Die Welt ist keine Scheibe: Warum die Musikindustrie Zukunft hat

Es hatte so ausgesehen, als sei die Geschichte bereits zu Ende erzählt. Die vom Aufstieg und Fall einer gigantischen Wirtschaftsbranche, der Musikindustrie. Deren Anfang in der Erfindung der Schallplatte und deren Schlusspunkt mit dem Aussterben der CD gekommen schien.

Vielleicht stimmt beides nicht. Zumindest der Anfang nicht. Am Anfang nämlich stand keine Scheibe, sondern eine Walze aus Wachs. Der berühmte Physiker Thomas Edison hatte sie 1888 entwickelt, 10 cm lang, mit einem Durchmesser von 5 cm. Sie was der erste brauchbare Audioaufzeichner und -abspieler. Mehrere Minuten Ton konnte die Wachswalze konservieren.

Nicht in der Form, aber in der Technik ähnelte die Walze bereits der späteren Langspielplatte: Zur Wiedergabe wurde die rotierende Wachswalze mit einem abgerundeten Diamanten abgetastet.

Die darauf folgende Geschichte der Tonträger ist weitgehend bekannt. Auf die Wachswalze folgte die haltbarere und reproduzierbare Schellackplatte des deutschen Erfinders Emile Berliner, dann die Schallplatte, das Tonband, die Compact Cassette und schließlich die Compact Disc.

Es war nicht einmal eine Frage der Zeit, bis den technischen Erfindungen der wirtschaftliche Nutzen folgte: Schellack-Plattenerfinder Berliner hatte bereits 1887 mit American Gramophone Co. die erste Plattenfirma weltweit gegründet, es folgten Columbia Records und 1898, mit Deutsche Grammophon, die erste deutsche Plattenfirma.

Ziemlich schnell war offenbar klar geworden, dass der technische Fortschritt ein geniales Geschäftsmodell ermöglicht, nämlich eine einmal gemachte Aufnahme millionenfach zu kopieren und danach wieder einzeln zu verkaufen.

Einmalige Produktionskosten und niedrige variable Kosten – eine solche Wirtschaftslogik braucht vor allem eines: Bekanntheit. So lassen sich einmal entstandene Fixkosten der Produktion in Windeseile amortisieren. Die Reproduktionstechnik machte Stars zu Goldeseln.

Im Jahre 1921 wurde in der Musikbranche der USA erstmals die Umsatzmarke von 100 Millionen Dollar überschritten, 1967 waren es bereits mehr als eine Milliarde.

Dem Aufstieg und der Vielfalt folgte die Konzentration. Plattenfirmen kauften sich gegenseitig auf. Heute ist die Tonträgerindustrie oligopolistisch strukturiert. Es gibt wenige große Anbieter, so genannte Major-Labels, und eine Vielzahl kleinerer Plattenfirmen (Independent Labels). Die großen Vier, das sind: Universal Music Group, Sony Music Entertainment, EMI Group und Warner Music Group. Sie erreichen einen Weltmarktanteil von 71,7 Prozent.

Die Krise begann 1997. Der Grund war der gleiche, welcher der Branche den Aufstieg ermöglicht hatte: technischer Fortschritt. Mit dem massenhaften Verkauf beschreibbarer CDs hielt erstmals eine Technik in Privathaushalte Einzug, welche die günstige Reproduktion ohne Qualitätsverlust ermöglichte. Man könnte sagen, die Musikindustrie wurde mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Was sie groß gemacht hatte, ließ sie nun wieder schrumpfen. Weil sie das Monopol auf günstige und hochwertige Reproduktion verloren hatte.

Die Musikindustrie kämpft seitdem mit einer Strategie gegen den Abstieg, die in vielen sterbenden Industrien zu beobachten ist: mit Verteidigung, der Bewahrung des Bestehenden. CDs wurden mit Kopierschutz versehen, mit Lobbyarbeit wird für die Verschärfung des Urheberrechts gekämpft und – seit das Internet und das Audioformat MP3 den Absatz weiter bröckeln lässt – auch mit Klagewellen gegen jene, die Musik downloaden, ohne dafür zu zahlen.

Der Abwehrkampf mag den Niedergang verlangsamt haben, die Richtung umkehren konnte er nicht. Wer sich Strategien für die Verteidigung überlegt, hat keine Reserven für neue Ideen, für Offensiven.

Ein ganzes Jahrzehnt hielt die Musikindustrie an einem Geschäftsmodell fest, das in der Zeit vor dem Internet entstand. Als würden noch immer lediglich Schallplatten und CDs verkauft, einzeln, abgepackt, an der Kasse in eine Tüte gesteckt, zu hause aufgerissen, aufgelegt und abgespielt.

Die Musikindustrie behielt ein Geschäftsmodell bei, das entwickelt wurde, als noch für einen physischen Gegenwert bezahlt wurde. Heute aber ist Musik digital. Man kann Musik noch immer besitzen, sie sich in ein IKEA-Regal stellen und wenn dies voll ist, Kisten für den Keller packen. Nur nötig ist das nicht mehr. Gigantische Musiksammlungen passen heute auf kleine Festplatten. Und die müssen nicht einmal mehr in der eigenen Wohnung aufbewahrt werden, sondern können, von Internet-Experten sicher verwaltet, über das Internet abgerufen werden, Stichwort: Cloud-Computing.

Langsam scheinen die neuen Techniken neue Einkommensmöglichkeiten zu generieren. Geschäftsmodelle, die darauf bauen, dass Eigentum an Bedeutung verliert. Nicht für den Besitz von Musik wird in Zukunft bezahlt werden, sondern für den Zugang zu ihr. Nicht die Bewahrung einer Musiksammlung auf Lebenszeit ist mehr das Ziel, sondern die Zur-Verfügung-Stellung dessen, was gerade interessiert – so könnte das Geschäftsmodell, der Goldesel der Zukunft, aussehen.

Das wird nicht funktionieren, klagen Konservative. Der Mensch wolle besitzen, wolle das einmal Erworbene nicht wieder hergeben, wolle den seit der eigenen Jugend verfestigten Musikgeschmack mit den Händen greifbar bewahren. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Vielleicht folgt der Umgang mit Eigentum auch Moden und technischen Möglichkeiten. Vielleicht wird man sich in 50 Jahren wundern, wie man Wohnzimmer mit riesigen Bücher- und Platten- und CD-Regalen verrammeln konnte. Vielleicht kann die Entfernung von sichtbaren Beweisen des einmal Erfahrenen auch eine Befreiung sein.

Wir wissen es nicht. Noch nicht. Der technische Fortschritt wird es weisen. Es hat damit angefangen, dass das E-Book dem Bücherregal Konkurrenz macht, jetzt bekommt die Musikindustrie ihre zweite Chance.

In Deutschland wurde der Grundstein dafür diesen Monat gelegt. Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) und der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) haben einen Vertrag geschlossen, der die Höhe der Urhebervergütungen regelt, die für das Onlinestellen von Musikstücken auf Internet-Musikportalen zu bezahlen sind. Zwischen sechs und neun Cent soll pro Song bezahlt werden.

Damit ist die Basis geschaffen für ein Geschäftsmodell, bei dem die Kunden nicht mehr einzelne Stücke oder Alben für die Ewigkeit kaufen, sondern dafür bezahlen, dass sie sich auf Zeit Zugang zu Millionen Titeln verschaffen. Der Musikinteressierte kann sich nun für zwei konkurrierende Geschäftsmodelle entscheiden (so er bei legalen Wegen der Musikbeschaffung bleibt): Entweder er besitzt relativ wenige Musik-Titel auf Dauer, oder er hat die Auswahl aller verfügbaren Musik, dies aber nur, solange er zahlt.

Manches spricht dafür, dass Letzteres das Modell der Zukunft ist. Weil, wer ohne CD aufgewachsen ist, gar nicht auf die Idee kommt, den MP3-Player durch ein CD-Regal ersetzen zu wollen. Weil mit Musik-Streaming die Lust auf neue Musik geweckt wird. Denn statt ständig die gleichen CDs in den Player zu legen, verleitet ein Streaming-Abo dazu, auf Entdeckungsreise zu gehen. Schließlich stehen Millionen Songs zur Auswahl. Sicher ist: Die Geschichte der Musikbranche hat nicht mit einer Scheibe begonnen. Es sieht so aus, als wird die Scheibe auch nicht ihr Ende bedeuten.

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Napster, Deezer, Simfy: Eine Liste von Streamingdiensten findet sich hier.

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2 Kommentare zu „Die Welt ist keine Scheibe: Warum die Musikindustrie Zukunft hat

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