Exportstärke Deutschlands: Das ist nicht die Fußball-Bundesliga!

Deutschland ist wirtschaftlich zu stark und schadet damit anderen Ländern.

Dieser Satz ist dieser Tage in vielen Variationen zu lesen (zum Beispiel bei Spiegel Online).

Auslöser: Die EU-Kommission hat gegen Deutschland ein so genanntes Prüfverfahren eingeleitet, an dessen Ende eine Strafe stehen könnte (bis zu 0,1 Prozent der Wirtschaftsleistung). Der Exportüberschuss sei zu hoch, Deutschland solle deshalb mehr Geld in die Modernisierung der Infrastruktur stecken und die Gehälter im Niedriglohnbereich erhöhen.

Strafen dafür, dass ein Land wirtschaftlich stark ist? Das versteht der Laie so wenig wie der Experte.

Die Unverständnis kratzt sich gleich an mehreren Stellen am Kopf und fragt sich :

  1. Warum wird ein Staat verantwortlich gemacht (und soll etwas regulieren), was Ergebnis der Tätigkeit vieler Menschen (der Wirtschaft) ist?
  2. Wieso kommt es nicht über den Markt zu einer Anpassung?
  3. Stimmt die Vorstellung, dass wo es Gewinner, auch zwingend Verlierer gibt?

zu 1)

Richtig ist: Der Staat hat die Bedingungen vorzugeben, innerhalb derer Unternehmen agieren (Ordnungspolitik). Indem der Staat zum Beispiel die Höhe der Steuern definiert.

Aber vor allem die sich in einem Markt bildenden Preise sollten das Ergebnis von Angebot und Nachfrage sein – sowohl bei der Lohnfindung als auch bei den Preisen für Produkt- und Dienstleistungen.

Dass die EU-Kommission rät, die Löhne in Deutschland anzuheben, zeigt in zweifacher Hinsicht fehlendes Verständnis. Denn erstens hat nicht der Staat (also Dritte) darüber zu bestimmen, was zwei Seiten (Arbeitnehmer und Arbeitgeber) aushandeln. Zweitens: Wenn in Deutschland Lohnzurückhaltung zu verbesserter Wettbewerbsfähigkeit geführt hat, dann haben jene, welche diese Lohnzurückhaltung ermöglicht haben, auch die positiven Folgen (höhere Umsätze, sicherere Arbeitsplätze) verdient.

zu 2)

Damit ein Exportüberschuss ein lediglich zeitlich beschränkte Ereignis bleibt, braucht es aus wirtschaftsliberaler Sicht nicht den Staat. Es reicht ein funktionierender Markt.

Gibt es bei unterschiedlichen Währungen und flexiblen Wechselkursen einen Exportüberschuss, dann wird sich „das Problem“ mittelfristig durch eine Verteuerung jener Währung erübrigen, dessen Land die Exportüberschüsse hat. Denn um die Exporte zu bezahlen, muss das Ausland verstärkt Geld in dieser Währung kaufen. Folglich steigt der Preis für diese Währung, was die Produkte im Ausland verteuert, was die Nachfrage nach ihnen senkt. Am Ende wird der Exportüberschuss abgebaut.

Aber auch bei Exportüberschüssen innerhalb eines gemeinsamen Währungsraums sind Anpassungen über den Markt möglich. Die große Nachfrage im Ausland (Exportüberschuss) lässt die Preise steigen, weshalb die Produkte weniger attraktiv werden. Dies führt mittelfristig zu einem Nachfragerückgang.

Fazit: Flexible Preise, ob bei Gütern und Dienstleistungen wie auch bei Währungen, beheben Exportüberschüsse auf Dauer.

Aufgabe des Staates sollte deshalb vornehmlich sein, diese Flexibilität zu ermöglichen, statt durch Staatseingriffe zu versuchen, lenkend einzugreifen. Letzteres beschränkt die Freiheit der wirtschaftlichen Akteure, ohne Gewissheit, am Ende auch gewünschte Ergebnisse zu erzielen.

zu 3)

Die Diskussion über einen möglichen Schaden für die ausländische Wirtschaft durch Deutschlands Exportstärke befördert eine falsche Vorstellung von Handel. Eine Vorstellung, die sich schwer bekämpfen lässt, weil sie intuitiv einleuchtet.

Nämlich die, dass wo es Gewinner gibt, auch immer Verlierer sein müssen. Weil Unternehmen im Wettbewerb stehen und der Kunde aus eigener Erfahrung weiß, dass er Entscheidungen treffen muss: Kauft er den Joghurt der Molkerei A, dann ist Molkerei B der Verlierer.

Ich vermute, dass für viele Menschen die Wirtschaft ein Wettbewerb ist wie sie ihn aus der Fußball-Bundesliga kennen. Kein Sieger ohne Verlierer. Kein Aufsteiger ohne Absteiger.

Die Wirtschaft ist ein Nullsummenspiel –  glauben viele. Und liegen damit gefährlich falsch. Denn mit dieser Überzeugung kann man ein freiheitliches Wirtschaftssystem auch abschaffen. Wenn es in der Summe nichts zu gewinnen gibt, dann kann man es auch bleiben lassen. Vor allem, wenn am Ende auch noch die (wirtschaftlich) Stärksten gewinnen.

Dabei ist die Sicht des Einzelnen (Kauf von Joghurt A oder B) etwas anderes als die Summe von Millionen Einzelentscheidungen. In der Summe ist ein freiheitliches Wirtschaftssystem ein System zum gegenseitigen Vorteil aller. Es ist eben kein konstruiertes Spiel wie beim Fußball.

Die Wirtschaft ist kein Wettbewerb eins gegen eins. Vielmehr sucht sich jeder Kunden jene Angebote, die ihm am besten passen. Und die Firmen bieten das an, was sie am besten können, beziehungsweise sich am wirtschaftlichsten rechnet. Am Ende ist Platz für alle, freilich nicht immer – vor allem für Firmen – zu den gewünschten Bedingungen. Der Kunde ist eben König.

In diesem Wettbewerb braucht es nicht nur den Besten oder den Billigsten. Es braucht Mischformen und Anpassungen an die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Der Wunsch nach einem Produkt ist individuell und verschieden. Entscheidend können sein: Ortsnähe, Verfügbarkeit, Geschmack, Leistungen, Preis. Und vieles mehr.

Dass die Vorstellung vom Wirtschaftssystem zum gegenseitigen Vorteil aller nicht weit verbreitet ist, daran haben auch die Unternehmen schuld. Über Jahrzehnte wurde Deutschlands fehlende internationale Wettbewerbsfähigkeit beklagt. Im „harten Kampf“ gelte es, sich „zu behaupten“, nicht unter „die Räder zu kommen“, sich gegen den „Riesen China“ zu bewähren. Diese Formulierungen assoziierten einen Kampf, bei dem am Ende nur einer gewinnen kann.

Dabei hat bereits Anfang des 19. Jahrhunderts David Ricardo erklärt, warum Handel etwas anderes ist als die Fußball-Bundesliga. An den beiden Produkten Tuch und Wein und den Ländern England und Portugal veranschaulichte er, dass es für ein Land selbst dann vorteilhaft ist, Handel zu betreiben, wenn dieses  bei allen Produkten weniger wettbewerbsfähig ist. Wie das sein kann?

Die Theorie der komparativen Kostenvorteile erklärt es. Demnach reicht es aus, wenn es zwischen Ländern relative Produktivitätsunterschiede gibt. Diese schlagen sich bei einer Situation ohne Handel in unterschiedlichen relativen Preisen nieder. Bei Aufnahme von Handelsbeziehungen erlangen beide Länder Handelsgewinne (Wohlfahrtseffekte des Handels) dadurch, dass sich jedes Land auf das Gut spezialisiert, in dem es einen relativen Produktivitätsvorteil hat.

Handel führt also zu Spezialisierung. Diese Spezialisierung erhöht den Wohlstand. Selbst in dem Land, das nirgendwo besser ist als ausländische Anbieter.

Die Vorstellung jedenfalls, dass die Stärke des einen die Schwäche des anderen bedingt, ist eines der Zerrbilder der Globalisierung. Die (falsche) Diskussion um Deutschlands Exportstärke befördert dieses Zerrbild. Die Folge könnte weniger Freihandel sein – und damit weniger Wohlstand.

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