Schaffe, schaffe Häusle baue – oder: Warum der Kapitalismus der falsche Adressat der Kapitalismuskritiker ist

„Die Wirtschaft muss ständig wachsen, damit die Ökonomie im Gleichgewicht bleibt; gleichzeitig wissen wir aber, dass dies in einem endlichen System nicht möglich ist.“

Prof. Dr. Michael von Brück, Religionswissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat diesen Satz die Tage im Radio gesagt (ab Minute 13:10).  – Diesen Satz hört man in Variationen tausendfach. Vielleicht gibt es keine ökonomische Aussage, die häufiger genannt und von mehr Menschen in Deutschland unterschrieben wird, als eben jene, dass die Wirtschaft – quasi systemimmanent und gegen den Willen der Menschen – wachsen müsse (sonst breche sie zusammen) und dass dies auf Dauer nicht möglich sei, weil die Welt (die Ressourcen) endlich seien.

Der Satz ist die Mainstream-Essenz der Kapitalismus-Kritik. Nur: Sie wird auch durch stetige Wiederholung nicht richtiger. Das Zitat enthält zwei falsche Vorstellungen.

Vorstellung Nr. 1:  Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist gegen den Willen der Menschen auf Wachstum ausgelegt und bricht ohne Wachstum zusammen.

Kern  des  kapitalistischen Systems sind Geschäfte zum gegenseitigen Vorteil aufgrund freier Entscheidungen. Diese Entscheidungen freilich finden nie im luftleeren Raum. Sie stehen immer in Relation zu ihrer Umgebung. Der Bäcker wird so viele Brötchen backen wie er verkaufen kann; der Schriftsteller schreibt Bücher vor allem dann, wenn sie auch gelesen werden; der Altenpfleger braucht Alte. Und viele Menschen arbeiten auch nur schlicht wegen des Geldes. Weil die Alternative (Hartz IV) keine attraktive ist. Anders gesagt: Die Entscheidung, eine Leistung zu erbringen (Angebot) oder eine Leistung anzunehmen (Nachfrage) ist immer die Folge der Abwägung aller Handlungsalternativen. Und jede Entscheidung ist dann die von jedem Individuum bestmöglich getroffene Wahl.

Dabei ist die Freiwilligkeit der Wahl entscheidend für die Frage, ob der in einer Gesellschaft vorhandene Wohlstand angemessen ist. Denn wenn der Wohlstand der Gesellschaft die Summe aller freiwilligen und zum gegenseitigen Vorteil getroffenen Einzelentscheidungen ist, dann kann es kein Widerspruch zwischen einem vermeintlich systemimmanenten Ziel („immer mehr Wachstum“) und dem  Wunsch der Individuen (zum Beispiel „weniger arbeiten“) geben.

Es ist vielmehr die Entfernung von dem skizzierten kapitalistischen Prinzip, die den – meiner Meinung nach tatsächlich vorhandenen – Druck in unserer Gesellschaft erzeugt, mehr zu arbeiten (mehr zu wachsen) als vielen lieb ist. Richtig ist nämlich auch, dass es für die Gesellschaft gewinnbringend ist, wenn viele  Geschäfte zustande kommen. Allein schon wegen der Steuern, die bei jeder Einigung (Kauf, Handel, Arbeitsvertrag) an die Gesellschaft (Staat) zu entrichten sind. Aber auch schlicht deswegen, weil viele davon profitieren, wenn es viele Bäcker, Schriftsteller und Altenpfleger gibt.

Deswegen gibt es die schwäbische Arbeitsmoral, deswegen gibt es Gesetze wie die Schulpflicht oder jenes, dass Rentenansprüche in der Regel erst nach 45 Jahren Arbeit gewährt. Diese Regeln schieben Menschen in die Richtung, viel zu arbeiten. Sie sind  aber eben genau das Gegenteil von freier individueller Entscheidung und damit von Kapitalismus.

Vorstellung Nr. 2: Eine endliche Welt kann nicht unendlich wachsen. Klingt einleuchtend, ist falsch. Weil der Gedankengang den Wirtschaftsprozess auf den Input von endlichen materiellen Ressourcen reduziert. Der größte Wachstumsbringer ist aber der Wissensfortschritt. Und der ist größer denn je. Weil es uns gelungen ist, Erkenntnisse festzuhalten und, darauf aufbauend, neues Wissen zu schaffen. Und weil wird dieses Wissen verbreiten können – mittlerweile weltweit und in sekundenschnelle.

Wenn es dem Autobauer gelingt, das nächste Modell nur noch mit halb so viel Material herzustellen, dann kann er dieses Auto günstiger verkaufen. Der Konsument kann dann sein nächstes Auto für weniger Geld kaufen. Oder anders gesagt: Er kann mit dem gleichen Einkommen mehr erwerben. Das ist Wachstum durch Fortschritt.

Der Autokäufer wird durch den Fortschritt vielleicht einen Extraurlaub buchen, für seine bettlägerige Mutter eine Pflegekraft einstellen. Vielleicht wird er auch weniger arbeiten, weil er ja mit weniger Einkommen das Gleiche bekommt (ein neues Auto).

Für Letzteres wird der Fortschritt im Übrigen schon lange verwendet. Genauer gesagt haben wir die Wohlstandsgewinne schon immer in zwei Richtungen aufgeteilt: um mehr zu haben und um weniger zu arbeiten. Die Zahl der effektiv geleisteten Arbeitsstunden pro Kopf der Bevölkerung hat sich von 1900 bis zum Jahr 2000 ziemlich genau halbiert.

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