Sollte Sebastian Edathy, falls er nicht verurteilt wird, wieder in den Bundestag? – Der Versuch einer liberalen Sichtweise

Ein Tabu ist bekanntlich die unhinterfragte, bedingungslose und häufig auch stillschweigende Übereinkunft darüber, wie Menschen sich zu verhalten haben. Tabus sind selten geworden. Aufklärung und Verständnis relativieren zunehmend solche kulturellen Übereinkünfte, die Verhalten auf elementare Weise diskussionslos gebieten oder verbieten.

Dort wo es Tabus noch heute gibt, funktioniert die Sanktion allerdings wie ehedem. Wer gegen das Tabu verstößt, wird geächtet und ausgestoßen. Sebastian Edathy hat das erfahren. Er wird nie mehr ein politisches Amt begleiten, egal ob Gerichte ihn schuldig sprechen werden oder nicht.

Ist das fair? Was ist eine liberale Sicht zu Edathys Verhalten und zum Umgang der Gesellschaft/Medien mit ihm? Erschwert unsere liberalisierte Lebensweise (Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden) vielleicht gerade einen enttabuisierten, einen aufgeklärten Umgang? Weil Aufklärung erkennbar machen würde, wie schwer eine liberale Haltung bei diesem Thema einzunehmen ist?

Antwortversuche. Bekanntlich kann die Freiheit des einen dort enden, wo sie die des anderen einschränkt. Insofern ist die Beurteilung von Tätern eindeutig. Die Herstellung von Kinderpornografie ist Missbrauch an Kindern. Selbst, wenn es kein sexueller Missbrauch im engeren Sinne ist. Wenn also „nur“ Fotos von nackten Jungen beim Baden (oder sonstwo) gemacht und verbreitet werden. Denn die Jungen werden manipuliert, weil sie nicht wissen, zum welchem Zweck die Aufnahmen entstehen. Die meisten werden sich vermutlich sehr schämen, wenn sie später verstehen, was geschehen ist. Und: Sie werden das Geschehene nicht rückgängig machen können; auch weil Bilder, sind sie erst einmal im Internet, kaum vollständig daraus entfernt werden können.

Die Frage nach den Tätern ist also klar. Aber der Pädophile ist in der Regel ja nicht der Ersteller des kinderpornografischen Materials. Doch der Betrachter wird in gewisser Weise zum Mittäter, weil er Teil des Geschäftsmodells ist. Die Bilder würden schließlich nicht produziert werden, wenn sie nicht angesehen und gekauft würden.

Nicht alle Bilder sind aber pädophilen Ursprungs. Als es das Internet noch nicht gab, wurden deutschlandweit  Otto-Kataloge verschickt, mit Seiten über „Knabenunterschwäsche“. Was ist mit denen, die zu Hause eine Otto-Katalog-Sammlung horten und die Seiten mit der Kinderunterwäsche besonders abgegriffen sind? Welche Haltung kann ein Liberaler zu diesen Menschen einnehmen?  Zumal wenn ich Prof. Dr. Michael Osterheider im hörenswerten SWR2-Froum richtig verstehe und Pädophilie zwar eine krankhafte Präferenz ist, sie aber praktisch nicht heilbar ist, sondern mittels Therapie ein Umgang mit den Neigungen lediglich insofern gefunden werden kann, dass niemand missbraucht wird.

Wer nichts für seine Neigung kann und niemanden missbraucht, der kann auch keine Schuld haben. Und wer keine Schuld hat, kann nicht verurteilt werden. Wird er aber von unserer Gesellschaft. Eine liberale Haltung ist das nicht, oder? Man muss nicht jeden Menschen lieben, aber man muss Andersartigkeit akzeptieren. Das ist der hohe Anspruch an eine liberale Gesellschaft. Das Pädophilie-Tabu ist ein Hinweis, dass wir uns mit diesem Anspruch schwer tun.

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