Zwang oder besseres Leben: Warum machen sich immer mehr Menschen selbständig?

An die Vorstellung muss man sich noch gewöhnen: Die Arbeitswelt in Deutschland wird zunehmen von Selbständigkeit geprägt.

Das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW Berlin hat sich die Entwicklung genauer angeschaut:

Die Zahl der Selbständigen ist in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit viel stärker gewachsen als die der Arbeitnehmer. Nach den Ergebnissen der amtlichen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung stieg die Zahl der abhängig Beschäftigten von 2000 bis 2012 um fünf Prozent, die der Selbständigen dagegen um 14 Prozent. Eine ähnlich starke Verschiebung zu selbständiger Erwerbstätigkeit hat es auch in den 90er Jahren gegeben. In den zwei Jahrzehnten davor war die Entwicklung dagegen umgekehrt.

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Was sind die Gründe für diese Entwicklung? 

Intuitiv fällt mir als ein Grund der technische Fortschritt ein, dass also die digitale Kommunikation freies und flexibles Arbeiten zunehmen ermöglicht und viele Menschen diese Möglichkeit gerne annehmen.

Die Studie des DIW geht auf diese Vermutung nicht explizit ein, legt dafür aber den Schluss nahe, dass der Trend weiter gehen wird, weil der Zuwachs besondern in jenen Bereichen groß ist, der grundsätzlich als zukunftsträchtig gilt.

Denn unter den Selbständigen…

1) … ist ein hoher Anteil an Akademikern.

Bei den Solo-Selbständigen sticht Deutschland deutlich heraus, denn in keinem anderen Land findet sich ein so hoher Anteil an Personen mit einem akademischen, einem technischen oder gleichrangigen nicht technischen Beruf in dieser Gruppe von Erwerbstätigen.

2) … ist ein Anstieg tendenziell in Zukunftsberufen zu beobachten.

Stark zum Wachstum beigetragen haben auch Lehrer und Dozenten, bildende Künstler, Steuer- und Wirtschaftsberater sowie IT-Kräfte und Personen in Pflegeberufen.

Allerdings: Ein Teil der Zunahme ist politisch bedingt. Zum Beispiel durch die Zunahme an Subventionen.

Der schubweise Anstieg rührt von zeitweilig starken Zugängen in die Solo-Selbständigkeit her – also von Gründungen. Das Ausmaß der Gründungen wiederum hängt auch von der Förderung ab, nicht zuletzt von der Subventionierung durch die Arbeitsverwaltung. So hat nach einem zuvor starken Anstieg die Zahl der geförderten Gründungen von 1997 bis 2002 stagniert. Zu einer enormen Erhöhung der Zahl der Solo-Selbständigen kam es ab dem Jahr 2003; damals wurde die Förderung (für „Ich-AG’s“) – auch angesichts steigender Arbeitslosigkeit – erheblich ausgeweitet. So ist nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit die Zahl der Bezieher des 2003 eingeführten Existenzgründungszuschusses bis Ende 2004 auf 220.000 gestiegen.

Weitere politische Regelungen spielen eine Rolle:

Zudem wurde im Jahr 2004 das Handwerksrecht liberalisiert, und es wurden vermehrt Selbständige aus den 2004 zur EU beigetretenen Staaten in Deutschland tätig. Überdies kam im Lauf desselben Jahres ein von der Politik unbeabsichtigter Sondereffekt hinzu: Mit der Ankündigung des Wechsels von der am letzten Lohneinkommen ausgerichteten Arbeitslosenhilfe hin zum bedarfsorientierten Arbeitslosengeld II fürchteten nicht wenige Personen, dass sie nach der Reform ihre Sozialleistungen einbüßen könnten. Um überhaupt noch staatliche Unterstützung zu erhalten, wurde vielfach eine Existenzgründungsförderung beantragt. Als dieser Sondereffekt nicht mehr zum Tragen kam und als ab August 2006 die Förderung durch die Arbeitsagenturen gestrafft, der Berechtigtenkreis eingeengt und die Förderungsintensität vermindert wurde, ließ auch das Wachstum bei der Zahl der Solo-Selbständigen deutlich nach.

Mit einem Vorurteil räumt die Studie übrigens auch auf, nämlich dass Selbständige grundsätzlich reich seien. Vor allem für Selbständige ohne Beschäftigte trifft das Vorurteil nicht zu:

 Bei den Einkommen zeigt sich eine sehr große Spreizung unter den Solo-Selbständigen. So liegt der Durchschnittswert (Mittelwert) weit über dem Median (mittleres Einkommen), also dem Wert, der die Einkommensbezieher in zwei gleich große Gruppen teilt. Ein Teil der Solo-Selbständigen kommt demnach auf weit höhere Einkommen als die große Mehrzahl der Erwerbstätigen, es gibt aber sehr viele, die nur geringe Einkünfte erreichen. Das mittlere Einkommen der Solo-Selbständigen liegt sogar unter dem der Arbeitnehmer. Die Situation der Selbständigen mit Arbeitnehmern ist dagegen viel günstiger, wenngleich es auch unter ihnen eine starke Einkommensspreizung gibt.

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