Unser beheiztes Leben: Für was die Globalisierung verantwortlich ist – und für was nicht

Das Wort gibt es gerade mal seit drei Jahrzehnten: Als die Marketing-Branche in den 80er Jahren die weltweite Vermarktung von Produkten wie Coca-Cola beschreiben wollte, erfand sie den Begriff der Globalisierung.

Dabei begann die Globalisierung tausende Jahre zuvor, als nämlich die Menschen dazu übergingen, Handel zu betreiben und dieser Handel nicht mehr nur innerhalb einer kleinen Lebensgemeinschaft stattfand.

Warum es nicht bei diesen einfachen Handelsformen geblieben ist, hat vor allem drei Gründe:

  • Die Entdeckung der Seewege nach Amerika und Asien,
  • die Erfindung der Dampfmaschine und damit auch von Eisenbahn und Dampfschifffahrt
  • sowie – beginnend vor rund 100 Jahren – die Entwicklung moderner Kommunikationstechnik.

Den weltweiten Handel, vor allem aber die Entstehung der millionenfachen Arbeitsteilung, hätte es ohne diese Umwälzungen nicht gegeben. Wir würden heute nicht aus Gläsern trinken, nicht mit Handys telefonieren, nicht in beheizten Häusern wohnen, wenn wir nicht das Wissen von Generationen, von Millionen von Menschen rund um den Globus nutzen könnten.

Wer an diesem Wissen teilhaben konnte, ist reich geworden. Unser Wohlstand ist zehnmal so hoch wie vor hundert Jahren, und dies, obwohl wir statt zwei nur noch ein Drittel unseres Wachseins mit dem Erwirtschaften des Lebensunterhalts zubringen. Wir haben heute mehr zum Leben, mehr zum länger Leben, mehr zum mehr in Freiheit Leben. Es müssen nicht mehr drei Generationen unter einem Dach zurecht kommen, weil es sich keiner leisten kann, auszuziehen. Kaum noch einer ist gezwungen, seinen Partner nach wirtschaftlichen Überlegungen aussuchen zu müssen. Und eine Scheidung ist nicht mehr, wie in früheren Zeiten, eine finanzielle Unmöglichkeit.

Doch die Globalisierung hat ihren Preis. Zum Beispiel den Preis der Spezialisierung. Dass nämlich alle, die an komplexen Produkten mitarbeiten, nicht mehr den gesamten Herstellungsprozess begleiten, sondern nur ein kleines Rädchen im System sind.

Und manche zahlen den Globalisierungspreis auch in Form von Krankheit. Weil die menschliche Evolution dem Tempo unseres Fortschritts nicht folgen kann. Die Rolltreppe im Kaufhaus und das Auto für den Weg zur Arbeit benutzt jeder gerne, unser Körper aber wird auf Dauer krank, wenn er nur selten in Bewegung ist.

Oder die wachsende Unsicherheit. Weil immer mehr Menschen neues Wissen schaffen, und sich dieses neue Wissen immer schneller rund um den Globus verbreitet, wird es zunehmend unwahrscheinlicher, mit dem einmal Erlernten ein lebenslanges Auskommen zu finden. Ständige Weiterbildung wird deshalb zu Recht gefordert. Was aber, wenn sich das Wissen eines ganzen Diplomstudiengangs von heute auf morgen nicht mehr in verkaufbare Produkte umsetzen lässt, weil eine simple Neuerung den Kunden zum Wechsel bewegt?

Es ist vor allem diese Unsicherheit, weshalb die Angst vor der Globalisierung so weit verbreitet ist. Dabei können vom wachsenden Wohlstand theoretisch alle profitieren, auch die so genannten Globalisierungsverlierer. Denn in der Summe gibt es mehr zu verteilen.

Dass es in einer globalisierten Welt kaum noch Spielraum für diese Umverteilung gebe, ist eine von vielen Un- richtigkeiten, mit denen Interessengruppen auf Kosten der Wahrheit ihr Globalisierungs-Süppchen kochen. Die zunehmende Verflechtung Deutschlands in die Weltwirtschaft etwa hat die staatliche Verteilung nicht zurückgedrängt. Sie liegen weiter bei rund der Hälfte des Erwirtschafteten.

Nicht viel aufrichtiger geht es bei der Diskussion um hohe Managergehälter zu. Der Neid verbirgt sich hinter der Maske der sozialen Gerechtigkeit. Dabei liegt das Problem bei der Mittelschicht, also bei der Mehrheit. Dort findet nämlich vor allem Umverteilung statt. Die rechte Hand gibt dem Staat, die linke steckt es in die eigene Hosentasche zurück. Der Grund: die Mittelschicht ist wahlentscheidend. Deshalb werden spätestens alle vier Jahre Wohltaten versprochen, die dann mit Steuererhöhungen gegenfinanziert werden.

Es ist höchste Zeit den Blick nicht auf „die da oben“ zu richten, sondern nach unten, auf jene, die man oft nicht sieht, auch, weil man sie nicht sehen will. Bei denen von der Umverteilung nur wenig ankommt. Auf Gestrandete, Obdachlose, nicht mehr mit dem Leben Zurechtkommende. Sie als Globalisierungsverlierer zu bezeichnen, ist die verzweifelte Suche nach dem reinen Gewissen. Es sind immer die Umstände, es sind immer die anderen, die Schuld sind – und am Ende bleibt nur Selbstbetrug.


Dieser Artikel ist am 23. Dezember 2006 im Südkurier erschienen. Auf diesem Blog veröffentliche ich in unregelmäßigen Abständen eine Auswahl an Artikeln aus meiner Zeit (1999 bis 2007) bei der regionalen Tageszeitung Südkurier.

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