Klingt nur gut: Warum Netzneutralität keinem hilft

Der Begriff „Netzneutralität“ ist mehrheitsfähig. Schließlich soll das Netz nicht parteiisch und beeinflussend sein. Also kämpft die Politik an der Seite der Mehrheit für Netzneutralität.

Der Mehrheit schließe ich mich nicht an:

Doch was gut klingt, ist nur gut gemeint. Die so verstandene Netzneutralität behindert nämlich den Fortschritt. Genauer gesagt, macht der Fortschritt eine Anpassung an das System Internet notwendig. Für die verschiedenen Dienste, die im Internet angeboten werden, ist die Geschwindigkeit der Datenpakete nämlich unterschiedlich wichtig. Der Download einer PDF-Datei ist in der Regel weniger zeitkritisch als die Echtzeitkommunikation bei einer lebensbedrohlichen Operation, bei der nicht alle Ärzte real anwesend sein können, manche über das Internet zugeschaltet werden. Oder: Die Auswirkungen eines  wenige Zehntelsekunden verzögerten E-Mail-Versands sind zu vernachlässigen, die gleichen Verzögerungen bei der Internet-Telefonie führen dazu, dass die Stimmen unnatürlich verzerrt klingen. – (Pixelökonom-Post vom 8. Juni 2011:  Warum die Abkehr von der Netzneutralität die Qualität des Internets verbessern würde)

Zwei weitere  Posts contra Netzneutralität.

Ein Beitrag von Steffen Hentrich auf dem Blog des Liberalen Instituts der FDP-nahen Friedrich Naumann-Stiftung  (wenn auch ein Post mit  zu viel SPD-Bashing):

Wenn Preisdifferenzierung nicht möglich ist und jeder dasselbe für eine Flatrate gleicher Geschwindigkeit zahlt, dann stauen sich irgendwann die Daten und jeder muss tiefer in die Tasche greifen, egal, ob er das Internet nun zum gelegentlichen Surfen oder zur Dauerübertragung riesiger Datenmengen nutzt. Netzneutralität ist weder gerecht noch sie etwas mit der Freiheit und Innovationsfähigkeit des Internets zu tun.

Ebenfalls lesenswert: Professor Justus Haucap auf dem INSM-Ökonomenblog.

Die Idee, dass der Staat alle Anbieter zu einem möglichst gleichförmigen Angebot mit möglichst gleichen Tarifen zwingen soll, ist furchterregend. Ebenso ist es die Haltung, dass es einem selbst zu mühselig ist, den Anbieter zu wechseln, und daher der Staat den Anbieter zwingen soll, das zu produzieren, was ich gern hätte, ohne dass ich dafür auch nur mit dem Zeh wackeln muss. Der Wettbewerb lebt davon, dass Kunden ihren Anbieter wechseln, wenn er ihnen nicht gefällt. Nur das diszipliniert die Anbieter letzten Endes.

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12 Kommentare zu „Klingt nur gut: Warum Netzneutralität keinem hilft

  1. Da wir defacto KEINE Bandbreitenprobleme haben, muss keine Priorisierung erfolgen. Die genannten Beispiele sind außerdem ziemlich weit Hergeholt. Für eine „Remote-OP“ kann man durchaus MPLS und andere Sonder-Dienste Innerhalb des Netzes nutzen, welche Verzögerungen absolut minimieren. Internet-Telefonie funktioniert seit Jahren ohne QoS im WAN, und E-Mail war noch nie ein Echtzeitkommunikationsmittel.

    Die Netzneutralität stellt den Zugang zu Informationen unabhängig vom Provider sicher. Damit schützt sie vor Zensur und Wettbewerbsverzerrungen. Sie behindert nicht den Fortschritt, sondern macht ihn möglich.

    Wenn doch die Ökonomen wenigstens ab und zu die Techniker fragen würden ….

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  2. Loki, in einem so dynamischen Markt wie der Telekomunikation kann man nicht erst reagieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, sondern sollte schon rationieren bevor die technischen Probleme auftreten. Die Vertragsbedingungen zwischen der Telekom und den Verbrauchern sind keine Staatsangelegenheit, solange es Wettbewerb und Alternativen gibt. Wer nicht rationiert verschwendet Ressourcen und es ist nichts dabei, wenn Kunden mit hoher Nachfrage mehr zahlen als solche mit geringeren Ansprüchen an die Internetnutzung. Reduziert der Staat die Möglichkeit der Anbieter gewinne zu erwirtschaften schauen sich die Investoren recht schnell nach einem besseren Geschäftsfeld um. Sollten tatsächlich weder technische Restriktionen noch zusätzliche Kosten einer hohen Datenmenge vorliegen, dann wird die Konkurrenz schon zeigen, dass die Telekom auf das falsche Geschäftsmodell setzt. Lassen Sie uns doch erst einmal abwarten, bevor wir die keule der Regulierung wieder vorschnell schwingen.

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  3. Hey Steffen,

    wenn die Telekom das gesammte Netz des Kunden drosseln will ist das ihre Sache. Richtig. Aber dann dürfen Sie keine Ausnahmen machen.

    Außerdem ist eine solche Rationalisierung nicht Notwendig, und Ökonomisch gesehen sogar nachteilig.

    An den „Schnittpunkten“ zwischen den Providern findet sogenanntes Peering statt.

    Provider A erhält Geld für jedes Byte was er von Provider B bekommt und umgekehrt.

    Wenn die Telekom also weniger Traffic von extern bekommt, weil die Kunden weniger erfragen, so kommt weniger Geld in die T-Com Kassen.

    Außerdem geht es hier um Cent!!! Beträge im Peering.

    Die Telekom will hier wieder ein Monopol etablieren, und ihre Kunden davon abhalten Konkurenz-Angebote z.B. beim Streaming zu Nutzen.

    Und nicht einen nicht vorhandenen Mangel verwalten.

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  4. Hier geht es um Infrastruktur. Es ist schon ein Grundfehler, diese Infrastruktur Firmen zu überlassen. Analog zur fehlenden Netzneutralität würden wir von Autobahnen sprechen, die für alle kostenpflichtig sind, ausser für Audi-Fahrer. Oder über Autos, die auf 30 km/h drosseln, wenn man 250km in den letzten 30 Tagen gefahren ist.

    Der Vergleich hinkt gar nicht so sehr, wie man vermutet. Denn beide Infrastrukturen wurden von öffentlichen Geldern bezahlt. Die Telekom hat das Netz geschenkt bekommen, aus Steuergeldern finanziert. Und jetzt erdreistet sie sich, obwohl man von schnellem Internet auf dem Land meist nur träumen kann, die Hand ganz weit aufzuhalten?

    Angesichts der Machtstellung der Telekom über das ihr geschenkte Netz kann man auch nicht von echtem Wettbewerb sprechen. Ich würde ihn in diesem Bereich auch nicht haben wollen. Im Gegenteil: Wettbewerb scheint hier das höhere Gut, eine funktionierende Infrastruktur, nur zu bedrohen. So wie der Wettbewerb das Schienennetz in England ruiniert hat.

    Es geht nicht um ein paar Leitungen für ein paar Freaks und Youtube-Zombies. Es geht um ein technisches Rückgrat unserer Ökonomie und unserer privaten Kommunikation. Es ist dabei umso trauriger, dass unsere Eliten dies nicht begriffen haben. Wir sind in vielerlei Hinsicht ein technologisches Entwicklungsland, wenn wir uns das Internet anschauen.

    Dank unserer internetfeindlichen Eliten und schlecht gemanagter Telekommunikationskonzerne wird das wohl auch noch so bleiben. Dabei geht es anders. Norwegen ist ein Paradebeispiel. Aber auch die Mobilfunktarife in Österreich sind attraktiver, als in Deutschland. Dabei sind es die gleichen Konzerne.

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  5. Durchschnittsgeschwindigkeit von Regionalexpress und ICE ermitteln und dann gesetzlich für alle Züge zur Normgeschwindigkeit erklären. Es kann nicht sein, daß manche Bahnkunden schneller fahren dürfen, nur weil sie dafür zahlen.

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  6. Ach bitte Tim, der Vergleich hinkt. Jeder Kunde kann in der Theorie entscheiden wie schnell sein Anschluss ist.

    Korrekt wäre der Bahnvergleich nur mit: Bei der Bahncard 100 sind ab sofort 1000 High-Speed Kilometer im Monat inklusive. Danach muss der Kunde Draisine fahren.

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  7. @tbemv: Ob die Drosselung ökonomisch gesehen nachteilig ist, sollte man schon den Anbietern überlassen, denn die tragen schließlich die Verantwortung sowohl für die Kosten des Infrastrukturausbaus als auch für den Verlust von Umsatz durch Kunden, die zur Konkurrenz wechseln. Es mag sein, dass die Drosselung zunächst als Nachteil für die Verbraucher erscheint, aber sie dient der Rentabilität des Providergeschäfts. Die Telekom muss ihre Investoren schon halten, sonst suchen die sich Anlagealternativen in anderen Branchen. Solange wir Wettbewerb haben und die Telekom den Wettbewerbern nicht die Vertragsbedingungen des Angebots diktieren kann, kann sie ihre Tarife gestalten wie sie will, zumal diese nur für Neukunden ab 2016 gelten.

    Was die Streaming-Dienste betrifft steht es jedem Anbieter frei mit der Telekom auch Sonderverträge auszuhandeln, schließlich ist auch der Streaming-Dienst Nutzer des Datendienstes. Die Telekom bewertet die eigenen Streaming-Angebote intern ebenfalls zu Marktpreisen, so dass es ihr am Ende egal ist, ob sie ihr Geld mit dem eigenen Dienst verdient oder dem Geld, dass sie von der Konkurrenz für den Datentransport ohne Flaschenhals bekommt. Wo steht denn geschrieben, dass nur der Nutzer der Dienste für den Traffic bezahlt, die Telekom dreht den Spieß jetzt nur um. Man kann auch schlecht den Telekom-eigenen Datendienst aus dem Servicepaket Datendienst rausrechnen und dann behaupten, hier liege ein Monopol vor. Als Kunde kann man eben das teurere Komplettpaket oder eben das billigere Paket mit Einschränkungen erwerben oder gleich den Wechsel vollziehen und gleich zur Konkurrenz gehen. heutzutage ist ja ein Providerwechsel wirklich kein Problem mehr.

    Ich kann nicht beurteilen, ob die Bandbreiten derzeit ausreichen oder nicht, höre aber überall, dass bei Cloud-Diensten vor Flaschenhälsen mangelnder Bandbreite gewarnt wird (zB. http://www.computerworld.com/s/article/9223117/Bandwidth_bottlenecks_loom_large_in_the_cloud). Das klingt nicht gerade danach, als hätten wir kein Problem oder zumindest nicht die Aussicht auf eines, wenn nicht rationiert und investiert wird. Man hat schon vor gut einem Jahrzehnt gesagt, dass niemand mehr als die und die Netzgeschwindigkeit bräuchte und dann kamen die Datendienste und da war das alles Geschichte.

    Was auf jeden Fall nicht geht ist, dass man aus Verbrauchersicht eine Wunschsituation konstruiert und die als ideales Marktdesign definiert, ohne die Belange der Anbieter als im Wettbewerb um Kapital stehende Marktakteure zu berücksichtigen. Ich bin weit entfernt für einen einseitigen Schutz von Unternehmen einzutreten und befürworte weitestgehenden Telekomunikationswettbewerb, bei dem vor allen der Staat nicht durch Regulierung den Netzausbau und Markteintritt behindert, aber ich halte es nicht für zielführend, wenn Vertragsfreiheit nur einseitig betrachtet wird.

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  8. @ Loki
    Na und? Extrem viele Aspekte von Gebrauchsgütern sind weder technisch noch kaufmännisch nötig. Es ist Sache der Anbieter, wie sie ihre Produkte gestalten. Und es ist Sache der Kunden, ob sie das Zeug dann auch kaufen.

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  9. Ich würde dem auch total widersprechen. Augenscheinlich ist es vielleicht gerecht, wenn die User die >zur Zeit< über dieses gewisse Bandbreitenlimit, auch mehr zahlen würden. Aber in wenigen Jahren wird der Grossteil der Bevölkerung Hd, Cloud computing, Sprachsteuerung, Internet of Things, usw…

    Gut, das ist alles Technik, aber mich verwundert dieser enge Betrachtungsraum. Sobald es um Löhne geht, ist das erste Wort internationale Wettbewerbsfähigkeit und es fehlt in dieser Debatte vollständig!

    Google Fiber baut in den USA für 300 $ ein Glasfasernetz mit fünf Megabit ohne irgendeine Datenbegrenzung und ohne weitere Gebühren, für mindestens sieben Jahre garantiert. Was einer Anschlussgebühr von 32 Euro im Jahr bedeutet,
    http://www.zeit.de/digital/internet/2013-04/google-glasfaser-gigabit

    Die zahlen soviel im Jahr, wie in Deutschland im Monat gezahlt wird, vielleicht sogar weniger. Okay, Google Fiber ist örtlich sehr begrenzt, aber das Deutschland schon jetzt digiteal nicht mehr Wettbewerbsfähig ist, erkennt man daran, das bis auf SAP, kein Global Player aus Deutschland kommt. Meine Meinung dazu…

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