklichkeit“.

Doch die Werbespots sind gar nicht so weit von der Realität entfernt. Zumindest nicht von den Wünschen der Menschen. Auch wenn es Wünsche sind, die von Bausparkassen, Banken, und Baufirmen mitgeschaffen werden. 60 Prozent der Mieter streben angeblich Wohneigentum an, und fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung lebt bereits in den eigenen vier Wänden.

Wer sein eigenes Haus hat, der hat’s geschafft, so glauben viele. Der gehört zum Club der deutschen Häuslebesitzer. Ein Club der Besserverdiener: 68 Prozent der Menschen mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 3200 Euro leben im Eigenheim. Bei einem zur Verfügung stehenden Einkommen von weniger als 1300 Euro sind es nur gut 20 Prozent.

Der vermeintlich logische Schluss aus diesen Zahlen: Je reicher ein Land, desto mehr Menschen erfüllen sich den Eigene-Vier-Wände-Traum. Warum aber wohnen dann in der ach so betuchten Schweiz mehr als zwei Drittel der Menschen in Mietwohnungen?

Die Deutschen leben einen Traum. Es ist der Traum von der Freiheit durch Wohneigentum, der als Rückzugsort vor dem Zugriff der Gesellschaft dient. Der Traum von der Sicherheit durch Wohneigentum, Sicherheit, sich auf eigenen Grund und Boden zu befinden, hinter den eigenen Mauern, Igel sein. Entstanden ist diese Einstellung in einer Zeit, als der Staat noch mächtiger, gar Diktator war. Die Schweiz hat so etwas nie erlebt.

Aber die Entwicklung zum Nomadentum ist nicht aufzuhalten. Der Preis der Sesshaftigkeit steigt. Zum Beispiel durch den technischen Fortschritt, der den Wandel der Arbeitsbeziehungen stetig beschleunigt. Anders gesagt: Die Menschen suchen häufiger eine neue Stelle, und mit ihr einen neuen Wohnort. Rund 10 Prozent aller Erwerbstätigen wechseln pro Jahr das Unternehmen. Doch nicht nur die Arbeitsbeziehungen, auch private Bindungen ändern sich heute öfter. Die Patchwork-Familie wird Normalität.

Warum dann ein Haus mit 41⁄2 Zimmern und sich auf 30 Jahre verschulden? Weil es wesentlich mehr Spaß mache, Monat für Monat ein Stück Eigenheim zu bezahlen, als das Geld auf Nimmerwiedersehen aufs Vermieterkonto zu überweisen, lautet die gängige Antwort. Das Problem ist nur: Unter dem Strich steigen die Kosten des Wohnens beim Wechsel ins Eigenheim. Weil beim Hausbau nicht nur Baukosten anfallen. Der Makler will bezahlt, Grunderwerbssteuer berücksichtigt, Notar- und Grundbuchkosten bedacht und Erschließungskosten finanziert werden. Und außerdem produzieren nicht nur Mietwohnungen Nebenkosten. Auch das Wohneigentum zehrt mit Ausgaben für Heizung, Strom und Wasser am Geldbeutel. Damit nicht genug: Eigentum will gut versichert sein, und der Fiskus greift Immobilienbesitzern zusätzlich per Grundsteuer in die Tasche. Außerdem sind Eigentümer selbst für den Erhalt und Renovierung ihrer vier Wände verantwortlich.

Im Übrigen: Ein steigender Mietwohnungsanteil lässt sich als gutes Zeichen für eine stabile Zivilgesellschaft interpretieren. Die schützt nämlich die allseitige Vertragsfreiheit. Ist das Vertrauen in die Vertragssicherheit groß genug, breitet sich Handel auch zunehmend auf so wesentliche Lebensbereiche wie das Wohnen aus. Oder wie es Robert Nef, Präsident des Stiftungsrates des Liberalen Instituts, einmal sagte: „Es ist es kein Zeichen von Rückständigkeit oder mangelndem Freiheitsbewusstsein, wenn in fortgeschrittenen Zivilgesellschaften die freiheitsstiftende Bedeutung des Grundeigentums abnimmt und sich immer mehr Menschen für den Status des Mietens entscheiden.“

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