Was wir verdienen – Ein Beitrag zur Mindestlohndebatte

In Belitz ist die Suche nach dem richtigen Lohn in Stein gemeißelt. Der prominenteste Einwohner des kleinen Dörfchens in Mecklenburg-Vorpommern war stolz auf seine vermeintliche Entdeckung gewesen, so stolz, dass er sich die Formel vom „naturgemäßen Lohn“ auf seinen Grabstein schreiben ließ.

Noch heute ist dieser auf dem dortigen Friedhof zu bewundern. l = √a×p ist zu lesen, wobei „l“ für Lohn, „a“ für notwendigen Lebensunterhalt und „p“ für Arbeit steht.

Eine intensivere Beschäftigung mit der Gleichung lohnt nicht wirklich. Heinrich von Thünen hätte seine Formel besser mit ins Grab genommen. Der 1783 geborene Ökonom war eigentlich ein Pionier bei der Erklärung von Löhnen, Zinsen und Bodenrenten. Seine Lohnformel im Speziellen aber gilt als widerlegt.

Thünen ist in prominenter Gesellschaft. Viele haben sich an der Frage abgearbeitet, wie sich in einer Gesellschaft der Lohn bildet – und viele sind gescheitert. Karl Marx zum Beispiel. Im 19. Jahrhundert war die so genannte Arbeitswertlehre weit verbreitet. Demnach ist ein Gut genau so viel wert, wie viel Arbeit in dessen Erstellung gesteckt wird. Ein Paar Schuhe, die ein Schuster in zwei Arbeitstagen fertigt, hätte damit einen doppelt so hohen Preis wie ein Hut, der in einem Tag hergestellt wird.

Diese Arbeitswertlehre ergänzte Marx um seine selbst entwickelte Mehrwert-Theorie. Danach wird ein Gut in der Regel nur jenen Preis erzielen können, der den Reproduktionskosten dieses Gutes entspricht. Die Reproduktionskosten aber entsprechen dem Existenzminimum, das gerade das Überleben des Arbeiters sichert. Gleichzeitig ist der Wert eines Gutes aber höher als seine Reproduktionskosten. Dieser Mehrwert fließe ausschließlich den Kapitalisten zu, glaubte Marx.

Die Folge: Die Kapitalisten würden immer reicher, die Arbeiter blieben arm. Die Ungerechtigkeit nehme stetig zu.

Außerdem fänden die produzierten Güter auf Dauer keine Abnehmer mehr, weil die Arbeiter nicht genügend verdienten, um all die von ihnen hergestellten Produkte zu kaufen. Irgendwann, so Marx’ Überzeugung, müsse der Kapitalismus in sich zusammenstürzen.

Es ist bekanntlich anders gekommen. Die Löhne steigen in aller Regel, mal schneller, mal weniger schnell. Heute lässt sich am individuellen Lebensstandard häufig nicht mehr ablesen, wer Arbeitnehmer, wer Arbeitgeber ist. Reichtum und Armut gibt es in beiden Lagern.

Offensichtlich haben, anders als Marx erwartet hatte, auch die Arbeiter vom Produktionsanstieg profitiert.

Die Antwort auf die Frage, wie sich Löhne bilden, gilt heute – zumindest unter Ökonomen –  als weitgehend beantwortet. Es war die mathematische Exaktheit der Neoklassik, die Licht ins Dunkel brachte. Vereinfacht gesagt ist der Lohn das Ergebnis von Angebot und Nachfrage.

In der stilisierten Form zweier Geraden, die sich in einem Achsendiagramm zu einem „X“ formen, schlägt sich die Quintessenz der Neoklassik nieder, dessen Bild mittlerweile selbst den meisten Nicht-Ökonomen vertraut ist.

Das „X“ veranschaulicht folgende Überlegung: Unternehmer optimieren ihren Profit, Arbeitnehmer ihr Einkommen. Mit steigenden Löhnen sinkt folglich die Arbeitsnachfrage der Arbeitgeber und es steigt das Arbeitsangebot der Arbeitnehmer. Die eine Kurve geht nach oben, die andere nach unten.

Letztlich manifestieren sich in den beiden Geraden zwei unterschiedliche Interessen: Unternehmer stellen dann ein, wenn es sich für sie lohnt (möglichst geringe Kosten), Arbeitnehmer suchen dagegen solche Jobs, in denen sie möglichst viel verdienen.

Und wo sich die beiden Linien schneiden, da findet sich der Gleichgewichtslohn. Der besagt, dass zu diesem Lohn die Höhe der Arbeitsnachfrage gleich dem Arbeitsangebot ist. Es gibt dann keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit.

Genug der Theorie. Fast zumindest.  Denn nur die Einführung eines weiteren Begriffs bringt Klarheit. Entscheidend in der Neoklassik ist nämlich, wie sich das gemeinsam mit den Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit Erwirtschaftete wieder auf die Produktionsfaktoren in Form von Zinsen (für Kapital) und Lohn (für Arbeit) verteilt.

Diese Aufteilung hängt nach Auffassung der Neoklassiker nicht von einem, wie auch immer zu definierenden „Wert der Arbeit“ ab, sondern orientiert sich an Knappheiten. Ist Kapital reichlich vorhanden und Arbeit nur spärlich, dann wird die Entlohnung der Arbeit relativ hoch sein. Umgekehrt lassen sich dann hohe Zinsen für das eingesetzte Kapital erzielen, wenn die Kapitalausstattung einer Gesellschaft gering ist, aber reichlich Arbeitende vorhanden sind.

Die Neoklassik wurde und wird kritisiert. Die Annahmen seien sehr vereinfachend, so der häufigste Vorwurf. Das stimmt. Und ist auf der anderen Seite gerade die Stärke der Theorie. Sie vereinfacht – und trifft dabei den Kern. Keine Theorie hat das reale Wirtschaftsleben bisher besser erklären können als die Neoklassik.

Aber was ist gewonnen, wenn man weiß, wie sich der Lohn bildet? Gefragt seien vielmehr Antworten, wie man zu einem gerechten Lohn kommen könne, schallt es zur Zeit durch die Republik. Jeder arbeitende Mensch habe das Recht auf einen Mindestlohn, fordern Gewerkschaften und Linke schon lange lautstark – mittlerweile in gleicher Lautstärke auch SPD und Grüne. Selbst die FDP ist „kompromissbereit“.

Zu große Einkommensunterschiede wurden bereits in der griechischen Antike als ungerecht empfunden. Platon wird die Aussage zugeschrieben, dass niemand mehr als das Vierfache eines anderen verdienen solle.

Wenn es schon keine Einkommensobergrenze geben könne, dann doch bitte eine nach unten, sagen die Mindestlohn-Befürworter. Der Mindestlohn sei das Mindeste!

Das klingt gerecht. Und schafft neue Ungerechtigkeiten. Denn: Ein Mindestlohn ist für all jene prima, die durch die Einführung einer Einkommensuntergrenze mehr verdienen als bisher und dabei ihren Job behalten. Wer dagegen eine Anstellung hat, die sich für den Unternehmer bei der Bezahlung eines Mindestlohnes nicht mehr rechnet, der wird diese Anstellung verlieren.

Ein Mindestlohn würde also auch unter Arbeitnehmern Gewinner und Verlierer hervorbringen. Interessant wäre zu wissen: Wie groß diese Gruppen sind? Lohnt sich ein Mindestlohn, weil sich der daraus resultierende Arbeitsplätze-Verlust in überschaubaren Grenzen hält?

Die Empirie ist widersprüchlich: Insbesondere in den angelsächsischen Ländern kann kaum ein schädlicher Einfluss von Mindestlöhnen nachgewiesen werden. In Frankreich dagegen haben nach Einführung der Mindestlöhne vor allem Jüngere Probleme, an Arbeitsplätze zu kommen.

Vielleicht aber ist allein eine solche Abwägung zwischen Nutzen und Kosten eines Mindestlohnes unfair. Sollte es nicht in der freien Entscheidung jedes Einzelnen bleiben, zu welchen Bedingungen er einen (Arbeits-)Vertrag schließt?

Ist der Mindestlohn also Teufelszeug? Nicht ganz: Ein Vorteil hätte der Mindestlohn, er würde Mitnahme-Effekte durch Unternehmer unterbinden. Da Niedriglöhne häufig durch Hartz IV ergänzt werden, ist der Anreiz für Arbeitnehmer, sich für höhere Einkommen stark zu machen, nur bedingt vorhanden. Ob der Lohn bleibt wie er ist oder steigt und dadurch die Bezuschussung durch Hartz IV sinkt, macht für den Arbeitnehmer keinen Unterschied.

Durch einen Mindestlohn könnte Hartz IV „flankiert und so verhindert werden, dass bei den ‚Aufstockern’ Geschäfte zulasten der Sozialversicherungssysteme gemacht werden“, sagt der nicht für seine Gewerkschaftsnähe bekannte Chef der Monopolkommission Justus Haucap.

Haucap würde einen deutschlandweiten, über alle Branchen hinweg gleichen Mindestlohn zumindest den aktuell diskutierten branchenspezifischen Mindestlöhnen vorziehen. Letztere sind auch unter dem Begriff Entsendegesetz bekannt.

Mit dem Entsendegesetz können Löhne, die zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ausgehandelt wurden, für die Beschäftigten einer ganzen Branche verpflichtend gemacht werden. Was eine Gruppe von Menschen vereinbart, wird also per Gesetz für alle in einer Branche Beschäftigten zur Vorgabe.

„Branchenspezifische Mindestlöhne sind weder sozialpolitisch erklärbar – es gibt ja auch keine branchenspezifischen Hartz-IV-Sätze – noch sind sie wettbewerbskonform“, so Haucap. Meist gehe es nur darum, „kleine Unternehmen zu behindern oder Verbraucher auszuplündern – oder beides.“

Der deutschlandweit einheitliche Mindestlohn als kleineres Übel also? „Ein sehr moderater, allgemeiner Mindestlohn wäre aus meiner Sicht akzeptabel und vermutlich weitgehend unschädlich, beispielsweise 5 Euro“, sagt Haucap.

Das Problem: Ein Politiker, der mit dem Mindestlohn punkten will, wird sich mit einer 5 Euro-Forderung nicht an die Mikrofone trauen. 7 Euro sind das Mindeste, besser 8, noch besser 10 Euro.

Genau darin liegt ein Hauptübel des Mindestlohnes. Dass nämlich der Mindestlohn zum Politikum würde. Ein Überbietungswettbewerb würde entstehen. Nach dem Motto „Wer verspricht den höchsten Mindestlohn?“ hätten Populisten die besten Karten.

Weniger anfällig für Populismus und hilfreich zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit: die Trennung von Markt und Staat. Die Löhne bilden sich nach Angebot und Nachfrage, und für jene, die trotz Arbeit unter dem Existenzminimum bleiben, gibt der Staat Geld dazu. Und um Mitnahme-Effekte zu vermeiden, darf eine Lohnsteigerung nie vollständig durch eine Reduzierung der staatlichen Unterstützung aufgefressen werden. Wer mehr verdient, muss auch mehr haben. So einfach kann vernünftige Politik sein.

Übrigens: Die Lohnformel auf dem Grabstein wirft noch in einem weiteren Punkt ein falsches Licht auf Heinrich von Thünen. Der Ökonom war alles andere als ein Theoretiker im Elfenbeinturm der Akademie. In Mecklenburg führte er sehr erfolgreich einen landwirtschaftlichen Betrieb. Das besondere daran: Thünen zahlte den Arbeitern nicht nur Lohn. Er beteiligte sie auch am Gewinn. Nicht alles war früher schlechter. Und: Gute Ideen kann die Region gebrauchen. Die Arbeitslosigkeit beträgt dort aktuell 13,6 Prozent.

(Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 25. Februar 2011; er wurde anlässlich der aktuellen Mindestlohndebatte aktualisiert)

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3 Gedanken zu “Was wir verdienen – Ein Beitrag zur Mindestlohndebatte

  1. Drei Gedanken dazu:

    Nach dem Motto „Wer verspricht den höchsten Mindestlohn?“ hätten Populisten die besten Karten.

    Ein Beispiel für institutionelle Inkongruenz: Politiker der einen Ebene können versprechen, weil eine andere Ebene bezahlen muß.

    l = √a×p ist zu lesen, wobei „l“ für Lohn, „a“ für notwendigen Lebensunterhalt und „p“ für Arbeit steht.

    Der gerechte Lohn hat also nicht die Einheit €/h sondern √€*h. In der Physik kontrolliert man stets mit den Einheiten und erkennt dann solchen Blödsinn. Auch mit der AWL, in der Wert und Arbeitszeit ineinander umrechenbar sind, also 1h=c€ sind, kann man das nicht heilen.

    Gefragt seien vielmehr Antworten, wie man zu einem gerechten Lohn kommen könne, schallt es zur Zeit durch die Republik.

    Was ist das gerechte Lebensarbeitszeiteinkommen? Wenn der eine erst lange unentgeldlich studiert und der andere sofort Lohn für ungelernte Arbeit bekommt?

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  2. In der Tat ein sehr spannendes Thema. Sowohl Mindestlohn wie aber auch die Begrenzung nach oben. Sicherlich ist es so, dass die aktuelle Situation mit teilweise sehr tiefen Löhnen nicht befriedigend ist, denn es passiert genaud as was im Artikel aufgeführt. Es lebt sich besser mit Sozialhilfe als mit Arbeiten. Der hier genannte Ansatz könnte auf jeden Fall eine Verbesserung der aktuellen Situation bringen

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  3. Ich habe Thünens Lohnformel etwas anders verstanden:
    Der natürliche Arbeitslohn „A“ ist das Geometrische Mittel aus dem notwendigen Lebensunterhalt „a“ und dem Arbeitsergebnis „p“.
    Damit ist abgesichert, dass der Arbeiter, der mehr produziert als seinen notwendigen Unterhalt, von dem Mehrprodukt einen klar definierten Anteil erhält.
    Damit war das damals herrschende „Eherne Lohngesetz“, dass dem Arbeiter nur sein Existenzminimum zubilligte, durchbrochen.
    Das war, wenn auch scheinbar schwer verständlich, mindestens damals etwas Revolutionäres!

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