Nahrungsmittelspekulationen: Was der gestrige Tatort nicht erklärte…

Ein Kammerspiel mit Spitzenbesetzung. Ich fand den gestrigen Tatort nervenaufreibend wie selten, obwohl, oder gerade weil, so wenig passierte. Ökonomisch gesehen spannend: Die Motivation des Täters. Er lebte in der Überzeugung, dass Nahrungsmittelspekulationen das Hungerleid in der Welt vergrößern.

Diese Überzeugung ist keine Einzelmeinung. Fast alle Non-Profit-Organsationen, die im Bereich der Hungerhilfe arbeiten, argumentieren ähnlich.

Banker sind böse. Spekulationen schlecht. Die Finanzwelt korrupt. Jeder Satz eine Mehrheitsmeinung in Deutschland. Das Problem: Entstehen aus den Mehrheitsmeinungen Gesetze, wird dadurch das Elend der Welt nicht kleiner.

„Zahlreiche Studien warnen explizit vor einer Überregulierung, die die Agrarmärkte nicht besser, sondern schlechter funktionieren lassen würde“, schreiben Thomas Glauben, Ingo Pies, Sören Prehn und Matthias Georg Will vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO). Die Wissenschaftler haben 35 Forschungsarbeiten über den Einfluss der Finanzspekulation auf die Agrarrohstoffmärkte untersucht. Ihr Fazit:

Die weit überwiegende Mehrheit der Studien kann die in der öffentlichen Diskussion vorherrschenden Befürchtungen nicht bestätigen. Gemäß aktuellem Erkenntnisstand sprechen nur wenige und zudem schwache Befunde für die Auffassung, dass die Zunahme der Finanzspekulation in den letzten Jahren  das Niveau beziehungsweise die Volatilität der Preise für Agrarrohstoffe hat ansteigen lassen.

Verantwortlich seien vielmehr „realwirtschaftliche Faktoren“. Deshalb seien Wissenschaftler der Studien mehrheitlich auch nicht dafür, sondern dagegen, regulatorische Marktzutrittsbarrieren zu errichten. Maßnahmen wie „Transaktionssteuern“ oder „Positionslimits“ werden als sehr riskant angesehen.

Mit andern Worten: Eingriffe in den Handel mit Agrarprodukten können es am Ende unattraktiver machen, solche Produkte anzubauen. Eine geringeres Angebot aber treibt den Preis nach oben. Und so schlussfolgern die Wissenschaftler:

Zahlreiche Studien warnen explizit vor einer Überregulierung, die die Agrarmärkte nicht besser, sondern schlechter funktionieren lassen würde. Insofern ist der Alarm zur Finanzspekulation als Fehlalarm einzustufen: Wer den Hunger in der Welt wirksam bekämpfen will, muss realwirtschaftlich dafür Sorge tragen, dass das Angebot an Nahrungsmitteln mit der auf absehbare Zeit steigenden Nachfrage Schritt halten kann.

Ergo: Der Tatort-Täter handelte nicht nur mit der Kindentführung moralisch falsch, auch seine dahinter liegende Motivation (Reduzierung des Leides in der Welt) war, aus wissenschaftlicher Sicht, mehr als fragwürdig.

Siehe auch: Offener Brief von Ökonomen an Joachim Gauck

Eine Übersicht über das Thema „Nahrungsmittelspekulationen“ gibt es auf Joop Koppmans-Blog.

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5 Kommentare zu „Nahrungsmittelspekulationen: Was der gestrige Tatort nicht erklärte…

  1. Alles schön und gut, aber ist nicht die Frage viel wichtiger, ob ich mich jetzt über dich lustig machen sollte, weil du freiwillig den Tatort siehst, oder weil du dich in deiner Überschrift vertippt hast?

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  2. Derivate an sich sind ja nichts schlechtes, nur der Umgang mit ihnen und natürlich den Treibern kann problematisch sein. Warum nicht auf Reis spekulieren, stattdessen auf eine Firma, die damit ihr Geld verdient? Solange das Spielgeld ist.

    Den Rest am Besten ins Häuschen stecken. Plus Sparbuch ;-)

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