Rands Welt: Wir realistisch ist Ayn Rands Kapitalismus?

Weil ich gestern den liberalen Lesekreis der Freiheitsfreunde besucht habe, las ich zuvor Ayn Rands Aufsatz „What is Capitalism?“ aus dem Jahre 1967. Rands Radikalismus („Die einzige Staatsaufgabe ist es, Zwang von den Menschen fern zu halten.“) gefällt mir grundsätzlich: Nur wer radikal denkt, hat einen besseren Blick für fragwürdige gegenwärtige Verhältnisse.

Ich frage mich allerdings: Wie realistisch ist Rands Gesellschaftsbild? Und: Passt es zu meinem Weltbild?

Zunächst: Was ist Rands Vorstellung von einer guten Gesellschaft?

Rands Welt besteht aus wenig Grundsätzlichem. Es gibt ausschließlich Individualrechte. So etwas wie Gemeinwohl oder das Verfolgen eines wie auch immer gearteten „öffentlichen Interesses“ lehnt Rand vehement ab.

„Die stammesgeschichtliche Vorstellung des Gemeinwohls hat den meisten historischen Gesellschaftssystemen – vor allem allen Tyranneien – als moralische Rechtfertigung gedient.“

Rands Individualrechte bestehen zum einen aus dem Recht auf Eigentum („Hat der Mensch kein Verfügungsrecht über das Produkt seiner Leistung, so kann er auch nicht über seine Leistung verfügen; kann er aber nicht über seine Leistung entscheiden, hat er kein Verfügungsrecht über sein Leben.“) und zum Zweiten aus der Abwesenheit von Zwang.

Aus letzterem ergibt sich die alleinige Aufgabe des Staats, nämlich dafür zu sorgen, dass Menschen nicht unterdrückt werden. Es gibt keinen Staatsbesitz, ausschließlich Privateigentum, keine Umverteilung, der Staat schützt nur, er nimmt nicht weg:

„In einer kapitalistischen Gesellschaft darf weder ein Einzelner, noch eine Gruppe mit der Anwendung von physischem Zwang gegenüber anderen beginnen. In einer solchen Gesellschaft hat die Regierung die alleinige Aufgabe, die Rechte des Einzelnen zu sichern, d.h., ihn vor physischem Zwang zu schützen.“

So weit, so paradiesisch. Eigentlich würde ich Ayn Rand gerne folgen. Es klingt so schön. Aber ich habe Zweifel, genauer gesagt deren drei.

1) Wie sieht eine Gesellschaft aus, in der es ausschließlich freiwillige Umverteilung gibt? Der heutige Sozialstaat schützt die Menschen vor Hunger, Obdachlosigkeit, fehlender ärztliches Behandlung.

Jeder Mensch hierzulande hat diese Rechte. Weil die Mehrheit es so beschlossen hat. Gäbe es keine staatliche Umverteilung, könnten diese Leistungen nicht garantiert werden. Ohne diesen „Zwang“ hinge es von der Freiwilligkeit jedes Einzelnen ab, ob Menschen überleben, behandelt werden, wohnen können.

Was also, wenn Bedürftige durchs freiwillige Hilferaster fallen? Weil gerade keiner da ist, der freiwillig etwas gibt? Wenn es kein Recht aufs Überleben gibt? Gibt es neben dem Grundrecht auf Freiheit, nicht auch ein Grundrecht zu überleben?

2) In Rands Welt gibt es ausschließlich Privateigentum. Der Staat, die Gesellschaft als Gesamtheit, besitzt nichts. Selbst Straßen, Seen, Verkehrsregeln wären in Rands Welt in privater Hand, letzteres zwischen Privaten ausgehandelt. Was aber, wenn ich mir die Nutzung von Straßen nicht leisten kann? Wenn der Gehweg vor meinem Haus, jemandem gehört, der dafür Geld verlangt, das ich nicht habe. Muss ich dann in meinem Haus bleiben?

3) Ayn Rands Vorstellung über das „Wesen des Guten“ basiert, so schreibt sie selbst, auf der philosophischen Denkrichtung der objektiven Theorie. Diese definiert sich vor allem durch die Abgrenzung zweier anderer Theorien, der intrinsischen und der subjektivistische Theorie. Rand:

„Die intrinsische Theorie behauptet, das Gute sei gewissen Dingen oder Handlungen als solchen inhärent, ohne Rücksicht auf deren Zusammenhang oder Auswirkungen, ohne Rücksicht auf etwaigen Nutzen oder Schaden, der den Akteuren oder Betroffenen entstehen könnte. … Die subjektivistische Theorie ist der Ansicht, das Gute haben keinen Bezug zu den wirklichen Tatsachen, es sei das aus Gefühlen, Wünschen, “Intiutionen” oder Marotten hervorgebrachte gedankliche Produkt eines Menschen, und es sei lediglich ein “willkürliches Postulat” oder eine “emotionale Verpflichtung”. „

Rand lehnt sowohl die intrinsische wie die subjektivistische Theorie ab:

„Während die intrinsische Theorie behauptet, das Gute existiere in einer vom menschlichen Bewusstsein unabhängigen Form der Realität, behauptet die subjektivistische Theorie, das Gute existiere im Bewusstsein des Menschen, unabhängig von der Realität. … Beide Theorien sind die notwendige Basis für jede Dikatur, Tyrannis oder Variante des absoluten Staates. … Wenn ein Mensch glaubt, das Gute sei bestimmten Handlungen inhärent, wird er nicht zögern, andere zu ihrer Ausführung zu zwingen. Wenn er glaubt, dem durch solche Handlungen verursachten Nutzen oder Schaden sei keine Bedeutung beizumessen, wird er ein Blutbad für unerheblich ansehen. … Die objektive Theorie behauptet dagegen, das Gute sei weder ein Attribut von “Dingen an sich”, noch von emotionalen Zuständen des Menschen, sondern eine Bewertung realer Tatsachen durch das menschliche Bewusstsein in Bezug auf einen rationalen Wertmaßstab.“

So weit, so einigermaßen verständlich. Schwieriger zu verstehen ist für mich Rands Favorit, die objektive Theorie. In Rands Worten:

„Die objektive Theorie behauptet, dass das Gute vom Menschen entdeckt werden muss. … Da Werte vom menschlichen Geist zu entdecken sind, müssen die Menschen die Freiheit haben, sie zu entdecken, d.h., zu denken, zu studieren, ihr Wissen in gegenständliche Form zu übersetzen, ihre Produkte zum Tausch anzubieten, sie zu beurteilen und auszuwählen, seien es nun materielle Güter oder Ideen, ein Brotlaib oder eine philosophische Abhandlung.“

Wie ich Rand verstehe: Sie lehnt sowohl eine (intrinsische) Theorie vom guten Leben ab, wo das Gute losgelöst vom Menschen, quasi vordefiniert, zu finden ist (etwa wie die Kirche sagt, es gibt einen Gott und sagt, wie die Menschen leben sollen), als auch eine (subjektivistische) Theorie, wo das Gute völlig beliebig, in jedermanns Definitionsfreiheit liegt.

Die objektive Theorie geht dagegen davon aus, dass die Realität beobachtbar sei und in der Betrachtung der Realität durch den Menschen, das Gute gefunden werden kann. Hier ist Rand für mich am fragwürdigsten. Denn was Rand als das wichtigste Gut definiert (nämlich in der Abwesenheit von Zwang zu leben), das mag für sie wichtig sein, aber ist es vielleicht für andere nicht in dem Ausmaß. Rands Gesellschaftsbild kann aber nur funktionieren, wenn für alle Menschen die Abwesenheit von Zwang das wichtigste Gut ist.

Ansonsten kommt es zu folgender absurden Situation, dass nämlich Rands Staat – dessen einzige Aufgabe die Durchsetzung der Freiheit ist – Menschen – denen die Freiheit weniger wichtig ist als ein anderes Gut (etwa kein Hunger zu leiden) – dazu zwingt, frei zu sein.

Mit anderen Worten: Rands Gesellschaft funktioniert nur, wenn alle Menschen die gleichen Präferenzen haben. Davon aber gehe ich nicht aus. Ich glaube, es gibt keine objektive Theorie. Alles liegt im Auge des Betrachters, wird also von jedem Betrachter unterschiedlich wahrgenommen. Rand lehnt in ihrem Aufsatz so vehement das Gemeinwohl ab und definiert dann doch selbst das Gemeinwohl (alle wollen keinen Zwang). In sofern basiert Rands Kapitalismus auf einem Absolutismus.

Wo ich aber Rand folge: In der überragenden Bedeutung menschlicher Freiheit. Und deshalb teile ich ihre Wertschätzung für den Markt, weil dort niemand zu einem Handeln oder Nicht-Handeln gezwungen wird, was nicht heißt, dass es keine Bedingungen gibt (etwa zu arbeiten, um zu überleben). Im Kapitalismus, so Rand, steht es den Menschen frei..

„..ob sie zusammenarbeiten oder nicht, untereinander Handel treiben oder nicht; dies hängt allein davon ab, was ihnen ihr eigenes Urteil, ihre eigene Meinung und ihr eigenes Interesse gebieten. Sie können miteinander nur auf geistiger Ebene verkehren, d.h. durch Diskussion, Überredung und vertragliche Übereinkunft, aus freiwilligem Entschluss zum wechselseitigen Vorteil.“

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Ein Gedanke zu “Rands Welt: Wir realistisch ist Ayn Rands Kapitalismus?

  1. Ayn Rands Position wirkt natürlich befremdlich, vor allem wenn man sie aus der Perspektive europäischer Wohlfahrtsstaaten betrachtet. Viel befremdlicher finde ich aber die Gegenposition: Viele Leute sind der Meinung, man könnte andere ruhig zu bestimmten Verhaltensweisen zwingen oder ihnen bestimmte Verhaltensweisen verbieten. Dahinter steht als zentrales Dogma immer der Gedanke, der Staat habe in seinem Gebiet ein Gewaltmonopol, selbst wenn dem nicht alle Bewohner dieses Gebietes zustimmen. Diese Freunde des Zwangs scheinen zudem nichts daran zu finden, daß die Regeln des Zusammenlebens von wenigen hundert Leuten in sogenannten Parlamenten bestimmt werden.

    In Deutschland reichen 321 Personen, um Bundesgesetze zu beschließen, das sind 0,0004 % der Bevölkerung. Die Freunde des Zwangs nennen das „Mehrheitsprinzip“ und sehen erstaunlicherweise kein Problem darin. Viele haben sogar das Gefühl, dieses 321 Personen seien zur Aufstellung verbindlicher Regeln für alle legimitiert. Wir haben uns natürlich alle an diese Ordnung gewöhnt, aber es ist und bleibt eine bizarre Zwangsordnung.

    Ayn Rand mag befremdlich wirken, aber das Staatsverständnis der meisten Menschen erinnert doch eher an religiösen Wahn.

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