Die Sache mit den Mieten: Warum es besser ist, mit beiden Gehirnhälften Politik zu machen

Ich neige dazu, mich über Politiker aufzuregen. Über ihre populistischen Reden, ihre kurzsichtigen Wahlversprechen. Mehr noch ärgere ich mich über Wähler. Dass sie den populistischen Reden folgen, den Wahlversprechen glauben.

Dabei weiß ich es eigentlich besser. Ihr Verhalten ist rational, von beiden Gruppen. Die Public Choice Theorie beschreibt anschaulich, warum Politiker sich verhalten wie sie sich verhalten (Eigennutz) und Wähler ebenso (Es lohnt sich nur bedingt, sich mit politischen Themen tiefergehend zu beschäftigen). Warum aufregen, wenn dieses Verhalten verständlich ist? Etwa das von Peer Steinbrück, wenn er vorschlägt, steigenden Wohnungsmieten mit dem Mittel der gesetzlichen Verhinderung von Mietpreissteigerungen beikommen zu wollen.

Wenn die Mieten „zu sehr“ steigen, dann soll die Politik dies eben verhindern. Das ist sozial, das klingt vernünftig. Ist es eben aber nicht. Weil der Markteingriff dazu führt, dass das Wohnungsangebot verknappt wird, was den Druck auf Mietpreise erhöht, mit der Folge, dass, wenn diesem Druck nicht nachgegeben wird, es am Ende zu wenige (bezahlbare) Wohnungen gibt.

Die politische Diskussion über den Umgang mit steigende Wohnungsmieten steht beispielhaft für das Dilemma in der Politik. Dass nämlich eine relevante Gruppe von Wählern Parteien mit jenen Wahlversprechen den Zuschlag gibt, die auf den ersten Blick vernünftig, aber letztlich kontraproduktiv sind.

Warum das so ist? Weil der Mensch ist wie er ist. Und der Mensch ist mindestens zweigeteilt. Er folgt der Intuition ebenso wie dem Verstand. Der Mensch war schon immer darauf angewiesen, schnell zu entscheiden, dem Bauchgefühl zu folgen. Das hat ihm das Leben gesichert – und führt ihn bisweilen in die Irre.

Der erste, der dies genauer verstanden und wissenschaftlich belegt hat, war der Psychobiologe Roger W. Sperry. Er hat über die Funktionen der beiden menschlichen Gehirnhälften geforscht und dafür den Nobelpreis erhalten.

Seine verblüffende Entdeckung war, dass das menschliche Gehirn zwei grundlegend unterschiedliche Denkmodi verwendet, einen verbalen, analytischen, logisch-folgerichtige vorgehenden und einen visuellen, wahrnehmungsorientierten, simultanen.

Diese beiden Denkmodi sind auch körperlich verortet. Das sprachlich analytische ist vorwiegend in der linken Hirnhemisphäre zu Hause, das visuelle, gefühlvolle, intuitive in der rechten.

Was das mit Politik zu tun hat? Mit dieser rechten Hirnhemisphäre fällen wir spontane Urteile. Es ist unser Bauchgefühl das sagt, Mietpreisanstiege müssen beschränkt werden.

Der Verhaltensökonome, Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat die Erkenntnisse von Sperry auf die Ökonomie übertragen (Lesetipp: „Schnelles Denken, langsames Denken„, 2011).

Er nennt die Zweiteilung des Gehirns (ökonomisch-)schlicht „System 1“ und „System 2“.

System 1 arbeitet schnell und automatisch, weitgehend mühelos und ohne willentliche Steuerung. Hier entstehen Eindrücke und Emotionen. System 2 verrichtet anstrengendere Denkarbeit, arbeitet rational und reflektierend.

Kahnemans These lautet nun, dass unser Denken viel stärker vom System 1, dem schnellen Denken, beherrscht werde, als wir uns das vorstellen.

Die Folge: Wir machen Fehler. Selbst wenn wir glauben, vernunftgeleitet zu handeln, werden wir unbewusst von Gefühlen und Intuition getrieben.

Und damit wird Politik gemacht. „Politiker haben schon immer an Emotionen appelliert“, sagt Kahnemann in einem lesenswerten Interview in der NZZ.

Doch obwohl Kahneman bekennender Pessimist ist („Pessimismus ist genetisch bedingt, und ich stamme aus einer langen Linie von Pessimisten ab.“), glaubt er, dass die Möglichkeiten der Aufklärung, und damit für gute, vernünftige Politik, noch nie so gut waren wie heute: „Wir befinden uns in einer besseren Situation als Mitte des letzten Jahrhunderts.“

Im Kern fordert Kahneman Emotion und Vernunft zu verbinden. Weil die meisten Menschen sich mit Politik nur am Rande beschäftigen („Die Mehrheit der Leute liest nicht die langen, ausführlichen Artikel zu einem Thema, sondern die populäre, kurze Variante davon.“), muss man sie emotional berühren.

„Sie können das Publikum nicht alleine durch faktenbasierte Evidenz überzeugen. Sie müssen sich an das schnelle Denken richten, an «System 1»: Geschichten erzählen, die auch emotional berühren. Sonst werden die Leute den wissenschaftlichen Resultaten keine Aufmerksamkeit schenken. Das ist eine Herausforderung für Demokratien.“

Für die SPD könnte das zum Beispiel bedeuten, dass sie sich weiter für „bezahlbaren Wohnraum“ einsetzt (emotionales Thema), aber zur Zielerreichung den Weg „bessere Rahmenbedingungen bei die Erstellung von Wohnungen“ wählt (rationale Handlung: Erhöhung des Wohnungsangebots).

Eigentlich könnte erfolgreiche Politik so einfach sein. Man müsste nur einen einzigen Grundsatz folgen: Beim Denken und Handeln immer beide Gehirnhälften benutzen.

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3 Gedanken zu “Die Sache mit den Mieten: Warum es besser ist, mit beiden Gehirnhälften Politik zu machen

  1. Wie schlau der ganze Bericht ist. Wie wäre es, ganz einfach mal vernünftig und selbständig zu denken bzw. nach-zu-denken ? Wie wäre es, ganz einfach mal die viel zu hohen Mieten nicht mehr zu akzeptieren ?

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  2. Ich finde das nicht überzeugend, denn man kann ja auch genau umgekehrt argumentieren: Für jeden halbwegs interessierten Zeitgenossen ist doch nicht nur analytisch, sondern auch intuitiv klar, daß gesetzliche Mietpreisbegrenzungen unsinnig sind. Emotionen sagen keinesfalls immer und automatisch, daß Mietpreisbegrenzungen gut sind. Der einzige Unterschied zwischen einem Befürworter und einem Gegner solcher Maßnahmen ist ihre ökonomische Bildung. Meiner Meinung nach ist ökonomisches Wissen überhaupt bei vielen politischen Fragen ein sehr guter Prädiktor.

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